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(c) Gregor Hohenberg/Sony

Jonas Kaufmann

Das Opern-Vollblut

Mit seinem Album „L’Opéra“ durchmisst der weltberühmte Tenor die Höhepunkte des französischen Opernhimmels. Dabei folgt er selbst auch ein paar Leitsternen.

Auf dem Cover posiert der Star-Tenor mit lässigem Dreitagebart-Understatement in charmantem Kontrast zum rotgoldenen Prunk der von Marc Chagall ausgemalten Kuppel der Pariser Garnier-Oper – die perfekte Kombination aus Traditionsbewusstsein und Savoir-vivre. Neben den Hits des französischen Repertoires hat Kaufmann mit dem Bayerischen Staatsorchester unter der Leitung von Bertrand de Billy nun auch selten zu Hörendes von Édouard Lalo und Ambroise Thomas eingespielt.

RONDO: Ihr Repertoire erstreckt sich von Verdis Otello bis zu Schuberts „Winterreise“: Wo sehen Sie für sich das französische Fach angesiedelt?

Jonas Kaufmann: Wie jedes andere Opern-Repertoire erfordert auch das französische die gesamte Skala: von der feinsten Pianophrase bis zum dramatischen Ausbruch. Zum Beispiel Don José in „Carmen“. Die letzte Phrase der „Blumen-Arie“ sollte so innig und lyrisch wie nur möglich klingen – und für die dramatischen Szenen im 3. und 4. Bild braucht es fast schon die Stimme eines Canio oder Otello.

RONDO: Ist das französische Fach eine „Erholung“ von Parsifal- oder Otello-Strapazen? Oder ist die Balance zwischen Krafteinsatz und voix mixte besonders schwierig?

Kaufmann: Mein Credo ist ja, dass ein Sänger ein möglichst breites Repertoire singen sollte, vor allem, um die Stimme flexibel zu halten. Bei der Planung meiner Auftritte achte ich schon darauf, dass nach Wagner nicht gleich ein zweiter folgt, sondern eben ein Verdi oder ein Liederabend auf dem Programm steht und nach einem Puccini eine französische Oper. Ich bin fest davon überzeugt, dass mich das flexibel hält – stimmlich und musikalisch wie auch sprachlich und stilistisch. Übrigens ist ein Parsifal in erster Linie für die Beine und die Konzentration anstrengend.

RONDO: Haben Sie im französischen Fach stimmliche Vorbilder?

Kaufmann: Nicolai Gedda gehört ganz sicher dazu, er hat in allen Sprachen und Stilen gesungen, und selbst Stücke wie „Benvenuto Cellini“ klingen bei ihm absolut mühelos. Von den französischen Tenören bewundere ich vor allem Georges Thill. Als ich mich auf mein Debüt als Werther vorbereitete, war seine „Werther“-Aufnahme von 1931 eine unschätzbare Hilfe: Das ist nicht nur fantastisch gesungen, sondern auch eine Prägnanz der Artikulation, wie man sie sich nur wünschen kann.

RONDO: Verglichen mit etwa Nicolai Gedda klingt Ihr Stimmeinsatz im französischen Fach ungleich offener, sagen wir italienischer. Ist das eine stilistische Entscheidung?

Kaufmann: Ich denke, das ist in erster Linie eine Sache der Hörgewohnheiten. Wahrscheinlich verbinden viele Hörer das französische Fach mit Gedda, da er fast das gesamte Repertoire aufgenommen und damit Maßstäbe gesetzt hat. Und mit meiner Stimme assoziiert man eher einen „italienischen“ Klang. Als typisch deutsch wird sie jedenfalls nicht empfunden, das höre ich immer wieder. Es geht ja hier auch weniger um Stimmklang – der ist individuell und nicht französisch, schwedisch oder deutsch –, sondern um den Stil der Phrasierung oder der Sprachmelodie.

RONDO: Wie fahren Sie nach Otello stimmlich runter zu einer Winterreise? Schweigen? Oder aktiv umtrainieren zu schlankerem Ansatz?

