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(c) Jürgen Frank/Warner

Diana Damrau

„Ich habe auch in der Tiefe etwas zu bieten“

Die Sopranistin über Giacomo Meyerbeer, kurze Babypausen und den Vorzug, mit einem richtigen Romeo auf der Bühne zu stehen.

RONDO: Frau Damrau, mit Giacomo Meyerbeer haben Sie sich einen Komponisten ausgesucht, der als pures Kassengift gilt …

Diana Damrau: Und ich habe umso mehr Arbeit hineingesteckt! Es ist ein Herzensprojekt. Wir wollten, dass es super ausschaut, und ich bin glücklich über das Ergebnis. Das Repertoire entspricht genau dem Zustand meiner Stimme. Man muss dafür genau wissen, wo man steht. Meyerbeer bedeutet nämlich eigentlich drei Komponisten: einen für Koloratur, einen für Lyrik und einen als Großmeister der Grand Opéra.

RONDO: Sie waren bislang eher spezialisiert auf Stratosphären- Vögelchen: Koloratur-Rollen mit blendender Höhe …

Damrau: Ja, und deswegen hatte ich an der Mitte der Stimme gar nicht so recht gearbeitet. Zerbinetta oder die Königin der Nacht, das sind Rollen, die in der Höhe ihr Geld verdienen. Absolut exponiert. Damit allein komme ich aber im Belcanto, und ebenso bei Meyerbeer, nicht durch. Da benötigt man eine erwachsene, frauliche Stimme, die auch in der Tiefe etwas zu bieten hat. Man muss alle Register ziehen. Ein bisschen so wie bei Rossini.

RONDO: Könnten Sie das noch genauer beschreiben?

Damrau: Man braucht eine saftige Mitte mit runder Höhe. Und man muss über Belcanto-Fähigkeiten verfügen, so dass auch in höchsten Lagen noch ein Messa di voce möglich wird …

RONDO: Ein An- und Abschwellenlassen der Töne …

Damrau: Genau. Man braucht viel Legato und zugleich die Power für dramatische Ausbrüche. All das verbunden mit dem schönsten Klang, und auf Französisch, mit viel Feuer und mit aller Tiefe der Gefühle. Man braucht einfach alles, was man nur irgendwie kriegen kann.

RONDO: In Berlin tobt an der Deutschen Oper derzeit ein Meyerbeer-Zyklus. Welche Rolle hätten Sie darin gern übernommen?

Damrau: Die Inès in „Vasco da Gama“. Und die weibliche Hauptrolle in „Robert le diable“, der in Berlin noch aussteht. Die schönste Rolle ist natürlich die der Marguerite de Valois aus den „Hugenotten“. Alles mit drauf auf unserer CD. „Robert le diable“ war übrigens mit mir am Covent Garden geplant. Nur habe ich gerade damals ein Baby bekommen. Da musste ich zurückziehen, zugunsten einer ‚privaten Produktion’! Die sind immer die besten!

RONDO: Sie haben nach Ihren Schwangerschaften immer sehr rasch auch wieder zu singen begonnen!?

Damrau: Immer schon zwei Monate später. Beide Söhne waren im Oktober geboren, das ging wunderbar. Unser Beruf ist kinderfreundlich. Man kann die Familie mitnehmen. Zwischen den Vorstellungen hat man ohnehin frei. Hat sich noch kein Kind drüber beschwert.

RONDO: Ihre Söhne werden in diesem Jahr fünf und sieben Jahre alt. Wie halten Sie es mit der musikalischen Früherziehung?

Damrau: Haben wir schon im Bauch mit angefangen! Ich habe ja auch während der Schwangerschaft ständig gesungen. Bei Alexander, unserem Ältesten, war das gerade die Rosina im „Barbiere di Siviglia“. Gegen Ende der Schwangerschaft gab es ein Künstlergespräch, wo am Schluss eine Arie aus der Oper gespielt wurde. Sofort hat’s im Bauch rumort! Er hat’s erkannt!! Die beiden Kinder gehen inzwischen auf alle Instrumente los. Zuhause singen tue ich aber nicht. Die Söhne befinden sich in Ruhe und Sicherheit – auch ohne Beschallung.

