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(c) Dario Acosta/Sony

Olga Peretyatko

Rotkehlchen

Die Sopranistin widmet sich auf ihrem neuen Album „Russian Light“ Raritäten des russischen Repertoires.

Wenn man ein Interview mit Olga Peretyatko haben will, muss man im Frühjahr 2017 entweder nach New York, Moskau oder Pesaro reisen. Denn die Sopranistin ist gefragt wie nie. Oder man greift eben zum Telefon. Sie ist gerade in Pesaro, zwei Tage entspannen in dem Haus, das sie dort gemeinsam mit ihrem Mann, dem italienischen Dirigenten Michele Mariotti bewohnt. Wenigstens ab und zu. Ihre Stimme klingt am Telefon überraschend tief und satt von italienischer Sonne. „Hier ist wunderbares Wetter. Ideal, um einfach mal zwei Tage am Meer zu sein und nichts zu tun.“ Peretyatko hat in Berlin an der Hanns- Eisler-Hochschule studiert und spricht perfekt Deutsch mit leicht russischer Färbung und unverschnörkelter Berliner Diktion. In Interviews hat sie immer wieder erzählt, dass sie schon als Kind gesungen habe. An einen Schlüsselmoment kann sie sich tatsächlich nicht erinnern: „Es war immer da, denn mein Vater war Sänger und es war völlig normal, zu singen. Wenn man mich fragt, wann ich mich entschieden habe, Sängerin zu werden, dann kann ich nur sagen: Ich weiß es nicht? Es war einfach ganz logisch.“
Heute hat Olga Peretyatko ein breites Repertoire, singt Mozart, Rossini, Verdi, nun auch das russische Repertoire. Der Werdegang ihrer Stimme ist ungewöhnlich, denn lange Zeit sang sie im Chor im zweiten Alt und hielt sich höchstens für einen Mezzosopran: „Ich war sicher, dass ich ein Mezzo bin und hoffentlich einmal Carmen singen würde, weil ich diese Musik so sehr liebe. Aber meine erste richtige Gesangspädagogin sagte nach dem Vorsingen: Du hast eine schöne Stimme, aber du bist Sopranistin! Ich war total enttäuscht und deprimiert, aber nur zwei Tage lang. Ich spreche tief und hatte beim Singen immer schon eine gute Tiefe. Heute ist es ein Bonus, denn ich kann dadurch so viel singen.“
Peretyatkos agiler Sopran, der so schwerelos und blitzsauber durch Rossini-Girlanden gleitet und Bellinis im freien Fall zu absolvierende Verzierungen über unendlichen Linien mit endlosem Atem strömen lässt und mit silbrig leuchtendem Glanz adelt, verliert im russischen Repertoire keine dieser Tugenden. Vielmehr gewinnt sie noch einige hinzu: Die gutturale Färbung der russischen Sprache gibt ihrer ohnehin runden Stimmgebung eine dunkelrote Grundierung, in der Tiefe bringt sie pointiert ihr reiches Brustregister ein, das hinreißend elementar, aber niemals ordinär klingt. Die Piani in der Höhe, die sie höchst delikat einsetzt, schimmern irisierend, und zugleich entwickelt sie bei angesprungenen Spitzentönen explosive Attacke und – wie etwa bei Rachmaninows „Eshchyo v polyakh beleyet sneg“ – durchaus dramatische Wucht.

Lauter Lieblingsstücke

Das klingt nach mehr, zumal die Mittellage groß aufblüht. „Ich weiß, wie es drinnen aussieht, wie mein Kehlkopf gebaut ist. Eine sehr berühmte Phoniaterin in St. Petersburg hat zu mir einmal gesagt: Du hast einen Stimmapparat wie eine dramatische Sopranistin. Das heißt aber nicht, dass ich gleich Turandot singen werde – ich plane nämlich, sehr lange zu singen!“
Mit dem russischen Repertoire dürfte sie einstweilen noch ausgelastet sein auf dem Weg zum schwereren Fach. Mit ihrer neuen Einspielung verfolgt sie natürlich auch die Mission, das russische Repertoire stärker ins Bewusstsein zu holen. „Ich habe bisher kaum russisches Repertoire szenisch gemacht. Alle diese Arien habe ich – wenn überhaupt – nur im Konzert gesungen. Es gibt so viel, das noch niemand kennt! Ich singe in der Einspielung nur Lieblingsstücke. Ich möchte auch die Vielfalt zeigen: Neben dem, was man erwartet, eben auch Strawinski und dann die beiden Stücke von Schostakowitsch, die an Film-Musik erinnern und teilweise Richtung Popmusik gehen.“
Peretyatko wird dabei begleitet vom Ural Philharmonic Orchestra aus Ekaterinburg am Ural unter der Leitung von Dmitry Liss. „Das war mein Wunsch und meine Entscheidung. Ich kenne Dmitry Liss, habe regelmäßig mit ihm gearbeitet. Das ist ein wunderbares Orchester und ich wusste, dass ich nicht viel erklären muss, denn mit dem russischen Repertoire kennen sie sich aus. Ich hoffe, diese Aufnahme macht das Orchester auch hier besser bekannt.“
In Berlin hat Peretyatko bei Brenda Mitchell studiert. Wie viel russische Gesangsschule steckt noch in ihr? „Ich glaube nicht an eine nationale Gesangstechnik! Im Grunde gibt es nur eine Technik, und das ist der Atem! Italienische Schule, was soll das sein? Was gemeint ist, wenn Stimmen in ihrer Herkunft erkennbar werden, dann sind das die Unterschiede der Sprachen. Es kommt darauf an, wo die Vokale liegen. Aber Gesangstechnik gibt es nur eine, nämlich Balance, Atemkontrolle und die Stimme muss sitzen.“
Demnächst wird sie wieder länger in Berlin sein, für ihr Debüt als Leïla in Bizets „Les pêcheurs de perles“. „Es ist meine erste französische Partie und wunderschöne Musik. Merkwürdig, dass man das Werk so selten auf der Bühne sieht. Bizet hat ein melodisches Talent wie kaum einer. Ich kann es kaum abwarten, endlich damit anzufangen!“

Neu erschienen:

Russian Light (Opernarien)

Olga Peretyatko, Philharmonisches Orchester Ural, Dmitri Liss

Sony


Die Zarenbraut

Mit der Partie der Marfa in Rimski-Korsakows „Die Zarenbraut“ feierte Olga Peretyatko 2013 an der Berliner Staatsoper einen Triumph. Nun widmet sie sich mit dem Album „Russian Light“ wiederum dieser Rolle und weiteren Arien Rimski-Korsakows aus „Schneeflöckchen“ und „Der goldene Hahn“. Das Album bietet Arien aus Glinkas „Ruslan und Ludmilla“, Igor Strawinskis „Rossignol“ und zwei schlagerleicht schmissige Arien der Lidotchka aus Schostakowitschs Operette „Moskau – Tscherjomuschki“. Ihr Debüt im französischen Fach gibt Peretyatko am 24. Juni an der Berliner Staatsoper als Leïla in Bizets „Les pêcheurs de perles“ in der Regie von Wim Wenders und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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