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(c) Harald Hoffmann/DG

Pierre Boulez

Geträumte Klang-Revolution

Das Wiener Konzerthaus widmet dem französischen Klassiker der Avantgarde eine umfassende und prominent besetzte Werkschau.

Bekannt wurde er in den 1960ern vor allem durch seine oft falsch zitierte Forderung, alle Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Ein Missverständnis, das Pierre Boulez jedoch nicht davon abhielt, später in Bayreuth oder Paris mit Produktionen wie dem legendären „Jahrhundert-Ring“ oder der Uraufführung der vervollständigten Fassung von Bergs „Lulu“ selbst Operngeschichte zu schreiben. Deutlich radikaler waren da schon seine eigenen Kompositionen, mit denen der Messiaen-Schüler, der zunächst Mathematik studiert hatte, sich schon früh an die Spitze der Avantgarde setzte. „Das Ziel der Musik ist es nicht, Gefühle, sondern Musik auszudrücken. Musik ist kein Gefäß, in das der Komponist seine Seele Tropfen für Tropfen füllt, sondern ein Labyrinth ohne Anfang und Ende, voller neuer Wege, die es zu entdecken gilt – und wo das Geheimnis ewig währt.“ So ein selbst formuliertes Credo, dem er sein Leben lang treu blieb. Sei es als Musikschaffender oder als messerscharf analysierender Interpret.
Das Wiener Konzerthaus würdigt den 2016 im Alter von 91 Jahren verstorbenen Komponisten und Dirigenten nun mit einer umfassenden und mit Künstlern wie Emmanuel Pahud, Jörg Widmann oder Daniel Harding prominent besetzten Werkschau, die den Franzosen in all seinen schillernden Facetten präsentiert. Gleich zum Auftakt am 7. Mai begegnet man da etwa dem langjährigen Freund und Wegbegleiter Daniel Barenboim, der gemeinsam mit dem Boulez Ensemble „sur Incises“ zur Aufführung bringen wird, dem man mit der „Verklärten Nacht“ von Schönberg einen der von Boulez stets hoch geschätzten Väter der musikalischen Revolution zur Seite stellt. Noch größer dürfte der Kontrast allerdings werden, wenn Barenboim kurz darauf ans Pult der Philharmoniker tritt. Dann trifft nämlich Bedřich Smetana mit Auszügen aus dem sinfonischen Zyklus „Mein Vaterland“ auf die einst von Barenboim aus der Taufe gehobene Orchesterfassung von Boulez‘ Schlüsselwerk „Notations“.
Selbstverständlich findet sich im Rahmen der Wiener Boulez-Retrospektive aber auch die kompaktere Urversion für Klavier im Programm. Betrachtete der Franzose die 12 filigranen Miniaturen aus dem Jahr 1945 doch als seine erste vollwertige Komposition, die er für würdig erachtete, in den offiziellen Werkkanon aufgenommen zu werden. In Wien hat man dafür mit Pierre-Laurent Aimard einen überzeugten Anwalt der Moderne verpflichtet, der unterstützt von Tamara Stefanovich einen prüfenden Blick auf das Klavierschaffen seines Landsmannes wirft.
Aber nicht nur die „Notations“ haben im Laufe der Jahrzehnte neue Gestalt angenommen. Boulez, der selbstkritische Perfektionist, legte bei vielen Stücken gleich mehrfach Hand an, änderte und verfeinerte so lange, bis er mit Form und Wirkung zufrieden war. Ob nun große orchestrale Klangexplosion, filigran verschachtelte Kammermusik oder durch Live-Elektronik in neue Sphären vordringende Klang-Experimente, seine Musik fasziniert und fordert bis heute die Interpreten. Denn frei nach Boulez: „Man muss seine Revolution nicht nur konstruieren, sondern auch träumen“.

www.konzerthaus.at

Tobias Hell, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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