Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Erik Umphery/Blue Note

Gregory Porter

Der König der Liebe

Herzenssache: Der populärste Jazzsänger unserer Zeit verneigt sich auf seinem neuen Album vor Ersatzvater Nat King Cole.

Er singe lieber eigene Stücke als Standards, sagte Gregory Porter mal. Der Erfolg seiner ersten vier Alben gab dem bärtigen Hünen mit der charakteristischen Ballonmütze und dem badewasserwarmen Bariton Recht: Zwei Grammys erhielt Porter für seine Einspielungen, die ihm den Ruf einbrachten, der Retter des Jazzgesangs zu sein. Gerade in Deutschland liebt man ihn für seine zwischen Sixties-Jazz, Gospel und Soul vermittelnden Lieder – seine Einspielungen rangierten in den Top Ten der Charts, zwei Mal moderierte er den ECHO Jazz in Hamburg und selbst in der Fernsehshow von Helene Fischer war er schon zu Gast. „Keine Sorge: Sie musste sich nicht in mein musikalisches Territorium wagen und ich nicht in ihres. Wir haben uns in der Mitte getroffen, bei Prince“, erzählt der Sänger lachend.
Warum hat sich Porter nun dazu entschieden, mit seinem Vorsatz zu brechen und mit „Nat King Cole & Me“ eine Platte aufzunehmen, die höchst nostalgisch und streicherselig altbekannte Nummern wie „Mona Lisa“ oder „L-O-V-E“ zu Gehör bringt? Also so klingt, als sei in den vergangenen 60 Jahren nichts passiert?
„Das hätte auch ohne Weiteres meine erste Platte sein können“, erklärt der Sänger beim Gespräch in einem Berliner Hotelzimmer, „doch ich fand es wichtig, mich erst als eigenständige musikalische Persönlichkeit zu etablieren.“ Und natürlich musste so ein Album irgendwann mal kommen. Nat King Cole, dessen Stücke Porter nun in sehr retro gehaltenen Arrangements von Vince Mendoza aufgenommen hat, ist nämlich eine Herzensangelegenheit für den Bariton.
Cole ersetzte ihm den zumeist abwesenden Vater in der Kindheit, seine Stimme spendete ihm Trost und Zuversicht. Porter deutet auf das Cover seines neuen Albums, das den erwachsenen Sänger mit sinnierendem Blick vor einer riesigen alten Stereoanlage mit einer Platte von Nat King Cole in der Hand zeigt. „So saß ich da auch mit sechs Jahren“, erläutert er das Bild.
Es birgt natürlich eine gewisse Ironie, dass sich ausgerechnet der meistgestreamte Jazzkünstler der Gegenwart als Vinyljünger in Szene hat setzen lassen. Porter lächelt. Mit den Streamingdiensten habe er kein Problem, „solange die Musik nicht zum Wegwerfobjekt degradiert wird, weil es zu viel davon gibt.“ Er genieße das Ritual, eine Schallplatte zu hören. „Ich verschwende da keine Umdrehung! Ich laufe nicht im Haus herum und mache etwas Anderes. Ich habe einen manuellen Plattenspieler, ich muss also da sein, wenn die Platte zu Ende ist, um die Nadel runter zu nehmen. Mir gefällt die Idee, dass man sich Zeit für Musik nehmen muss.“
Zeit nahm sich der 1971 in Los Angeles geborene Sänger, der ursprünglich Football-Spieler werden wollte, auch für seine musikalische Karriere. Nat King Cole spielte da immer wieder eine Rolle. Die allererste Plattenaufnahme des damals noch völlig unbekannten Porter war 1998 eine Interpretation des Songs „Smile“ auf dem Album „Hubert Laws Remembers The Unforgettable Nat King Cole“. 2004, also noch deutlich vor seinem Durchbruch mit dem Debütalbum „Water“ im Jahr 2010, schrieb er ein semiautobiografisches Musical über sein Verhältnis zu dem von ihm verehrten Sänger und Pianisten, das mit lokalem Erfolg zur Aufführung gelangte.

Nostalgie mit Untertönen

Natürlich hat der 1965 verstorbene Cole auch im Schreibstil seines Bewunderers Spuren hinterlassen. Deutlich wird das etwa in Porters Song „When Love Was King“, den er schon auf dem Album „Liquid Spirit“ veröffentlicht hatte, und der jetzt auch auf dem Nat-King-Cole-Tribut auftaucht. Ist dieses Lied, das von einem märchenhaften Land erzählt, in dem ein weiser Herrscher für Mitmenschlichkeit sorgt, ein Kommentar zur Trump-Administration? „Ja“, antwortet der Sänger, „ich habe dieses Stück zwar vor Jahren geschrieben, aber eigentlich ist es für die heutige Zeit gedacht.“
Ohnehin glaubt Porter, dass sich der Jazz gerade wieder stärker in gesellschaftliche Diskussionen einbringt. Eigentlich habe er das schon immer gemacht, aber oft habe man das nicht so mitbekommen. „Bei Instrumentalisten wie John Coltrane ist es viel schwieriger, das Politische auf Anhieb zu erkennen. Ich sage immer: Man muss den Protest kennen, um ihn heraushören zu können. Protest muss nicht immer eine Faust sein, er kann auch subtil sein und sich in etwas Anspruchsvollem verstecken.“
Angst davor, dass die improvisierte Musik auf lange Sicht ihre Relevanz verlieren könnte, hat der Hüne nicht. „Jazz ist die Musik der Freiheit. Es liegt an uns, ihm zu ermöglichen, weiterhin zu blühen. In allen Teilen der Welt. Miles Davis, John Coltrane oder Nat King Cole werden nicht verschwinden. Wir haben ihre Platten. Dieser Grad an Genialität kann nicht einfach vergessen werden.“

Erscheint am 27.10.:

„Nat King Cole & Me“

Gregory Porter

Blue Note/Universal


Der König und ich

Auf „Nat King Cole & Me“ interpretiert Gregory Porter mit Begleittrio und dem von Vince Mendoza arrangierten London Studio Orchestra Stücke, die durch Nat King Cole berühmt wurden: etwa „Nature Boy“, mit dem der 1919 geborene Sänger und Pianist 1948 seinen ersten internationalen Erfolg feierte, Charlie Chaplins „Smile“, die unvermeidliche „Mona Lisa“ oder das als „Perhaps, Perhaps, Perhaps“ bekannt gewordene „Quizas, Quizas, Quizas“ aus der Feder des kubanischen Komponisten Osvaldo Farrés. „I Wonder Who My Daddy Is“, der persönlichste Song auf Porters Aufnahme, stammt allerdings nicht aus dem Repertoire von Nat King Cole, sondern aus dem seines Bruders Freddy.


Josef Engels, RONDO Ausgabe 5 / 2017



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Teodor Currentzis

Griechisches Feuer

Das hätte selbst Karajan nie zu träumen gewagt: Die Sony nimmt im russischen Perm einen […]
zum Artikel »

Boulevard

Wenn „Salut Salon“ Weihnachten feiert …

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

Wenn „Mr Sandmann“ „Liebster Schneemann“ heißt, wenn ein Weihnachtslied ohne die typischen […]
zum Artikel »




Top