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Antoine Tamestit (c) Julien Mignot

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Österreich ist die Heimat des Büro- Musicals. Hier wagte man zuerst eine ‚Musicalisierung’ von Niki Lists Kult- Komödie „Müllers Büro“. An der Wiener Volksoper folgt jetzt mit „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ eines der Berufsprachtstücke, sprich: Meisterwerke von Frank Loesser („Guys and Dolls“). Heerscharen von Speichelleckern, Kriechern, Kaffee-Dränglern und Gang-Grapschern schleimen sich in dieser Aufstiegsgeschichte beharrlich nach oben. Das funktioniert getreu dem ‚Peter-Prinzip’: Innerhalb einer Hierarchie verteilt sich die Kompetenz umgekehrt proportional zur Höhe der Position. (Je höher, desto depperter.) Matthias Schlung leiht dem Aufstiegsschwein ingeniös das Lächeln eines Honigkuchenpferds. Robert Meyer als hochschultriger Vorgesetzter reizt zum Lachen, schon wenn er nur dumm rumsteht. Ines Hengl-Pirker bräuchte mehr Rundungen, um als Sekretariats-Sexbombe durchzugehen, ist aber umso lächerlicher. Super gelungen! Als Sequel empfehlen wir „Promises, Promises“ (von Burt Bacharach nach „The Appartment“) oder das Doris Day-Musical „The Pajama- Game“ (über eine Schlafanzugfabrik). Gesprächsstoff für am Morgen danach: gesichert!
Im Café Imperial, dem vornehmsten Künstler- und Publikums-Café von Wien, denken wir heute über uns selber nach. Das Publikum, eine entscheidende Größe in der Welt des Theaters, will gewonnen werden. Und lässt sich dabei sogar gelegentlich hinters Licht führen. Der Dirigent Fritz Busch dirigierte in seinen jungen Jahren gelegentlich auch Kurkonzerte, und zwar stets unter der dreisten Ankündigung, es handele sich um Werke des populären Paul Lincke. Das stimmte zwar nicht, wurde von ihm aber so lange praktiziert, bis der Komponist eines Tages selber in dem Kurbad erschien. Er hörte sich das Ganze eine Weile an, um sich anschließend zu beschweren: Er habe nun tagelang lauter Kompositionen von sich angekündigt gesehen, aber noch nie eine gehört. Es reiche ihm! Nun, zumeist – und besonders in Wien – ist das Publikum klüger als man denkt. Für alle leicht dubiosen Veranstaltungen, die man im Segment der High End-Klassik durchaus findet, gibt es am heutigen Tag, wo ich dies schreibe, noch genug Karten! Das gilt für die Beethoven- Sinfonien unter Gustavo Dudamel mit dem Simón-Bolivar-Orchester (26. – 30.3.); da kann Dudamel noch so werbewirksam das Wiener Neujahrskonzert dirigiert haben. Es gilt für den angeblich gutbetuchten, musikalisch leider verarmten Josef Bulva (Brahms-Saal, 28.3.). Es gilt für den nur noch in Wien überhaupt ‚erlaubten’ Bertrand de Billy (2.4.). Und für David Helfgott (10.4.) gilt es schon sowieso. Wir raten ab. Wer einen Beethoven- Zyklus hören will, klinke sich lieber bei Philippe Jordan und den Wiener Symphonikern ein (8. – 10., 21., 23.4., 17., 18.5.). Wer einen großen Dirigenten sucht, höre Herbert Blomstedt (Wiener Philharmoniker, 28. – 30.4., 2.5., alle genannten Veranstaltungen: Musikverein). Und wer wirklich große Solisten mag, der gehe diesmal lieber ins Konzerthaus: zu Joshua Bell (26.3.), Edgar Moreau (28.3.), zu Janine Jansen (22.4.), Antoine Tamestit (24.4.) oder notfalls zu Yuja Wang (6.4.).
In der Staatsoper gibt’s mit „Parsifal“ einen echten Publikumsmagneten (Regie, oh je!: Alvis Hermanis, dafür mit Nina Stemme und Hans- Peter König, ab 30.3.). Das Theater an der Wien gönnt sich zum Ende der Saison einen alten Publikumsschreck: Henzes „Elegie für junge Liebende“ (ab 2.5., Regie: Keith Warner, mit Johan Reuter). Wirklich abschreckend? Nicht für gutes, kluges, neugieriges Publikum. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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