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Saleem Ashkar (c) Luidmila Jermies

Blind gehört

Saleem Abboud Ashkar: „Das ist doch hoffentlich nicht Michelangeli!“

Saleem Ashkar (früher Saleem Abboud Ashkar), geboren 1976 in Nazareth als Sohn palästinensischer Christen, studierte in London und bei Arie Vardi in Hannover. Bei einem Vorspielen in Tel Aviv hörte ihn Zubin Mehta, der ihn förderte. Inzwischen hat Ashkar unter den meisten großen Dirigenten gespielt, auch auf CD, etwa unter Riccardo Chailly in Leipzig (Mendelssohn) und Ivor Bolton in Hamburg (Beethoven). Ashkar lebt in Berlin, wo er am Konzerthaus gerade einen Zyklus mit sämtlichen Beethoven- Sonaten zum Abschluss bringt.

Eine alte Aufnahme, nicht nur von der Aufnahmetechnik her, sondern auch wegen der Agogik. Sehr dynamisch gespielt! So spielt man nicht mehr. Und sehr elastisch, flexibel auch innerhalb einer Phrase. Alles spricht für einen sehr persönlichen, romantischen, nicht objektivistischen Ansatz. Das könnte Artur Schnabel sein. Aber es ist nicht Schnabel. Dafür fehlen mir hier einige Details. Hier spielt jemand, der hörbar nicht von vielen Aufnahmen beeinflusst ist. Sehr selbstbewusst und mit ausgeprägter Spontaneität. Ich glaube, dass Schnabel schneller wäre. Was, es ist doch Schnabel!? Das hätte ich nicht gedacht. Man hört den Belcanto, auch Härte und Struktur. Immer schlicht. Er entwickelt jeden Ton aus dem vorherigen. Eine sehr schöne Aufnahme! Aber Schnabel hätte ich nicht erkannt.

Ludwig van Beethoven

Klaviersonate Nr. 1, op. 2, Nr. 1

Artur Schnabel

Warner Classics

Sehr getrieben, sehr muskulös. Ein sehr männlicher Mendelssohn. Ich habe das Werk oft gespielt, und muss überlegen, ob ich es vielleicht sogar selber bin? Jedenfalls mag ich’s. – Nein, das ist Rudolf Serkin! Er besitzt genau diese Eckigkeit, dieses Hartsinnige, Kompromisslose. Trotzdem spielt er sehr singend. Er brennt auf hoher Temperatur. Ich glaube, es ist zehn Jahre her, dass ich die Aufnahme zuletzt hörte. Es gibt Pianisten, die das noch schneller spielen, aber niemanden, der es so turbomäßig und energetisch schafft. So drangvoll, ungeglättet und in direkter Beethoven-Nachfolge. Großartig.

Felix Mendelssohn Bartholdy

Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll op. 25

Rudolf Serkin, Philadelphia Orchestra, Eugene Ormandy

Sony

Das ist Anna Netrebko, vermutlich mit Daniel Barenboim am Klavier. Das habe ich selbst auch schon gespielt, mit Anna Samuil. Es sind wunderbare Lieder. Bei der Aufnahme, die wir hier hören, dürfte ich dabei gewesen sein, und zwar als Umblätterer. Ich war zufällig vor Ort, da fragte mich Barenboim. Jeder Pianist ist schwierig in Bezug auf den Blätterer. Denn jeder hat sein eigenes Lesetempo. Und wer das Stück gerade erst gelernt hat, möchte, dass in letzter Sekunde umgeblättert wird. Ein guter Blätterer ist deshalb jemand, der Gedanken lesen kann. Man muss darauf reagieren, wie gerade der Denkprozess verläuft. Ein undankbarer Job. Man muss gut sein und kriegt kaum was dafür heraus. Tödlich sind Blätterer, die nervös werden! Und sie haben allen Grund dazu. Denn der Blätterer, ich kann es Ihnen flüstern, trägt immer die Schuld.

Nikolai Rimski-Korsakow

„What It Is, In The Still Of Night“

Anna Netrebko, Daniel Barenboim

Deutsche Grammophon/Universal

Das ‚swingt’ sehr schön. Hier hat jemand keinerlei Angst vor dynamischen Schattierungen, was bei Bach richtig und wichtig ist. Bei diesen Werken ist immer die Frage, ob man das Cembalo imitiert oder nicht. Unser Interpret hier bewegt sich nicht im Schatten von Glenn Gould. Kein Wunder, denn die Aufnahme ist offenbar älter. Da wird elastisch und frei musiziert, und es besitzt trotzdem eine schöne Klarheit. Sehr linear, sehr kantabel. Das könnte Edwin Fischer sein; ist es aber nicht. Da gäb’s mehr falsche Töne … Hat Wanda Landowska Bach auf dem Klavier gespielt? Es klingt beinahe Französisch, so leicht und kontrapunktisch wird es hier gespielt. – Was, Myra Hess?! Was für eine großartige Pianistin! Man denkt an eine tantenhaft ältere Dame, aber in Wirklichkeit kenne ich kaum eine muskulösere und männlichere Beethoven-Spielerin. Ich hatte ein anderes Bild von ihr. Es spricht absolut für sie, dass ihre Palette so breit ist.

