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Musikstadt

Venedig: Die Allererlauchteste

Die Stadt Cavallis, Vivaldis, Galuppis atmet auch heute noch Musik. Und nicht nur der manchmal sogar schöne Gesang der Gondolieri hat Venedig geprägt.

Hier wurden Opern von Bellini und Rossini, Prokofiew und Britten uraufgeführt. Heute noch ist die Biennale della Musica Italiens wichtigstes Musikfestival. In der Stadt der Kanäle und Palazzi schwappen sogar die Wellen melodisch an die Kaimauern. Venedig kann sehr alt sein. Nicht aber an der Stelle, an der für den heutigen Touristen wie für die Einheimischen vor allem sein musikalisches Herz schlägt: im Teatro La Fenice, nur ein paar Schritte vom Markusplatz entfernt und doch versteckt an einem Seitenkanal gelegen. Da ist alles goldig, rosa und pistaziengrün sowie mit einem blauen Himmel versehen in einem Zuschauerraum, der immer schon ein Anachronismus war – weil er in seiner derzeit letzten Gestalt auf das Jahr 1836 zurückgeht und im Neorokoko-Stil neuerdacht wurde. Der fenice, der Phönix, sollte als ewig aus der Asche wiederauferstehender Paradiesvogel von Anfang an – neben einem aufklärerisch-freimaurerischen Hintergrund – auf das nach einer Brandkatastrophe 1792 neugegründete Theater verweisen.
Und das legendäre Federvieh steht auch heute noch symbolisch für das nach einem der spektakulärsten Theaterfeuer – verursacht durch die in Italien nicht unübliche Mischung aus Korruption und Brandstiftung – neuerlich rekonstruierte Opernhaus, das immer schon eines der mythenreichsten und am besten besuchten der Welt war. Ähnlich wie bei der Dresdner Semperoper möchte jeder musikliebende Besucher zur Abrundung seines Venedig-Aufenthaltes hier eine Vorstellung erleben.

Der Spielplan: Wenig, aber erstaunlich modern

Man spielt leider viel zu wenig, das aber nicht selten erstaunlich modern. Das finanziell gebeutelte Fenice ist Italiens avantgardistisches Musiktheater, geleitet wird es von Fortunato Ortombina, dem früheren künstlerischen Koordinator der Scala. Nach dem in Deutschland geprägten Maestro Eliahu Inbal, der hier „Lou Salome“ von Giuseppe Sinopoli, Korngolds „Tote Stadt“, Schönbergs „Von heute auf morgen“ und andere Raritäten spielen ließ, hat man sich – auch durch die Protektion des in Italien allmächtigen Claudio Abbado – für dessen venezolanischen Schützling Diego Matheuz als Chefdirigenten entschieden, obwohl dessen Opernkenntnisse eher bescheiden sind. Das wird aber durch andere Verpflichtungen ausgeglichen, etwa die des ebenfalls von Abbado geprägten Antonello Manacorda. Der wird den gesamten Mai 2013 über erstmals den von ihm mit dem italienischen Regieshootingstar Damiano Michieletto in den letzten Spielzeiten erarbeiteten Mozart/da Ponte-Zyklus komplett aufführen. Und in der darauf folgenden Spielzeit soll er mit einer Neuproduktion an die 1951 hier (mit Elisabeth Schwarzkopf) uraufgeführte einzige Strawinsky-Oper „The Rake’s Progress“ erinnern. Anfang Januar 2013 ist auch noch eine weitere Rarität bemerkenswert: Zum 200. Verdi- Geburtstag (allein fünf seiner Werke, darunter „Rigoletto“ und „Traviata“ wurden hier uraufgeführt) gibt es dessen Schiller-Vertonung „Die Räuber“ als Premiere.
Das Fenice, als einziges der einst 20 venezianischen Opernhäuer bis heute bestehend, hat übrigens auch noch eine Zweitspielstätte, das sich heute im Jugendstil-Gewand präsentierende Teatro Malibran. Es geht auf das traditionsreiche, schon 1678 von der Adelsfamilie Grimani eröffnete Teatro San Giovanni Grisostomo zurück, in dem noch Scarlatti und Händel wirkten. Und auf seinem Grund stand einst der Palast der Familie Marco Polos, deswegen lautet die Adresse immer noch „Millionenhof“.
Wer sich trotz aller Touristenhorden, Maskengeschäfte und dem (meist in China hergestellten) Muranoglaskitsch der immer noch mythischen Stadt vom Wasser nähert, der wird womöglich Mahlers Adagietto aus der 5. Sinfonie im Ohr haben, wenn die morgenländische Pracht des Markusplatzes samt San Marco und Dogenpalast auftaucht. Selten hat ein Filmbild ein Stadtimage so geprägt, wie das träge durch die nebelige Morgenstimmung pflügende Schiff des (vom Schriftsteller genialisch in einen Komponisten in Mahler-Maske umgeformten) Gustav Aschenbach in Luchino Viscontis Thomas- Mann-Adaption „Tod in Venedig“. Der opernaffine Filmregisseur hat natürlich auch dem La Fenice ein Denkmal gesetzt, indem er seine bittersüße Liebesgeschichte „Senso“ während einer dortigen „Troubadour“-Aufführung ihren aufrührerischen Anfang nehmen lässt.

