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Fanfare

Man hat hier viel der zeitgenössischen Entwicklungen in den USA weggelassen. Aber dafür langt eben auch ein 20-Tage-Festival an acht Orten mit 25 Veranstaltungen und 80 Werken von 36 Komponisten, interpretiert von 24 Klangkörpern und über 60 Solisten, nicht. Trotzdem war dieses achte Berliner Musikfest das bisher beste und befriedigendste. Es präsentierten sich die USA als ein Land der Utopie und Hoffnung, der urwüchsigen Klangkraft, aber auch des raffinierten Aufbruchs, in dem die Komponisten, so unterschiedlich sie vorgehen, am Puls ihrer Zeit bleiben (oder zumindest bleiben wollen, wie der einmal mehr als früherer Gipfel einer europäisch geprägten Avantgarde aufgeführte John Cage, der im September 100 Jahre alt geworden wäre).

Man hätte Olivier Py, Regiestar aus Frankreich, der längst auch im Musiktheater viel gefragt ist, bei seinem Debüt im deutschen Musiktheater eine bessere Basis gewünscht als die Kölner Oper . Die Städtischen Bühnen sind immer noch durch die Entlassung des Opernintendanten Uwe-Eric Laufenberg erschüttert, sie haben ein Defizit und müssen sich wegen der Sanierung des Haupthauses mit Ausweichquartieren behelfen. Etwa mit dem Musical-Dome-Zelt. Dort sieht und sitzt man gut, aber es klingt wie in einem dicken Strumpf.
Leider fesselt auch Py nur partiell. Der bekennende Wagnerianer hat sich ein schwieriges Opus als Verdi-Debüt vorgeknöpft: die verworrene „Macht des Schicksals“.
Py erzählt banal und schwerfällig melodramenhaft, gewinnt erst allmählich an Fahrt und düsterer Bildkraft. Die kriegstreibende Zigeunerin Preziosilla (schön schrill: Katrin Wundsam) ist wieder eine seiner rothaarigen Hurenfrauen. Soldateska marschiert, Kinder pflanzen sich mit Maschinenpistole auf. Brüste blitzen, Totenschädel glänzen, in der Mitte ein bleicher Todesengel. Will Humburg dirigierte mit Wucht und Spannkraft – so weit es zu hören war.

Das Theater Basel scheint prominenten, in der Oper debütierenden Schauspielregisseuren Glück zu bringen. Nach Frank Castorf, Leander Hausmann, Stephan Bachmann, Michael Thalheimer und Andreas Dresen nun Armin Petras. Wo der vielbeschäftigte Maxim-Gorki-Theaterintendant, Regisseur und Autor oft unfertig bleibt, da forderte ihn jetzt ein perfektes Stück zu großer, genauer Kunstfertigkeit: die 140 atemlosen Minuten von Leos Janáčeks Ehetragödie „Katja Kabanowa“. Doch mochte sich Petras nicht mit dem fugendicht poetischen Realismus dieser immer anrührenden Oper begnügen.
Er vergreift sich auch nicht an der Fabel, überführt sie nur in eine radikal andere, oft künstliche, kühle, doch dadurch umso stärker von der weichen, wehmütigen Musik mit ihrer kleinteiligen Motivik kontrastierten Theaterwirklichkeit. Was wiederum mit dem klangfeinen, ganz auf Lyrik und wenige Dynamikentladungen setzenden Dirigat Enrico Delamboyes beglückend korrespondiert.

Sie ist in Würde alt geworden, die gute Lulu Alban Bergs. Jetzt wurde das „schöne, wilde Tier“ als Schwarze in die von Rassenunruhen geschüttelten USA der Fünfziger- und Siebzigerjahre versetzt. Vollzogen hat die Übermalungsaktualisierung „American Lulu“ Olga Neuwirth an der Komischen Oper Berlin . Die zwei ersten Akte sind von zwei Stunden Spielzeit auf etwas mehr als die Hälfte verknappt. Da wird in holzigem Englisch Handlung abgearbeitet, für Emotion und Atmosphäre ist kaum Zeit.
Aus dem New York der Seventies, hier vom russischen Regisseur und Ausstatter Kirill Serebrennikov durch einen eleganten Bungalow angedeutet, geht es zurück nach New Orleans in den Fifties; wofür eine Edward-Hopper-Diner- Theke stehen soll. Die brave Inszenierung mit ihren verrauschten Videoschnipseln, Barhockern, Straußenfedern und Plastikpflanzen im ewigen Schwarz-Weiß-Grau Look bleibt genauso nichtssagend wie Olga Neuwirths neukomponierte Partitur. Sicher, Marisol Montalvo ist eine höhengleisende Lulu im Ganzkörpereinsatz, Claudio Otelli bellt eindrücklich als aasiger Schön/Dr. Bloom, und Rolf Romei ist ein gigoloschmiegsamer Jimmy/Alwa. Trotzdem war das ein Abend mit Neuwirth, aber ohne Neuwert.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 5 / 2012



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