Johann Sebastian Bach

Gigue, aus: Französische Suite Nr. 5 BWV 816

Myra Hess

Heritage

Das ist „Tosca“. Hier fehlt meines Erachtens genau das, was wir in den früheren Aufnahmen so toll gefunden haben. Es ist wunderbar gesungen, aber … Aha, das da ist Plácido Domingo! Eine moderne Aufnahme, jedes Pizzicato ist haargenau zusammen, die Sache ist perfekt koordiniert. Das Spielerische dagegen gelingt hier nicht so ganz. Natürlich eine große Sängerin! Leontyne Price?! Ich dachte doch gleich, dass es Zubin Mehta sein könnte. Bei ihm ist kein Geiger im Zweifel, wann und wie er zu spielen hat. Bei ihm hat’s Entschiedenheit, auch ein gewisses Maß an ‚Machismo’. Er gibt Sicherheit, und das hört man auch. Ich habe Mehta in Tel Aviv vorgespielt, als ich 17 Jahre alt war. Daraus ergab sich mein erster großer Auftritt, das 1. Klavierkonzert von Tschaikowski, ein halbes Jahr später.

Giacomo Puccini

Tosca

Leontyne Price, New Philharmonia Orchestra, Zubin Mehta

RCA/Sony

Ist das meine Aufnahme? Es gibt da bestimmte Details, bestimmte Farbwechsel, auch ein ähnliches Tempo. Aber meine Aufnahme ist dermaßen lange her, dass ich das nicht mehr so richtig weiß. Man ist nie zufrieden mit sich, deswegen schaue ich wohl jetzt gerade etwas verunsichert … Der Pianist hier hat jedenfalls ein sehr schönes Legato. Er spielt mit Timing, sehr elegant. Er hängt kleine Bleigewichte dran, die da auch hingehören. Er schreit nicht! Ein sehr guter Brahms-Interpret. Nur, leider bin ich das doch nicht gewesen. Erster Versuch: Julius Katchen! Sehr poetisch. Und recht schwer. Ein Meister seines Fachs. Auch gut bei den Händel- Variationen wäre Claudio Arrau. Doch das nur nebenbei.

Johannes Brahms

Händel-Variationen

Julius Katchen

Decca/Universal

Mein erster Eindruck: ganz wunderbar! Die messerscharfen Farbwechsel gelingen. Der Stil ist nicht ideologisch in einer bestimmten Richtung. Es ist nicht ohne Vibrato, aber auch kein zu schweres Vibrato. Mal so, mal so. Nicht alles nur Nescafé! Anders gesagt: Es ist undogmatisch, und das halte ich für einen Vorteil. Nicht jeder lange Ton kriegt einen Bauch verpasst. Sehr frei, sehr charaktervoll. Natürlich hört man den Einfluss der historischen Aufführungspraxis. – Das Hagen Quartett!? Nichts gegen zu sagen. Es ist auch sehr schön aufgenommen. Die Interpretation ist überaus musikalisch. So muss es sein.

Wolfgang Amadeus Mozart

Streichquartett G-Dur KV 387

Hagen Quartett

Myrios Classics/hm

Das ist Ende der 70er Jahre aufgenommen, man erkennt es schon am Tempo. Langsamer als man es heute finden würde. Es hat Schwere. Aber es sollte, wie ich finde, mehr Sturm und Drang haben. Stattdessen findet man eine große Strenge und eine noch größere Intensität. Oh Gott!! Der Pianist spielt die Akkorde ja geradezu brutal. Hier geht’s aber eher um Leichtigkeit! Mag sein, dass das ein großer Name ist, aber die Akzente sind zu eckig. Er will kontrapunktisch klingen, aber es gelingt nicht so recht. Huch, die Bläser sind unsauber! Das ist doch hoffentlich nicht Arturo Benedetti Michelangeli! Doch?! Na, also. Ich kenne diese Aufnahme nicht. Aber der Beethoven, den er solo spielt, klingt ähnlich. Ich finde ihn bei Scarlatti, bei Ravel und Rachmaninow einfach phänomenal. Voller Magie und Verrücktheit! Hier nicht. Man muss aber auch nicht alles können. Er hat’s versucht.

Ludwig van Beethoven

Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15

Arturo Benedetti Michelangeli, Wiener Symphoniker, Carlo Maria Giulini

Deutsche Grammophon/Universal

Erscheint Anfang Juni:

Ludwig van Beethoven

Nr. 3, 5, 14 „Mondschein“ & 30 (2 CDs)

Saleem Abboud Ashkar

Decca/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2017



Kommentare

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gemihaus
Saleem Ashkar ? Ihn bzw etwas von ihm verpasst, liebe Pianisten-Freunde ? Jedenfalls habe ich noch gar nichts gehört von einem Ashkar ... Insofern erscheint Fraunholzers Hörgast doch mit erstaunlich forsch 'muskulösem' Gerede über profiliertere Andre seines Fachs. Jedenfalls bin ich auf seine rein musikalischen Äußerungen gespannt, jenseits anheischiger PR.


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