Rivalen: die beiden Jubilare Verdi und Wagner.

Verdi und Wagner. Auch die beiden 2013 dann 200-jährigen Rivalen verbindet in dieser Stadt viel. Verdi hat hier noch „Ernani“, „Attila“ und die Erstfassung des „Simon Boccanegra“ uraufgeführt, Wagner ist hier am 13. Februar 1883 gestorben. Standesgemäß hatte er zum wiederholten Male in einem Seitenflügel des prachtvollen, in der Nähe des Bahnhofs direkt am Canale Grande gelegenen Palazzo Vendramin- Calegi logiert, den er vom Conte de’Bardi gemietet hatte. Seit langem schon residiert hier die Spielcasino- Verwaltung, die zudem zur Winterszeit im Palast die Rouletteschüsseln sich drehen lässt. Seit 1995 gibt es freilich in den historischen Räumen ein liebevoll eingerichtetes, von der örtlichen Wagner-Vereinigung getragenes Museum, das einen Schatz beherbergt – die Wagner-Archivalien des La Fenice, die übrigens hierher ausgeliehen als einzige den Brand überlebt haben.
Wer mit dem Zug oder dem Auto nach Venedig kommt, der wird sich freilich gleich mit einem lästigen Völkchen konfrontiert sehen. Wie sonst nur noch in Salzburg oder Wien versuchen einem in Barockfräcke gekleidete Gesellen „originale“ Vivaldi-Konzerte anzudrehen – die dann in dichter Folge und mit nähmaschinenartiger Gleichförmigkeit von wenig motivierten Spielern in meist hässlichen Kirchen abgehalten werden. Am schlechtesten sind die in der angeblichen Vivaldi-Kirche an der Touristenfalle des Riva degli Schiavoni. Vivaldi arbeitete dort zwar von 1703– 16, doch die hübsche klassizistische Kirche mit ihren Tiepolo- und Piazetta-Gemälden hat der Komponist nie gesehen. Sie wurde erst 1745 begonnen, die Fassade gar erst 1902 vollendet.
Da suche man lieber nach Konzertterminen in einer der vielen privaten Kunststiftungen, etwa der Fondazione Querini Stampalia mit ihrem reizenden, von Carlo Scarpa gebauten Museum mit den populären Pietro-Longhi- Bildern als Chronik des barocken Venedigs, oder in der erst vor drei Jahren eröffneten Fondazione Bru Zane, die sich in einem ehemaligen Casino in San Paolo der Pflege der französischen Musik des 19. Jahrhunderts verschrieben hat. In der Fondazione Cini neben der Palladio-Inselkirche San Giorgio Maggiore wird hingegen an der Vivaldi-Gesamtausgabe geforscht.
Gute Konzerte gibt es auch immer wieder in den herrlichen Versammlungsräumen der ehemaligen Bruderschaften, den einstigen religiösen Zunftorganisationen. Deren größte ist die mit fast sechzig Tintoretto- Gemälden ausgestattete Scuola Grande di San Rocco, die nahe Scuola Grande di San Giovanni Evangelista mit ihrem eleganten Marmorboden bekommt man sogar nur bei Musikereignissen zu Gesicht. In Venedig wurden in der abgelegenen, aber unbedingt sehenswerten Kirche San Sebastiano sogar die Orgelflügel von einem der ganz Großen bemalt – von Paolo Veronese, der hier auch sein Grab gefunden hat.
Im Markusdom mit seinen vielfältig sich gegenüberliegenden Emporen wurde nicht zuletzt durch das gesteigerte Repräsentationsbedürfnis der Republik in der Renaissance die venezianische Mehrchörigkeit bei Vokalwerken entwickelt; woran neben Giovanni Gabrieli später Claudio Monteverdi und Francesco Cavalli entscheidenden Anteil hatten. Diese beiden wiederum sind die Pioniere der venezianischen Oper, der ersten öffentlichen Bürgeroper überhaupt. Venedig ist auch die Stadt Ermanno Wolf-Ferraris, der hier seine wie aus der Zeit gefallenen Spät-Buffas spielen ließ, aber auch Luigi Nonos, der auf der Giudecca wohnte und dessen hier im Rahmen der immer noch lebendigen Musik-Biennale „Prometeo“ 1984 in der aufgelassenen Kirche San Lorenzo als „Tragödie des Hörens“ uraufgeführt wurde. Das auf dem Wasser schwebende Venedig ist also in vielerlei Hinsicht einmalig. Auch als Stadt der Musik.


La Fenice – Ein Phönix aus der Asche

1792 eingeweiht, stand der Name – „La Fenice“ – nicht nur für das aus den Flammen des Vorgängerbaus wiedererstandene Opernhaus. Der Phönix war für die freimaurerischen Finanziers des Hauses auch ein Sonnensymbol und damit Sinnbild der Aufklärung durch die Kunst. Am 29. Januar 1996 brannte das Haus erneut bis auf die Grundmauern nieder, vorsätzlich verursacht von Elektroingenieur Enrico Carella und seinem Cousin Massimiliano Marchetti. Der teils historisierende Neubau verschlang Millionen. Die Handwerker versuchten mit der Brandstiftung lediglich eine drohende Konventionalstrafe wegen Arbeitsverzugs zu vermeiden – in Höhe von 7500 €.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2012



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