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(c) Badisches Staatstheater/Falk von Traubenberg

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Valer Sabadus wird gern für Opern von Francesco Cavalli gebucht. Woran der Dirigent Leonardo García Alarcón mit seiner Cappella Mediterranea nicht unschuldig sein dürfte. Eben agierten beide an der GENFER OPER in „Giasone“. Das Opus ist eine freche Mythenparodie, von der Kindermörderin Medea bleibt nur eine männermordende Liebesmegäre. Jason, als Vorläufer frivoler Operetten-Bonvivants, bietet ein gefundenes Counterfressen für Sabadus. Zwischen rasenden Geliebten und männlicher Amme, einem Amor im Fettpolsteranzug und anderem Göttergesockse, das sich permanent einmischt, ereignet sich fast vier Stunden lang eine klangköstliche, szenensatte Offenbachiade auf Darmsaiten. „Make love not war“, steht beim Happy End auf einem Betttuch.
Valer Sabadus betört mal mit emphatischer Weichheit das lachende Glück und ist dann wieder momentekurz am Rande des vokal geistesklar gemeisterten Nervenzusammenbruchs. Ein charmanter, sinnlich-androgyner Tänzer auf dem Verführungsseil. Nachzuhören und zu sehen übrigens in der Mediathek unter concert.arte.tv.
Kontraste ereilen uns in Karlsruhe. Da wird Richard Wagner auf seinem Flügel zu Grabe getragen, wenn am Badischen Staatstheater die Uraufführung „Wahnfried“ anhebt. Und geistert als Dämon durch einen vergnüglichen, in seiner surrealen Revuewahrheit erschreckenden Zweistünder. Dabei geht es in dieser Zusammenarbeit von Deutschlands erfolgreichstem Dramatikerpaar Lutz Hübner und Sarah Nemitz mit dem jüdischen Komponisten Avner Dorman gar nicht um den böse- genialen Richard, sondern um das, was aus seinem Erbe wurde: wie es durch Zeitklima, Witwenwalten und einen Diktator zur Projektionsfläche von Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus verbogen wurde.
Wagner-Schwiegersohn und Judenhasser Houston Stewart Chamberlain radikalisiert in „Wahnfried“ die ganze Familie. Keith Warner inszeniert brillant Beziehungsreiches auf der vermeintlichen Bühne des Bayreuther Festspielhauses. Dorman lässt brutal-kabarettistische Märsche losknallen. Man hätte mit dem schweren, fußangellastigen Stoff furchtbar bauchlanden können. Hier aber langen alle Mitstreiter voll zu und verirren sich doch nicht im faktensatten Irrgarten der Familiensaga vom Grünen Hügel.
Weiter geht es nach Hamburg. Da haben an der STAATSOPER Generalmusikdirektor Kent Nagano und Christoph Marthaler an der unvollendeten „Lulu“ herumgebastelt und die scheinbar naive Kindfrau, der die Männer verfallen, zu einer Art solipsistischer Perfomerin veredelt und gleichzeitig entschärft. Lulu, das ist Barbara Hannigan als unbeteiligte Gymnastin, die lustige Akrobatikkunststücke vorführt als Installation und vierstündige, meist starre Kunstübung. Während Kent Nagano sich auf einen neutralen Orchestersound beschränkt, erzeugt Marthaler packende Momente mit der ätherisch gläsernen Hannigan. Mit Jochen Schmeckenbecher als elegantem Machtmensch Dr. Schön, Matthias Klink als punkig tenorstarkem Alwa, der strengen Anne Sofie von Otter als hochragendem Lesben- Blaustrumpf Geschwitz.
Der dritte Akt wird nur im Particell quasi nackt gespielt. Dann erscheint die feinsinnige Geigerin Veronika Eberle und spielt Bergs Violinkonzert. Dieses, „Dem Andenken eines Engels“ gewidmete Werk komponierte Berg nach dem vollendeten zweiten „Lulu“-Akt als Requiem für die an Kinderlähmung verstorbene Manon Gropius. Und jetzt soll es quasi als Apotheose gelten für eine unter mehreren Namen nicht Greifbare, für eine Frau, die zu ihrem eigenen, vervielfältigten Denkmal erhöht wird.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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