Kaufmann: Schweigen ist meine Sache nicht, dazu rede ich viel zu gern (lacht). Und „umtrainieren zu schlankerem Ansatz“ klingt eher nach Diät – was auch nicht meine Sache ist. Nein, ich sehe halt zu, dass meine Stimme so wandlungsfähig bleibt, dass sie nach einem „Otello“ auch wieder Schubert singen kann. Und jeden Tag sollte man ja eh nicht auftreten.

RONDO: Apropos Stimmfächer: Sind die alten Einteilungen in Fächer nicht zunehmend hinfällig, da Stimmen viel individueller sind?

Kaufmann: Für meine Begriffe dient die Facheinteilung in erster Linie dazu, bestimmte Rollen und Anforderungen zu klassifizieren, nach dem Motto: Das ist ein Spaziergang, das ist ein 100-Meter- Sprint, das ist ein Marathon, und das ist der Mount Everest. Aber sie sollte nicht zu einem Schubladen-Denken führen, nach dem Motto: Er singt Mozart und Bach, also ist er kaum geeignet für Verdi.

RONDO: Sie haben kürzlich pausiert wegen eines geplatzten Kapillars auf den Stimmbändern. Dann der Wiedereinstieg mit Lohengrin, dann Otello. Fühlen Sie sich wieder im Vollbesitz Ihrer stimmlichen Kräfte?

Kaufmann: Ohne im Vollbesitz meiner stimmlichen Kräfte zu sein, hätte ich niemals mein Debüt als Otello gegeben. Natürlich bin ich die Proben und vielleicht auch noch die erste Vorstellung von „Lohengrin“ in Paris mit Vorsicht angegangen, wie hätte es nach einer längeren Auszeit auch anders sein können? Doch bei den weiteren Vorstellungen stellte ich zu meiner Erleichterung fest, dass alles wieder in Ordnung ist. Im Gegenteil, mein Eindruck deckt sich mit dem vieler Fans, dass die Stimme noch stärker geworden ist. Trotzdem werde ich noch bewusster mit meinen Ressourcen umgehen und stärker darauf schauen, dass ich zwischen den Auftritten meine Batterien auch mal vollständig aufladen kann.

RONDO: Wie gehen Sie überhaupt mit dem immensen Druck um, der auf einem Superstar lastet?

Kaufmann: Ich versuche, so entspannt wie möglich zu bleiben. Yoga, autogenes Training und viel Bewegung tragen sehr dazu bei. Zum Glück hatte ich nie großes Lampenfieber. Vor dem Auftritt bin ich eher wie ein Rennpferd, das mit den Hufen scharrt.

RONDO: Haben Sie noch einen Gesangs-Coach? Oder kontrollieren Sie sich selbst?

Kaufmann: Ich wende an, was ich von meinem Lehrer Michael Rhodes gelernt habe. Für die Einstudierung neuer Rollen habe ich wunderbare Korrepetitoren, von denen ich viel lernen kann.

RONDO: Was kommt als nächstes: Tristan, Tannhäuser? Was fehlt noch?

Kaufmann: Vom „Tristan“ mache ich nächstes Jahr erstmal den zweiten Akt, konzertant in Boston und in der Carnegie Hall mit Camilla Nylund und Andris Nelsons. Tannhäuser ist geplant, ebenso Paul in Korngolds „Die tote Stadt“.

RONDO: Können Sie eigentlich unerkannt über die Straße gehen?

Kaufmann: Kommt drauf an, wo. In London oder Paris ist es kein Problem, da falle ich in der Menschenmasse selten auf. Aber in Salzburg geht’s kaum noch, da ist ja die ganze Stadt voll mit Reisenden in Sachen Musik.

Erscheint am 15.9.:

L`Opéra (Arien und Szenen aus französischen Opern von Gounod, Bizet, Berlioz, Offenbach u.a.)

Jonas Kaufmann, Bayerisches Staatsorchester, Bertrand de Billy

Sony

Regine Müller, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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