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Georg Philipp Telemann

Tulpenfreund und Kupferstecher

Vor 250 Jahren ist der neben Haydn wohl unermüdlichste Workaholic der Musikgeschichte gestorben. Dass seine musikalische Masse dabei absolute Klasse besitzt, bestätigen die anlässlich seines Todesjahres veröffentlichten Neuerscheinungen.

Ein Lully wird gerühmt; Corelli lässt sich loben – nur Telemann allein ist übers Lob erhoben.“ Mit diesen Worten verbeugte sich einmal kein Geringerer als der im 18. Jahrhundert einflussreiche Musiktheoretiker Johann Mattheson vor Georg Philipp Telemann. Und wenn so eine Instanz einem Komponisten verbal den Lorbeerkranz aufsetzte und ihn sogar über die damaligen Giganten Jean- Baptiste Lully und Arcangelo Corelli stellte, galt das schon als außergewöhnliche Auszeichnung. Mit seiner Telemann-Bewunderung war Mattheson natürlich nicht allein. Dennoch sollte mit Telemanns Tod 1767 vor genau 250 Jahren der Stern eines Musikers rasch verblassen, der nicht nur ein unfassbar fleißiger Komponist gewesen ist; sein Nachlass wird auf 3600 Werke geschätzt, deren Noten der Musiker zum Teil selbst für den Druck stach und vertrieb. Telemann hatte auch die Internationalisierung der musikalischen Sprache vorbildhaft vorangetrieben, indem er neben den allseits beliebten französischen und italienischen Stilelementen etwa polnische, englische, spanische und böhmische Tanzrhythmen verarbeitete.

Reichtum der Klangfarben und Formen

Beginnen wir unseren Rundgang durch die Neuheiten, die diesen Musik- Giganten zum Jubiläum würdigen: Ein besonderes folkloristisches Klangfarbenspiel hat sich nun die Akademie für Alte Musik Berlin einfallen lassen, um Telemanns diesjährigen 250. Todestag stilecht und eben auch verblüffend zu begehen. Für das Album „Concerti per molti stromenti“ hat man sich nämlich ein ursprünglich für drei Violinen bzw. drei Cembali geschriebenes Concerto für Mandoline, Hackbrett, Harfe und Streicher einrichten lassen. Und so unterschiedlich diese drei Mehrsaiter sein mögen – hier bilden sie nicht nur eine klangsprachlich perfekt zueinander passende, ausgelassene Solo-Gemeinschaft. Sie potenzieren den Vivaldischen Spirit in einem Werk, von dem sich später gar ein Händel etwas für sein Oratorium „Solomon“ ablauschte! Was für ein Mann für verschiedene „Tonarten“ Telemann gewesen ist, unterstreichen überhaupt die sieben Concerti für diverse Solobesetzungen – die zugleich einen Bogen schlagen vom festlichen Sound (mit drei Trompeten) bis zu einem Auftritt des sonderbaren Lauteninstruments Calchedon in einem unschätzbar kostbaren Konzert für zwei Flöten.
Telemanns erlerntes Haus- und Hofinstrument war zwar die Violine. Trotzdem konnte er sich in alle erdenklichen Instrumente auch autodidaktisch derart hineindenken und hineinfühlen, dass selbst aus einer Blockflöte eine musikalische Wunderwaffe wurde. Und zu was für einem beweglichen und zugleich verlockend schön dahinsinnierenden Instrument sie sich unter seiner Notenfeder entwickeln durfte, unterstreicht Giovanni Antonini zusammen mit seinem Ensemble Il Giardino Armonico anhand von vier Concerti und Suiten für Blockflöte. Dass Telemann daneben sogar das Chalumeau, den Vorläufer der Klarinette, springlebendig in Szene zu setzen verstand, dokumentiert Antonini auf einem Tenor-Chalumeau im Duo mit Tindaro Capuano (Alt-Chalumeau).
Wie Telemann das Französische in seine Flötenmusik einfließen ließ, spiegelt sich aber nicht nur in einem Solo-Prélude aus der Feder Jacques- Martin Hotteterres wider, mit dem Antonini seine Einspielung eingeläutet hat. Auch das Gros der vom französischen Flötisten François Lazarevitch meisterhaft und mit erlesenem Atem aufgenommenen 12 Fantasien für Traversflöte solo kommt „à la française“ daher. Auch dieses volle Piècen-Dutzend, das Telemann zwischen 1732 und 1735 zusammen mit ähnlichen Konvoluten u. a. für Gambe und Violine veröffentlicht hat, ist ein schlagender Beweis für Telemanns unerschöpfliche Fantasie.
Aus der intimen Kammer rauf auf die imaginäre Theaterbühne geht es mit dem sechsköpfigen, von Cembalist Olivier Fortin geleiteten Alte Musik- Corps, dem Ensemble Masques. Und als Krönung der mit „Le Théâtre Musical de Telemann“ betitelten Einspielung erklingt die „Burlesque de Quixotte“, mit der der Komponist Cervantes’ Ritter erst furios den Kampf mit den Windmühlen aufnehmen lässt, bevor sich Sancho Panchas Esel in den Streichern lauthals zu Wort meldet. Effektvoll und amüsant kommt diese etwas andere Schauspielmusik daher. Und zuvor stellt das engagiert bis schnittig aufspielende Team nicht nur den musikalischen Polen-Fan, sondern mit seiner Suite „Les nations“ auch den Klangreisenden Telemann vor, den es in Gedanken bis zu den Türken und sogar bis nach Moskau (!) zog.
Großes Seelenkino bietet dagegen Philippe Jaroussky bei seiner ersten deutschen Barock-CD, für die er jeweils zwei geistliche Kantaten von Bach und Telemann ausgewählt hat. Und mit dem Freiburger Barockorchester illuminiert Monsieur geradezu mühelos, schwebend, himmels- und engelsgleich die berühmten Bach-Werke wie „Ich habe genug“ – genauso atemberaubend wunderschön und unter die Haut gehend – wie eben die Telemannschen Kantaten „Die stille Nacht“ und „Jesus liegt in letzten Zügen“. Um das Reformationsjahr 2017 drehen sich schließlich zwei Einspielungen. So nahm Reinhard Goebel Telemanns Oratorium „Holder Friede, heil’ger Glaube“ auf, das 1755 zur Feier des 200-jährigen Bestehens des Augsburger Religionsfriedens entstanden und erst 2007 wiederentdeckt worden ist. Und das Alte Musik- Ensemble Concerto Melante kombinierte u. a. mit Sopranistin Robin Johannsen berühmte Luther-Choräle wie „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit den Telemann-Kantaten „Sey tausendmal willkommen“ und „Du bleibest dennoch unser Gott“, die 1730 anlässlich des 200. Jahrestags der Augsburger Konfession komponiert wurden. Hier wie da wird man gepackt und umarmt von einer Musik, von Chorälen wie „Sei Lob und Ehr’ mit hohem Preis“ und Arien wie „Auf! Wünschet Jerusalem Glück“, bei der einem sofort das Herz aufgeht.

