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Klaus Heymann (c) Emily Chu

Naxos

Mehr als nur eine Marke

Vor genau 30 Jahren versetzte Klaus Heymann mit seinem Naxos-Label die Klassik-Szene in helle Aufregung. Und man geht mit der Zeit: Inzwischen ist daraus auch ein Branchenleader des Musikstreamings geworden.

Es muss irgendwann Ende der 1990er Jahre gewesen sein, als für die amerikanische Dirigentin Marin Alsop ein Traum in Erfüllung ging. Aus dem fernen Hongkong bot ihr Klaus Heymann an, für sein Label Naxos die wichtigsten Orchesterwerke von Samuel Barber aufzunehmen. Sechs CDs sollten ab dem Startschussjahr 2000 erscheinen. Mit diesem halben Dutzend Silberlingen machte nicht nur Naxos einmal mehr als ein Label von sich reden, bei dem Klassik-Fans in Sachen rares Repertoire stets voll auf ihre Kosten kommen. Auch Marin Alsops Karriere bekam einen maßgeblichen Schub. Dabei kann sie sich heute noch allzu gut daran erinnern, wie ihr damals von diesem Aufnahmeprojekt abgeraten worden war: „Alle haben mir gesagt, ich solle nicht mit einem Budget-Label arbeiten, weil noch nie jemand von den Künstlern dort gehört habe.“ Doch nach dem ersten Gespräch zwischen Alsop und dem Label-Chef war sie von dessen frischem Blickwinkel auf die Musikindustrie begeistert. „Und ich habe erkannt, dass ich bei Naxos Dinge tun konnte, die woanders nicht möglich gewesen wären. Es war eine Win-Win-Situation.“ Seitdem hat Alsop viele weitere Aufnahmen bei Naxos machen können und sich damit in einem Pool an Künstlern etabliert, bei denen es weniger auf Glamour als vielmehr auf Qualität ankommt.

Global Player in Gründerhänden

Mit dieser Label-Philosophie fahren seit Jahren und Jahrzehnten eben nicht nur Musiker wie Pianistin Idil Biret, Cellistin Maria Kliegel oder die Dirigenten Leonard Slatkin und Robert Craft äußerst gut. Klaus Heymann setzte Maßstäbe, als er 1987 sein Naxos- Label gründete. Konnten sich damals viele nicht vorstellen, dass überraschend erschwingliche CDProduktionen auch hörenswert sein können, hat Heymann seitdem mit abertausenden Aufnahmen das klingende Gegenteil bewiesen. Und längst ist aus Naxos ein Global-Player geworden, der ständig expandiert. Aktuell vertreibt man zwanzig weitere Labels, 2015 erwarb man den größten Musikversand der USA. Und natürlich ist Naxos beim Musikstreaming in einem Segment umtriebig, auf dem man sich mit der „Naxos Music Library“ sage und schreibe schon seit 1996 – und somit lange vor heutigen Größen wie Spotify tummelte. „Wir sind dabei, die Music Library weiter zu entwickeln“, so Mastermind Heymann im Gespräch. „Insbesondere werden wir die Plattform mit Videoinhalten bereichern und auch die Noten der meisten Werke zugänglich machen. Wir arbeiten auch an einer Videoplattform, auf der man sich die Aufführungen führender Opernhäuser und Orchester live oder aus deren Archiven anhören und ansehen kann.“
Erst im letzten Jahr feierte Klaus Heymann seinen 80. Geburtstag. Trotzdem laufen wie am ersten Tag von Naxos noch immer alle Fäden bei ihm zusammen. Jede der jährlich rund 200 erscheinenden CDs wird von ihm abgesegnet. Aktuell zählt zu Heymanns Lieblingsprojekten die laufende Gesamteinspielung von Wagners „Ring“. Unter den Sängern finden sich Größen wie Matthias Goerne und Simon O´Neill; die Gesamtleitung liegt bei dem zukünftigen New York Philharmonic- Chef Jaap van Zweden, der hier das vor 40 Jahren von Heymann mitgegründete Hong Kong Philharmonic dirigiert.
Naxos produziert also weiterhin fleißig CDs. Und dennoch sind die veränderten Hörgewohnheiten und damit auch die Kaufgewohnheiten etwa in den USA nicht spurlos an Naxos vorübergegangen. Heymann: „Als es noch viele erfolgreiche Ketten wie Tower, Virgin und HMV gab, lief das physische Geschäft sehr gut. Dann kamen die Downloads, und die meisten Geschäfte machten zu. Heute wird der physische Markt von Amazon dominiert, und es gibt nur noch sehr wenige Ladengeschäfte. Der wichtigste neue Markt ist China mit seinen Streaming- Plattformen, die von Giganten wie Tencent, Ali Baba und Baidu betrieben werden. China hat die Downloadphase komplett übersprungen.“
Obwohl Klaus Heymann mit seinen verschiedenen Projekten das Zusammenspiel von klassischer Musik und Internet-Technologie gleichermaßen befeuert hat, reagiert auch er auf die neuen Trends auf dem (haptischen) Tonträgermarkt. Mag die LP zwar immer noch eine Nische in einer Nische für ihn sein. „Dennoch haben wir gerade den großen Vox / Turnabout-Katalog erworben und werden jetzt in das Geschäft einsteigen, auch mit Aufnahmen unseres Orfeo-Labels.“ Gerade ist Heymann für seine Ideen und Visionen mit einem Sonderpreis der International Classical Music Awards ausgezeichnet worden. Und wie sieht er den klassischen Tonträgermarkt in beispielsweise 20, 30 Jahren? „90% Streaming (oder etwas Ähnliches) und immer noch 10% physische Tonträger – für Geschenke und zum Konzertverkauf.“ Diesen Satz sollte man sich merken. Denn mit seinem Gespür und Sachverstand lag Heymann bisher eigentlich immer ziemlich richtig …

Neu erschienen:

The Anniversary Collection (30 CDs)

Naxos


Herr der Scheiben

Klaus Heymann wurde 1936 in Frankfurt/ Main geboren und lebt seit Ende der 1960er Jahre in Hongkong. Dort baute er zunächst den Asien-Vertrieb einer US-amerikanischen Soldatenzeitschrift auf. Parallel rief er ein Versandgeschäft für Kameras und Plattenspieler ins Leben. Um seiner Ehefrau, der japanischen Geigerin Takako Nishizaki, eine musikalische Plattform zu bieten, gründete Heymann 1982 das Label Marco Polo. 1987 war schließlich das Geburtsjahr des Naxos- Labels. Heute bildet Naxos mit über 400 Mitarbeitern das größte, weltumspannende Netzwerk für Klassische Musik und ist mit seinen über 60 Vertriebsablegern selbst in Ländern wie Sri Lanka oder auf den Westindischen Inseln vertreten.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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