Startseite · Klartext · Pasticcio

Ein Zauberkünstler für das Rundfunkorchester: Teodor Currentzis (c) SWR/Anton Zaviyalov

Pasticcio

Coup!

Nachdem in letzter Zeit eigentlich alle Dirigentenjobs bei Top-Orchestern neu und namhaft besetzt worden sind, hätte man vorerst nicht mehr mit einer solchen schlagzeilenträchtigen Personalie gerechnet. Aber nun haben SWR-Intendant Peter Boudgoust und Johannes Bultmann, seines Zeichens der künstlerische Gesamtleiter der SWR Sinfonieorchester, gemeinsam die Katze aus dem Sack gelassen: Ab der Saison 2018/19 übernimmt Teodor Currentzis die Leitung des SWR Sinfonieorchesters! Wenn das mal kein Paukenschlag ist. Denn mit Currentzis hat man sich nicht einfach einen der aktuell meistdiskutierten Musiker geangelt. Er übernimmt tatsächlich ein Orchester, das im Grunde über kaum eine eigene DNA und daher über keine sonderlichen Meriten verfügt. Das SWR Sinfonieorchester ist schließlich eine noch junge Kopfgeburt des SWR, der trotz vehementer Proteste das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg aufgelöst und zu einem Klangkörper fusioniert hatte. Erst mit der laufenden Saison ist das SWR Sinfonieorchester in den Konzertbetrieb eingestiegen und wird am Saisonende seine ersten Duftmarken unter der Leitung solcher Gastdirigenten wie Peter Eötvös und Christoph Eschenbach hinterlassen haben. Und erst dann wird man wohl beurteilen können, ob es sich dabei um einen ungeschliffenen Rohdiamanten unter den öffentlich-rechtlichen Rundfunkorchestern handelt.
Auch die kommende Saison muss man noch mit Gästen bestreiten. Weshalb das Jahr darauf der eigentliche Neustart des Orchesters sein wird. Denn mit dem griechischen Wahl-Russen Teodor Currrentzis hat man einen musikalischen Allrounder und radikalen Gegen-den-Strich-Klangdenker gewonnen, der vor allem mit seinem Orchester MusicaAeterna Publikum und Kritik in den Bann zieht. Nichts kommt bei ihm von der Stange. Vielmehr pustet der von der historischen Aufführungspraxis kommende Currentzis selbst liebgewonnene Klassiker derart durch, dass mancher seiner Kollegen wie Philippe Herreweghe und John Eliot Gardiner dagegen fast wie Waisenknaben erscheinen. Er werde sich „mit Enthusiasmus, Liebe und Hingabe dem Orchester widmen und gemeinsam mit den Musikern die Zukunft gestalten“, so Currentzis in der ersten Stellungsnahme zu seinem neuen Karrierekapitel. Was sich bei anderen wie ein Allerweltsversprechen lesen würde, wird er gnadenlos in die Tat umsetzen. Für halbe Sachen oder Routine ist gerade er nämlich nicht bekannt.

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Fanfare

Ja, es gibt sie, die mutigen Opernhäuser, die im Wagnerjahr nicht nur Wagner spielen, sondern die […]
zum Artikel »

Gefragt

niusic.de

Das Ende der Samtkordeln

Ein neues Klassikmagazin im Web – und zugleich eine Plattform für jungen Musikjournalismus: Zwei […]
zum Artikel »




Top