Neu erschienen:

Concerti per molti stromenti

Akademie für Alte Musik Berlin

harmonia mundi

12 Fantasien für Solo-Flöte

François Lazarevitch

Alpha/Note 1

Concerti für Blockflöte u.a.

Giovanni Antonini, Il Giardino Armonico

Alpha/Note 1

Le Théâtre Musical de Telemann

Olivier Fortin, Ensemble Masques

Alpha/Note 1

Geistliche Kantaten

Philippe Jaroussky, Freiburger Barockorchester

Erato/Warner

Ein feste Burg ist unser Gott

Raimar Orlovsky, Concerto Melante, Robin Johannsen u.a.

dhm/Sony

Reformations-Oratorium

Reinhard Goebel, Bayerische Kammerphilharmonie, Chor des BR, Regula Mühlemann, Benjamin Appl u.a.

Sony

Erscheint Ende Juni:

Telemandolin (Arrangements)

Alon Sariel

Berlin Classics/Edel

Erscheint im August:

Telemann-Box: „Orpheus“ (Brockes-Passion, Orchestersuiten, Blockflötenkonzerte u.a.; 7 CDs)

Maurice Steger, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs

harmonia mundi

Wiederveröffentlichungen:

Georg Philipp Telemann: Masterworks (30 CDs)

Camerata Köln, Frans Brüggen, Freiburger Barockorchester, L’Orfeo Barockorchester u.a.

Sony

Telemann: The Collection (13 CDs)

Albrecht Mayer, Emmanuel Pahud, Concentus Musicus Wien, Berliner Barock Solisten u.a.

Warner

Georg Philipp Telemann – A Portrait (8 CDs)

Les Agrémens, Guy de Mey, Max van Egmond, Ensemle Eolus, Ricercar Consort u.a.

Ricercar/Note 1


Grüner Daumen

Was machte Telemann selbst im hohen Alter, wenn er nicht gerade komponierte? Er frönte seiner „Bluhmen- Liebe“, indem er vor den Toren Hamburgs in seinem Garten werkelte und sich um all jene Pflanzen kümmerte, die man ihm aus aller Welt zugeschickt hatte. So hegte und pflegte er etwa „Chinesischen Hanf“ genauso wie Blumen aus Polen oder Aloen und Säulenkakteen. Und weil Freund und Kollege Händel natürlich wusste, dass Telemann ein äußerst bewanderter Botaniker war, schickte er ihm 1750 zum 69. Geburtstag eine Kiste Blumen. Dazu legte Händel ein Begleitschreiben, dass „mir die Kenner dieser Pflanzen versichern, sie seien erlesen und von bezaubernder Seltenheit; wenn man mir die Wahrheit sagt, so werden Sie die besten Pflanzen von ganz England erhalten; die Jahreszeit ist günstig, so dass Sie noch Blüten daran haben werden.“


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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