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(c) Veikko Kähkönen

Hannu Lintu

Zeit für Überraschung

Seit 2013 steht der Dirigent am Pult des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters. Und mit diesem Klangkörper legt der frischgebackene Fünfzigjährige nun gleich zwei ganz besondere Alben vor.

Hannu Lintu hat schon lange allen Grund zur Freude. Schließlich ist er als Konzert- und Operndirigent ein international gefragter Mann, der regelmäßig von Helsinki aus in die USA, nach Asien und zwischendurch auch nach Deutschland jettet. Und mit dem Finnischen Radio- Sinfonieorchester hat er zudem einen festen Klangkörper, mit dem er sich besonders dem musikalischen Erbe Skandinaviens, aber auch der klassischen und brandneuen Moderne widmen kann. Denn, so Hannu Lintu, „es ist sehr wichtig, nicht nur die Verbindungen innerhalb der Musikgeschichte aufzuzeigen. Es ist genauso wichtig, Musik zu spielen, die nicht viel gespielt wird, die es aber verdient, gespielt zu werden. Als Interpreten haben wir somit eine riesige Verantwortung für die Komponisten unserer Zeit.“ Dass er in Helsinki seit 2013 somit Programme auf die Beine stellen kann, die beim Publikum auf riesiges Interesse stoßen, müsste ihn also mehr als glücklich stimmen. Doch allein auf seinen Pressefotos schaut Lintu, der vor genau 50 Jahren im beschaulichen Städtchen Rauma geboren wurde, stets ungemein ernst, in sich gekehrt in die Kamera. Als ob er sich dem üblichen Medienrummel um Jubilare lieber entziehen möchte. Tatsächlich gibt er zu: „Ich lächle lieber einmal zu wenig als einmal zu viel. Mir ist es viel wichtiger, dass ich wahrhaftig mit den Werken umgehe und dass dabei auch meine eigene Stimme gehört wird. Das Publikum sollte immer merken, warum ich gerade dieses Stück aufführen möchte und was die Intention des Komponisten war.“
Seit nunmehr zwei Jahrzehnten gehört Hannu Lintu zu den vielen finnischen Ausnahmemusikern, die überall für Furore sorgen. Für den Aufstieg Finnlands zur international beneideten Musiknation macht Lintu aber nicht nur das heimische Musikschul-System verantstowortlich, das für ihn eines der weltweit besten ist. „Hier habe ich immer das Gefühl, dass unsere Orchester und unsere Institutionen wirklich stolz auf unsere Dirigenten und Solisten sind“, so Lintu.
Die erste Prägung erfuhr er von seinem Dirigierlehrer Jorma Panula. Doch auch von Sängern und Pianisten sollte er viel für den Werdegang lernen. Wie etwa die hohe Kunst des Atems, der Phrasierung und des Legatos. Und wie es der Zufall nun will, legt Lintu gleich zwei neue Alben vor, auf denen er zusammen mit je einer großen Sängerin und einem großen Pianisten genau diese elementaren musikalischen Schlüssel zum Einsatz bringt. Die schwedische Mezzo-Sirene Anne Sofie von Otter und Meisterpianist Olli Mustonen sind es, mit denen Lintu zwei nur scheinbar vertraute Komponisten von ganz neuen Seiten präsentiert. Mit Otter hat er Klavierlieder von Sibelius in der Orchestrierung von Aulis Sallinen aufgenommen, die aufgeführt vom Finnischen Radio-Sinfonieorchester einen ungemein verführerischen Zauber entfalten. Und mit Mustonen komplettiert Lintu die Einspielung der fünf Klavierkonzerte von Prokofjew – wobei er einmal mehr verblüfft feststellen musste, dass einige der Sätze bisher immer zu schnell gespielt worden sind. „Daher sind auch jene delikaten orchestralen Details immer wieder untergegangen, denen man eigentlich Zeit geben muss, damit sie aufblühen können“. Und genau diese Zeit hat er sich jetzt genommen.

Neu erschienen:

Sergei Prokofjew

Klavierkonzerte Nr. 2 & 5

Olli Mustonen, Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Hannu Lintu

Ondine/Naxos

Neu erschienen:

Jean Sibelius

Tapiola, Lieder u.a.

Anne Sofie von Otter, Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Hannu Lintu

Ondine/Naxos

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 5 / 2017



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