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(c) Gregor Hohenberg/Sony

Pretty Yende

Verführung mit Verstand

Sie ist noch nicht fertig, sagt die Sopranistin von sich selbst. Auf ihrer zweiten CD klingt sie aber bereits souverän.

Der ECHO Klassik 2017 als „Nachwuchskünstlerin des Jahres“ für ihre erste Platte „A Journey“ – total überschätzt? So könnte man durchaus denken über eine schwarze Sopranistin aus Südafrika, die mit 16 Jahren das „Lakmé“-Blumenduett in der Werbung für „British Airways“ hörte und deshalb Oper singen wollte. Diversity und Storytelling, alles Dinge, die heute angehende Plattenkünstler mitbringen müssen. Nur gut singen, das reicht schon lange nicht mehr. Und so war dieses Debüt wirklich eine Reise durchs Pretty-Land, vor allem hin zu den mal schnippischen, mal melancholie-umdüsterten Belcanto-Mädchen, die sie bis dahin gesungen hatte. Eher unausgegoren klang das, ein wenig flach, die Charaktere schienen nur angetippt. Alleingelassen wirkte sie auch noch in Zürich bei ihrem „I Puritani“-Debüt, wo die Regie nichts Interessantes zu ihrer Elvira hatte vermitteln können.
Doch jetzt, eineinhalb Jahre später, zur Veröffentlichung ihres zweiten Albums, da hat dieses Pretty-Yende-Bild schon weit mehr Farben und Tiefe bekommen. Da hört man eine Stimme mit einer satten Mittellage und inzwischen sehr sicher als Ausdrucksgesten eingesetzte Koloraturen sowie leichtgängige Spitzentöne, die das Ergebnis harter Arbeit sind. Alles Eindrücke, die sich auf „Dreams“ zu etwas Wirklichkeit Gewordenem fügen. Einer ernsthaften Künstlerin nämlich, die sich geformt und gehäutet hat, die sicherer geworden ist, aber immer noch weiter bei ihrer Lehrerin Mariella Devia studieren will. Und die trotzdem, mit 32 Jahren, jetzt für (fast) alle Herausforderungen bereit scheint.
Für die in Mailand Lebende – die zumindest in ihren Stoffmustern etwas aus ihrer weit entfernten Heimat tragen will – sind das gegenwärtig die durchaus dramatischer unterfütterten romantischen Damen und Mädchen der italienischen Oper. Dafür hatte sich Pretty Yende nämlich entschieden, nachdem sie nicht nur beinhart ihre Ausbildung am Kap durchgezogen hatte, sondern auch wusste, sie muss wenigstens einmal nach Europa fahren, sich vorstellen, einen Wettbewerb als Audition begreifen. Das Geld bekam sie zusammen, eher zufällig landete sie bei der Belvedere-Competition in Wien. „Und dann gewann ich nicht nur sämtliche Preise, was mir gegenüber der sehr guten Konkurrenz schon fast peinlich war“, erzählt sie. „Ich hatte auch die Auswahl zwischen dem Münchner Opernstudio und der Mailänder Scala-Akademie, und ich habe mich für letztere entschieden, weil ich weiter nur studieren wollte, noch nicht reif für Bühnenauftritte war, auch nicht für kleine.“
Da hat jemand ein sehr geordnetes Bild von sich. Kein Wunder, wollte Pretty Yende doch ganz ursprünglich Buchhalterin werden. Bis die Oper dazwischen kam: „Ich lasse mich von Gefühlen verführen und tragen, am Ende entscheide ich dann mit kühlem Verstand.“ Kluge Frau. So hat sie ihr Singen gemeistert, das Exil von zu Hause, das Leben in ihrer Traumstadt Mailand. Und jetzt lässt sie gute und schlecht ausgehende Träume Wirklichkeit werden. Nur auf dem Album – im richtigen Leben achtet sie auf sich. Patente Pretty. Da würde auch der ECHO 2018 nicht verwundern.

Erscheint Ende Oktober:

Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti, Giacomo Meyerbeer

Dreams (Opernarien)

Pretty Yende, Sinfonieorchester Giuseppe Verdi Mailand, Giacomo Sagripanti

Sony

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2017



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