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La forza del destino an der Dutch National Opera (c) Monika Rittershaus

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Ein Ausflug zu den niederländischen und belgischen Nachbarn ist immer lehrreich, und verweist unsere so reiche deutsche Bühnenlandschaft nicht selten auf mittlere Plätze, wenn man sieht, was dort an nur zwei oder drei größeren Bühnen geleistet wird. Wir starten mit einem Wochenende in Amsterdam. Und stellen fest: Manchmal ist Erzählen, wie es im Libretto geschrieben steht, schon ein revolutionärer Akt. Christof Loy hat das an der Dutch National Opera gewagt, mit Verdis „Macht des Schicksals“. Er beginnt schon in der von Michele Mariotti subtil gestalteten Ouvertüre: In einem Salon sitzen ein Mädchen und zwei Jungen, Leonora, Alvaro und Carlos. Und hier sind religiöser Wahn, Schwäche, Trotz und Sturheit zu Hause.
Loy zeigt eine heillose Welt als geschlossenes System. Mit altmeisterlich ausgeleuchteten Räumen voll barock gegliederter Menschengruppen. Bilder überlagern sich, frieren theatralisch ein. Zwischen den Schlachten führt Preziosilla mit einer Kerletruppe Revuefronttheater auf. Tote erheben sich, lassen Lebende nicht in Ruhe. Die Kirche schiebt sich in den Raum, und natürlich sind wir am Ende zurückgekehrt zum Anfang im Salon. Michele Mariotti dirigiert akzentsicher wie effektbewusst. Als Leonora berührt Eva-Marie Westbroeck darstellerisch, aber ihr Vibrato wackelt. Nur solide die Männer im ewigen Emotionsdreieck à la Verdi, Roberto Aronica (Alvaro) und Franco Vasallo (Don Carlo). Vokales Zentrum ist der weich strömende Vitalij Kowaljow (Padre Guardiano).
Nächster Abend, gleiches Haus: Diesmal spielt das Dutch National Ballet. Der zu Ehrende darf sich unter dem Applaus seines Publikums zum Platz begeben, dann folgen König Willem-Alexander und Königin Maxima. Eine schöne Geste für den am 11. Juli 85 Jahre alt gewordenen Choreografen Hans van Manen. Man feiert ihn mit einer vierteiligen „Ode to the Master“, zur Premiere gab es ein weiteres Goodie, eine van-Manen-Hommage an einen befreundeten „Master“, Martin Schläpfer vom Ballett am Rhein. Ein royaler, dabei unprätentiöser Abend, faszinierend in seiner Frische, mit der sich dieses Oeuvre darbietet. Hans van Manen ist (nicht nur) in den Niederlanden ein ganz Großer, einer der den zeitgenössischen Tanz viel stärker als anderswo im Alltag verankert hat.
Extravaganteres wird kaum von einer Sopranistin verlangt. Sie muss sich gegen ein spätromantisches Orchester behaupten und sich in strahlender Nacktheit präsentieren, schließlich zeigt sie sich so dem Eindringling, den ihr Gatte zum Tod verurteilen ließ, weil er dem Land das Licht und die Liebe zurückbringen wollte. Schließlich muss sie diesen Mann als Toten erwecken. Es sind nicht nur diese Schwierigkeiten, die Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ zu einer raren Bühnenerscheinung haben werden lassen.
Die Opera Vlaanderen hat das expressiv-schillernde, freudianische Werk in einer stimmigen Inszenierung aufbereitet. Alexander Joel dirigiert süffig und schroff expressiv. Regisseur David Bösch beamt das jugendstilschwangere Mittelalter der Vorlage in eine Parallelwelt. Zwischen Staubboden und Gestrüpp wähnt man sich im „Breaking Bad-“ oder Mad Max“-Land, wo eine sektenähnliche Gesellschaft sich von ihrem Anführer beherrschen lässt. Den spielt der bullige Tómas Tómasson mit schrundigem Bassbariton. Ausrine Stundyte geistert als Heliane somnambul, mit agil Dauerhöhen ersteigendem Sopran. Ian Storey gibt dem Fremden füllige Körperlichkeit und seinen durchdringenden, freilich nicht jugendlichen Tenor. So wird clever aus religiösem Schwulst von gestern mythensattes Fantasy-Material von heute.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 5 / 2017



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