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Rostropowitschs 90. Geburtstag

Slawa lebt!

Das Vermächtnis des Jahrhundertcellisten Mstistlav Rostropowitsch wird auf zwei CD-Boxen gefeiert.

Im Laufe seiner 60-jährigen Karriere hat Mstistlav Rostropowitsch unzählige Werke angestoßen. Und immer, wenn sich bedeutendste Komponisten an ein Konzert oder eine Sonate setzten, nahm er ihnen direkt die Scheu. Sie könnten ohne Rücksicht alles schreiben. Was Rostropowitsch für das Repertoire getan hat, lässt sich nochmal an den beiden Boxen ablesen, die jetzt anlässlich seines 90. Geburtstages bzw. 10. Todestages erschienen sind. Von den insgesamt 77 CDs entfallen gerade mal zwei auf hübsche bis hochbrillante Arrangements bzw. Zugabestückchen. Alle anderen Aufnahmen sind ausschließlich Originalwerke für das Cello aus drei Jahrhunderten. Wobei im Fall der DGBox auch der Orchester- und Operndirigent sowie der klavierspielende Liedbegleiter gewürdigt wird. Überhaupt sind beide Veröffentlichungen so unterschiedlich gewichtet, dass sich nicht die Frage des Entweder- Oder stellt. Die eine Box ist die ideale Ergänzung zur anderen und umgekehrt.
Sowohl für die Deutsche Grammophon, als auch die Labels EMI, Teldec und Erato (alle inzwischen unter dem Dach von Warner) hat der von seinen Freunden nur „Slawa“ gerufene Jahrhundertcellist zahllose Schallplattenklassiker aufgenommen. Für die DG bzw. ihre Sublabels etwa die Kopplung von Dvořáks Cellokonzert mit Tschaikowskis „Rokoko- Variationen” unter Karajan, die Cellosonaten von Brahms mit Rudolf Serkin und Beethoven mit Svjatoslav Richter sowie die elysische Einspielung von Schuberts Streichquintett mit dem Melos Quartett. Komplettiert wird diese Sammlung nicht nur von den nicht weniger gelungenen Zusammenarbeiten mit Martha Argerich und Emil Gilels, sondern im Booklet von einfühlsam geschriebenen Erinnerungen seines Schülers David Geringas.
In der editorisch luxuriöser daherkommenden Warner- Box „Cellist Of The Century“, der ein reichbebildertes Buch von 200 Seiten beiliegt, lobpreist hingegen Yo-Yo Ma in vollen Tönen auch die halsbrecherische Geschwindigkeit, mit der Rostropowitsch den „Elfentanz“ von David Popper hingelegt hat. Und natürlich hält man 180 Sekunden den Atem an – angesichts dieser manuellen Pyrotechnik. Andererseits ist dieser „Elfentanz“ nur ein kleiner Mosaikstein einer diskografischen Würdigung, die Aufnahmen von Tartini und Haydn über Beethovens Tripelkonzert bis Gubaidulina und Piazzolla auffährt und zudem aufregende Live-Mitschnitte aus dem Moskau der 1960er Jahre bietet. Und während hier außerdem Rostropowitschs letztes großes Interview 2006 erstmals vorliegt, ist seine Gesamteinspielung der Bach-Suiten von 1991 längst ein Klassiker. Da erlebt man wie unter einem Brennglas, wie Klarheit und Tonschönheit, zielstrebige Impulsivität und melancholische Nachdenklichkeit zu etwas unendlich Großem verschmelzen. Aber schon David Geringas hat sein Idol mit den Worten beschrieben: „Rostropowitsch war nicht nur Cellist, Dirigent, Pianist und ausgebildeter Komponist, Er war eine ganze Galaxie.“

Neu erschienen:

Cellist Of The Century (40 CDs & 3 DVDs

Warner

Complete Recordings On Deutsche Grammophon (37 CDs)

DG/Universal

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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