RONDO: Sie gehören zu den wenigen deutschen Sängerinnen, die sich im italienischen und französischen Fach anscheinend am Wohlsten fühlen. Warum?

Damrau: Für das französische Repertoire, etwa für Juliette oder Manon, lasse ich alles stehen und liegen. Besonders Juliette war für mich eine Offenbarung. Das liegt an meiner Stimme – und an Vorlieben. Ich kriege jedes Mal einen Kick durch die hohen Töne. Die sind wie eine Befreiung! Man singt sich in einen Rausch hinein, und ganz oben, auf dem Höhepunkt, kommt ein Adrenalin- Stoß. Großartig ist das. Die Töne selber darf man ja nicht raushauen. Umso mehr haut es mich um, wenn am Ende ein sauberer, ganz hoher Ton steht.

RONDO: Von Wagner wollen Sie immer noch nichts wissen?

Damrau: Elsa im „Lohengrin“ ist nicht aus der Welt. Auch über Freia im „Rheingold“ könnte ich nachdenken. Nur, wissen Sie, da sind Lucia oder die Traviata doch noch viel bessere Rollen als Freia. Ich wart’s ab! Wäre ich irgendwo im Ensemble gewesen, so hätte ich diese Rollen schon zehn Mal gesungen. In meiner Situation muss ich darauf achten, dass sie von entsprechend lyrischen Partien vorbereitet werden. Nicht mit „I puritani“! Geeignet wären zum Beispiel „Daphne“ oder „Arabella“ von Richard Strauss. Die liegen in der Tessitura schon etwas höher …

RONDO: Damit meinen Sie: in der durchschnittlichen Gesangshöhe der Partie …

Damrau: Ja, aber es sind Rollen, die trotzdem über das große Orchester hinwegkommen müssen. Das ist wie Trampolinspringen! Man muss ein bisschen geübt haben. Sonst fliegt man von der Matte.

RONDO: Wann kommt Ihre erste Marschallin?

Damrau: Sie kommt, ganz klar! Wann, weiß ich noch nicht. Auch „La rondine“ von Puccini würde ich mir wünschen. Und „Mimì“ an einem etwas kleineren Haus. Nur: Dafür würde man mich an einem kleineren Haus heute nicht mehr engagieren. Ebenso wenig wie für Micaëla in „Carmen“. Die wollen meistens die großen Rollen von mir.

RONDO: Eigentlich singen Sie fast immer … : allein unter Männern!

Damrau: Richtig, aber das merke ich doch kaum. Es gibt so wenige Duette! Freilich, wenn man dann den richtigen Romeo hat – so einen wie Vittorio Grigolo … Das ist wie Reinwaschen der Seele. Da wird’s echt. Ganz toll!

Neu erschienen:

Giacomo Meyerbeer

Grand Opera

Diana Damrau, Orchester der Oper Lyon, Emmanuel Villaume

Erato/Warner


Einsame Spitze

Arien-Recitals mit Werken Giacomo Meyerbeers sind notorisch selten auf dieser Welt. Berühmte Tenöre wie Caruso oder Jussi Björling hatten immer nur die Arie „Ô Paradis“ aus „L’africaine“ im Programm. Nicht einmal Universalisten wie Plácido Domingo (ein guter Darsteller des „Propheten“) oder Nicolai Gedda brachten es zu ganzen Arien-Porträts. Selbst Meyerbeer-Botschafterinnen wie Joan Sutherland oder Patricia Ciofi erhielten kaum Gelegenheit, sich systematischer mit der Materie zu befassen. Immerhin widmete Julia Varady der Sopran-Kantate „Gli amori di Teolinda“ eine ganze Platte. Kaum zu glauben: Diana Damrau ist mit ihrem Meyerbeer-Album allein auf weiter Flur.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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