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(c) Daniel Delang

Christoph Sietzen

Auf Holz geklopft

Dieser junge Mann beherrscht die seltene Kunst, auf seinem Schlagwerk zu singen – und bewirkt eine Revolution für das Marimbafon.

In einer Zeichnung fragte sich das Comic-Duo „Katz & Goldt“ einmal, welche Instrumentenkombination wohl die am wenigsten dienliche bei der Liebe sei. Und gab sich selbst die Antwort – „Xylofon & Fagott“. Das Doppelrohr-Blasinstrument gibt immer nur ein tiefes „Pom – pom“ von sich. Und der Schlagzeuger hantiert so hektisch, dass kein Liebesgeflüster aufkommen kann. Wirklich so schlimm?! Fragt man den Marimba-Spieler Christoph Sietzen, ob es sich bei seinem Instrument günstiger verhalte, sagt er: „unbedingt!“ Das Marimbafon sei längst nicht so schrill und verfüge über ganz andere Schwingungen als das Xylofon. „Viel verführerischer!“
Na dann. Normale Klassik-Hörer wissen wohl ohnehin kaum, worin der Unterschied zwischen einem Xylofon und einer Marimba bestehen mag. „Das ist nicht schwierig“, so Sietzen. „Der Tonumfang des Marimbafons liegt weniger hoch, man nimmt weniger harte Schlägel.“ Wegen längerer Resonatoren (die Resonanzrohre unterhalb der Klangstäbe) ist der Klang „weicher, wärmer und hält länger an“, so Sietzen. Der Siegeszug der Marimba setzte ein, nachdem das Xylofon eine Karriere im Jazz angetreten hatte. Statt mit zwei wird die Marimba oft mit vier Schlägeln gespielt.
Berühmt aber wurde das Instrument durch Multiperkussionisten wie Evelyn Glennie, Keiko Abe und Martin Grubinger. Letzterer war es, der den noch ganz jungen Christoph Sietzen anfixte. „Ich komme aus einer musikalischen Familie“, so Sietzen. „Mein Onkel mütterlicherseits ist der Geiger Thomas Zehetmair. Beide Großeltern waren Streicher, mein Großvater hat den Martin Grubinger senior gut gekannt.“ Damit ist der Vater jenes bekannten Multiperkussionisten Martin G. gemeint, der alsbald auch eine Vorbild-Funktion zugunsten des Schlagwerks bei Christoph Sietzen erfüllte.
Ursprünglich lernte der Junge Kontrabass. Im Kindergarten hatte ihm eine Xylofongruppe, wo man so richtig draufhauen konnte, besonderen Spaß gemacht. „Schon damals war mir ganz klar, dass ich Musiker werden will.“ Bei Grubinger sen. bekam er dann den ersten Schlagwerk- Unterricht. Mit Grubinger jun. entspann sich eine Freundschaft, die bis heute hält.

Bach für acht Schlägel

Die Streicher-Herkunft war nicht umsonst. „Ich versuche auch beim Trommeln eine Melodie zu transportieren, das ist geradezu mein Credo“, erzählt Christoph Sietzen. „Die Schlagwerkinstrumente sind oft sehr repetitiv in ihren Stimmen. Man muss variieren, um nicht zu sehr in den Mustern steckenzubleiben, sonst wird’s vielleicht monoton.“ Das tue er, indem er die melodischen Beziehungen zwischen den Tönen besonders hervorkehre. „Mir geht es darum, das Schlag- als Melodieinstrument zu zeigen.“
Deshalb wählt er bei Trommeln Naturfelle, kein Plastik – „wegen des schöneren, gesanglichen Tons“. Selbst bei „Junk-Percussion“, also bei Kochtöpfen und Fliesen, wie sie bei modernen Kompositionen verlangt werden, legt er Wert auf „gut klingende Fliesen“. Beim „Wave-Quartet“, welches Sietzen vor zehn Jahren gemeinsam mit drei weiteren Marimbafon-Spielern gründete (bis heute gehen die vier ganzjährig immer wieder auf Tour), besteht die Pointe darin, dass hier „vier Cembalo-Spieler“ aufs Schlagwerk umsattelten. Vier Tastenspieler also ohne ‚Haudrauf’. „Unser Ziel war es, Bachs Konzerte für zwei Cembali auf vier Marimbas zu spielen.“
Auch Sietzen indes verwendet, wenn er solo auftritt, dutzende Instrumente gleichzeitig und springt zwischen den einzelnen Baustellen akrobatisch hin und her. Grubinger jun., der für das Ansehen heutiger Multiperkussionisten viel bewirkt hat, pflegt auf den Sportsgeist seiner Tätigkeit viel Wert zu legen. Er behauptet, bei Signierstunden die Schlagzeug- Adepten schon an den ausgeprägten Unterarmen erkennen zu können. „Ist nicht ganz so schlimm“, relativiert Sietzen. „Gute Kondition ist von Vorteil, und ich muss einräumen, dass ich mich an echte Marathon- Konzerte noch nicht rangewagt habe.“ Er gehe nur „ab und zu mal Laufen“. Im Übrigen sei das Marimba-Spiel weniger muskel- als gravitationsbetont. „Man hebt den Schlägel und lässt ihn wieder fallen.“ Das klingt beruhigend. Und korrigiert das Klischee der Schlagzeuger als sensibler Schlägertruppe der Klassik.
Auf seiner neuen CD „Attraction“ (Genuin classics) – zum ersten Mal solo, ohne Quartett! – kombiniert Sietzen Zeitgenössisches von John Psathas und Andrew Thomas mit den klassischen „Reponds A et B“ von Xenakis und zwei Bearbeitungen von Arvo Pärt (autorisiert vom Komponisten). Kann sein, dass die bislang problematische Beziehung zwischen Schlagzeugern und CDs doch noch ein gutes Ende nimmt. Hier nämlich kann jemand auf dem Schlagwerk singen.

Neu erschienen:

Iannis Xenakis, John Psathas, Arvo Pärt u.a.

Attraction

Christoph Sietzen

genuin/Note 1


Siegeszug mit Resonator

Das Marimbafon (die Marimba), originär aus Afrika, wurde im zentralamerikanischen Guatemala entwickelt. Der Tonumfang liegt etwas tiefer als beim Xylofon. Unter den Palisander-Klangstäben wurden ursprünglich Flaschenkürbisse als Resonatoren angebracht, heutzutage besteht das senkrechte Resonanzrohr meist aus Aluminium. Mit dem Siegeszug des härter klingenden Xylofons rückte auch die Marimba stärker in den Fokus. Durch die starke Verbreitung in Japan wurde Keiko Abe zur bedeutendsten Multiplikatorin im Westen. Der Unterschied zum Vibrafon besteht in der Verwendung von Holzklangstäben. Bekannte Kompositionen für Marimba schrieben Darius Milhaud, Steve Reich und Tilo Medek.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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