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Vokal total

Bisher lag Händels „Alessandro“ nur in einer fast 30 Jahre alten Aufnahme mit René Jacobs in der Titelrolle vor. In die sind jetzt Lawrence Zazzo und Max Emanuel Cencic geschlüpft. Zazzo verkörperte den Griechenkönig im Februar dieses Jahres in einer Produktion der Karlsruher Händel-Festspiele, die live mitgeschnitten wurde. Das bringt zwar einige Bühnengeräusche mit sich, sorgt andererseits aber für eine größere Unmittelbarkeit. Der Amerikaner ist dunkler, männlicher timbriert als sein kroatischer Kollege, gleichzeitig geht er expressiver, farbenreicher zur Sache als Cencic, der dafür mit seiner helleren Stimme in den Koloraturen noch agiler wirkt. Die beiden Damen, die um Alessandros Gunst buhlen, sind in Karlsruhe leider von sehr unterschiedlicher Qualität. Während Yetzabel Arias Fernández eine erstklassige Leistung abliefert, fragt man sich bei Raffaella Milanesi wieder einmal, was einige Veranstalter (oder Dirigenten) an dieser alles andere als schmeichelnden Stimme mit den unsauberen Koloraturen und der unsteten Höhenlage finden. Da kann die Kollegin der Konkurrenzaufnahme ganz anders punkten: Karina Gauvin behauptet sich mit dem leicht metallischen Schimmer ihrer aparten Stimme erneut als versierte und souveräne Vokalistin. Ihre Gegenspielerin Julia Lezhneva betört allein schon durch die pure Schönheit ihrer Stimme, begeistert aber zusätzlich durch die Schwerelosigkeit ihrer Koloraturen. Bei der orchestralen Begleitung schließlich hat der Karlsruher Mitschnitt die Nase vorn. Die rhetorisch deutlich gewandteren Deutschen Händel-Solisten finden unter Michael Form zu einem viel pulsierenderen, besser artikulierten Spiel als die Armonia Atenea. Die Entscheidung fällt also nicht leicht. Wem die dramatische Wahrheit wichtiger ist, sollte zur Karlsruher Produktion greifen, wer dem vokalen Schlemmerfaktor die Priorität einräumt, wird mit Cencic und Kollegen glücklicher.
Zazzo: Pan Classics/Note 1 – Cencic: Decca/Universal

Überhaupt nicht glücklich geworden ist dagegen Vivaldi mit seiner letzten Oper „L’oracolo in Messenia“. In seiner Heimatstadt war der Venezianer mehr und mehr aus der Mode gekommen und so hoffte er, in Wien eine Aufführung zuwege zu bringen, womöglich mit Unterstützung des Kaisers. Karl VI. starb aber kurz darauf, und auch Vivaldi waren nur noch wenige Monate Lebenszeit vergönnt. So lag es an Fabio Biondi, das Werk im Januar dieses Jahres mit 270 Jahren Verspätung doch noch in Wien auf die Bühne zu bringen. Die Besetzungsliste scheint auf den ersten Blick nicht ganz so spektakulär wie bei Biondis bisherigen Vivaldi-Wiederbelebungen „Bajazet“ und „Ercole“, doch das künstlerische Ergebnis kann absolut mithalten. Das siebenköpfige Solistenensemble um Vivica Genaux und Ann Hallenberg (zudem übrigens auch Julia Lezhneva in einer furios virtuosen Rolle zählt) weist nicht eine Schwachstelle auf. Virgin/EMI

1726, im selben Jahr wie „Alessandro“, wurde auch Vivaldis Serenata „La senna festeggiante“ uraufgeführt. Mit nur drei Solopartien und einem kleinen Orchester ist das Werk nicht so aufwendig in der Umsetzung wie eine Oper, die Anforderungen an die Sänger sind allerdings keineswegs geringer. Die neue Produktion mit Fabio Bonizzoni und seinem Ensemble La Risonanza punktet mit der schon oben gelobten Yetzabel Arias Fernández. Countertenor Martín Oro zählt zwar nicht zur ersten Garde seines Fachs, schlägt sich aber (von einigen unschönen hohen Tönen abgesehen) recht wacker. Für den Bass hält Vivaldi ganz besondere Herausforderungen an Beweglichkeit und Koloraturfähigkeit parat – Sergio Foresti meistert sie bestens. Glossa/Note 1

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 5 / 2012



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