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(c) Maike Helbig

Ragna Schirmer

Romantik begreifen

Im Verlauf des kommenden Jahres folgt die Pianistin konzertierend den Spuren Clara Schumanns. Zum Auftakt hat sie ihr ein Album gewidmet.

In zwei Jahren jährt sich der Geburtstag von Clara Schumann zum 200. Mal. Für Ragna Schirmer ist das ein willkommener Anlass für ein Langzeitprojekt: Seit Monaten wühlt die Pianistin sich durch über 1.000 Programmzettel, die Clara Schumanns Konzertauftritte dokumentieren. Demnächst wird sie damit beginnen, in lockerer Folge bis zum Ehrentag im September 2019 musikalische Soiréen à la Madame Schumann nachzustellen. Als „Reenactment“ bezeichnet man heute solche Nachinszenierungen in der Theaterwelt. Schirmer versteht dieses enzyklopädische Projekt als Annäherung an eine Künstlerin, mit der sie sich seit ihrer Kindheit beschäftigt. Denn sie studierte einst Robert Schumanns „Kinderszenen“ in einer alten Ausgabe ein, die mit Claras Fingersätzen versehen waren. „Bei den langsamen Sätzen erleichtern ihre Fingersätze das Spiel nicht, sondern erschweren es! Sie schreibt stumme Fingerwechsel vor, was sehr unbequem ist. Ich fragte mich: warum muss ich mir so viel Mühe machen? Dann wurde mir klar: Das tut sie, um Mittelstimmentöne länger halten zu können. Ich verstand, dass Stimmführung für sie ein wichtiger Bestandteil des musikalischen Arbeitens war.“
Seither hat Schirmer sich immer wieder mit Clara beschäftigt, etwa 2015 das Album „Liebe in Variationen“ über das Beziehungsdreieck der Schumanns mit Johannes Brahms eingespielt und mit Dominique Horwitz ein szenisches Programm über das berühmte Paar kreiert. Nun widmet sie sich mit „Clara“ der komponierenden Pianistin. „Die Zeit ist jetzt reif für solche Frauenfiguren wie Clara. Ihr 100. Todestag 1996 wurde noch kaum wahrgenommen, höchstens in Fachkreisen. Jetzt aber spüre ich wachsendes Interesse.“
Ihr erstes Klavierkonzert op. 7 komponierte Clara Schumann in Etappen, der dritte Satz entstand, als sie zarte Vierzehn war, an den anderen beiden Sätzen wirkte dann schon Robert mit. Das Konzert war auch als Visitenkarte der Virtuosin gedacht. „Die Einstudierung macht unglaubliche Mühe. Clara muss eine riesige Hand gehabt haben. Ich habe das Werk auch auf Originalflügeln von 1835 mit etwas kleineren Tasten gespielt, aber eine Duodezime bleibt eine Duodezime! Und sie komponierte sehr viele gefüllte Intervalle, schön mittelstimmig, sie wollte halt Polyphonie. Und sie muss unglaublich fit gewesen sein.“
Zwar hält Schirmer Clara Schumanns op. 7 nicht für ein Meisterwerk, „aber es gibt bezaubernde Stellen“. Um das charmante Jugendwerk mit dem wunderbar melodiös aufblühenden zweiten Satz – ein intimes Duett des Klaviers mit dem Solo-Cello – nicht zu erschlagen, entschied Ragna Schirmer sich für die Kombination mit Beethovens viertem Klavierkonzert. „Die beiden nehmen sich nichts weg, denn Beethoven ist ja eine ganz andere Welt.“ Als verbindendes Glied fungieren Claras Kadenzen für das Beethoven- Konzert, das sie im Laufe ihrer langen Konzerttätigkeit immer wieder gespielt hat. „Die Kadenzen lassen Rückschlüsse zu, wie sie das Konzert selbst interpretiert hat. Sie hat es sicher sehr virtuos gespielt, und ich glaube, man ist damals sehr frei umgegangen mit dem Notentext. Die Kadenzen haben einen stark romantischen, an Roberts Duktus angelehnten Charakter und zugleich ein improvisatorisches Moment.“ Schirmer spielt Beethoven also sozusagen durch die Brille von Clara Schumann.

Neu erschienen:

„Clara“ (Clara Schumann: Klavierkonzert a-Moll; Beethoven: Klavierkonzert G-Dur)

Ragna Schirmer, Staatskapelle Halle, Ariane Matiakh

Berlin Classics/Edel

Regine Müller, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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