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Schätze für den Plattenschrank

Ungarischer Feuerkopf

Von seinem großen Vorbild Toscanini hatte Georg Solti (1912– 1997) in zwei Assistenz-Jahren vor allem eines gelernt: Disziplin. Kein Wunder, dass bei Soltis Proben daher oftmals die Schlagadern aus seinem mephistophelisch wirkenden Schädel herausragten und seine ansonsten verschmitzten wie liebeswürdigen Augen Rigidität ausstrahlten. So geschehen auch 1990, als er mit seinem Chicago Symphony Orchestra in Japan gastierte und mit den Musikern noch einmal Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ durchging. Doch neben dem fordernden Energiebündel, das Solti bis ins hohe Alter blieb, erlebt man ihn nun auch charmant plaudernd in einer halbstündigen Einführung in den Mussorgsky- Kosmos. Und obwohl Soltis künstlerischer Lebensmittelpunkt da längst in den USA gelegen hatte, bricht immer wieder sein ungarischer Akzent durch. Diese persönliche Wiederbegegnung mit dem Jahrhundertdirigenten gehört zu den Höhepunkten in der DVD-Box, die Mitschnitte von Konzerten umfasst, die Solti mit seinem Prachtorchester 1986 und 1990 in Japan absolvierte. Ob bei Mahlers oder Beethovens Fünfter – stets wird man Ohren- und Augenzeuge eines mitreißend hellwachen Künstlers.
Guido Fischer

Sir Georg Solti Conducts The Chicago Symphony Orchestra

Sony

Es lebe der Schweizer Uhrmacher!

Am 28. Dezember 1937 verstarb Maurice Ravel in Paris – und damit vor genau 75 Jahren. Doch irgendwie ist dieses Gedenkjahr bislang vollkommen untergegangen. Und weil das nächste Ravel-Jubiläum erst 2025 ansteht (150. Geburtstag), ist die Decca daher jetzt gleich in die Vollen gegangen. Für eine schmucke CD-Box wurde kräftig in den Schallarchiven auch vom Partnerlabel Deutsche Grammophon gesucht, um tatsächlich erstmals sämtliche Werke des Franzosen und „Schweizer Uhrmachers“ (Strawinsky über Ravel) auf einen Schlag zu veröffentlichen. Natürlich stellen sich sofort Zweifel ein, zumal man sämtliche Schlager wie im Fall des „Boléro“ in mindestens doppelter Ausfertigung im CD- oder gar auch noch Schallplattenschrank stehen hat. Aber die Anschaffung lohnt sich dreifach. Erstens liegen sämtliche Werke in den Händen von ausgewiesenen Ravel-Spezialisten, von Dirigent Charles Dutoit über Pianistin Martha Argerich bis zum Melos Quartett. Zweitens wird etwa in historischen Lied-Aufnahmen die zeitlose Kunst des französischen Baritons Gérard Souzay wieder in Erinnerung gebracht. Und das dritte Anschaffungsargument bieten jene Kompositionen von Ravel, die man vielleicht nur vom Hörensagen kennt. Dazu gehören unbedingt die „Trois chansons“ mit Gardiner und dem Monteverdi Choir sowie Ravels Rom-Kantaten.
Guido Fischer

Maurice Ravel

The Complete Edition

Decca/Universal

40 Jahre in 64 Stunden

Normalerweise müssen Künstler zumindest ihren 80. Geburtstag feiern – oder gar gestorben sein, um so aufwendig gefeiert zu werden. Murray Perahia wird diese Ehre bereits zum 65. zuteil, parallel zur Rubinhochzeit mit seinem Label CBS/Sony. Die verantwortlichen Plattenbosse hatten im September 1972 ein gutes Ohr und den richtigen Riecher bewiesen, als sie den Gewinner des höchst renommierten Klavierwettbewerbs in Leeds unter Vertrag nahmen und ihn schon drei Monate später für seine Debütaufnahme ins Studio schickten. Diesem Schumann- Programm sind in den vergangenen 40 Jahren weitere 66 Einspielungen gefolgt. Sie alle finden sich – in Reproduktionen der Originalcover gewandet – zusammen mit einem 280 Seiten dicken Buch in einer wahren Prachtbox, die als Zuckerl noch eine Bonus-CD mit dem Mitschnitt eines Washingtoner Konzertes aus dem Jahr 1967 bietet. Und wer nicht hören will, muss sehen: Auf fünf DVDs lässt sich Perahias Kunst auch optisch genießen, zwei der Scheiben sind BBC-Programme, die bisher unveröffentlicht blieben. Die perfekte Gelegenheit also, diesen klugen, uneitlen Pianisten ausgiebig kennenzulernen oder die Bekanntschaft zu erneuern und zu vertiefen. Und das lohnt sich, kein Zweifel. Ein lyrischer Kolorist ist der Amerikaner mit Wahlheimat London, empfindsam, aber nicht verzärtelt. Leidenschaftlicher Überschwang ist seine Sache nicht, was nicht heißt, dass sein Spiel kalt oder gar emotionslos ist, nur ermüdet er seine Zuhörer nicht durch dauerhafte Reizüberflutung, sondern setzt Emotionen wohldosiert frei. So ermöglicht er einen unvernebelten Blick auf das Wesen der Werke. Neben seiner stupenden Technik verfügt er auch über eine ordentliche Pranke, auch wenn er sie nicht ständig ausstellt, weil das seinem Wesen widerspricht, doch wo es angesagt ist, greift er durchaus beherzt in die Tasten. Ein vielschichtiger Musiker, durch und durch. Michael Blümke

The First 40 Years

Murray Perahia

Sony

RONDO Ausgabe 5 / 2012



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