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Der Norden

Der Charme der Landluft

Die Festivals im Norden setzen auf den Reiz der Landschaft und rustikale Spielstätten.

Das Schleswig-Holstein Musik Festival ist gewissermaßen die Mutter aller Festspiele, die nicht mehr (nur) in Konzertsälen spielen, sondern Scheunen, Manufakturen, Schlösser und Kirchen nutzen. Seit vor über 40 Jahren im hohen Norden diese unfeierliche Spielart des Festivals zur Marke wurde, gibt es unzählige Nachahmer dieses Konzepts. Dabei erfreut sich das Original – das Schleswig-Holstein Musik Festival (1. Juli – 27. August.) – nach wie vor bester Vitalität. Nach Jahrgängen mit Länderschwerpunkten ist das Programm in diesem Jahr von Maurice Ravel und dem Mandolinen-Virtuosen Avi Avital geprägt. Weitere Stars im gewohnt reichen Angebot sind Hélène Grimaud, Yuja Wang, Anne-Sophie Mutter und der sportliche Orgel-Exzentriker Cameron Carpenter, der mit dem Projekt „The Big Organ“ kommt.
In Ostfriesland haben sich die „Gezeitenkonzerte“ (23. Juni - 6. August) etabliert und stehen in diesem Jahr unter dem sprechenden Motto „Sturm und Klang“. Zwischen Emden, Aurich, Dangast und Leer steht die Kammermusik im Zentrum der vielen Konzerte mit aufstrebenden Talenten, daneben finden auch Stars wie Grigory Sokolov, Alice Sara Ott und Leif Ove Andsnes nach Ostfriesland.
Zum Big Player im hohen Norden haben sich die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern entwickelt (17. Juni – 15. September), die besonders pittoreske, teils von Privatleuten zur Verfügung gestellte Spielorte von der Seenplatte bis zur Ostseeküste bespielen. In „MeckPomm“ sind Konzerte aller Formate zu erleben, neben vielen Nachwuchskünstlern gibt es große Namen wie Janine Jansen, Julia Fischer, Mitsuko Uchida, Elisabeth Leonskaja, Herbert Blomstedt und Gustavo Dudamel. Die Berliner Philharmoniker und das NDR Elbphilharmonie Orchester geben sich die Ehre, Preisträger in Residence ist der Schlagzeuger Alexej Gerassimez, der auch die Reihe „Unerhörte Orte“ und das Percussionfestival „360° Schlagzeug“ prägt. Erstmals finden das neue Format „Inselmusik – Das Streichquartettfest auf Rügen“ statt, ein Festival der Preisträger in Ulrichshusen und das Musikund Seminarprogramm „Fokus Beethoven“. Gewissermaßen als Vorspann des sommerlichen Festivals versteht sich der Festspielfrühling Rügen (17. – 23. März), der mit Kammermusik auf Deutschlands größte Insel lockt. Für das Programm der 23 Konzerte verantwortlich ist der Bratscher Nils Mönkemeyer.

Die KunstFestSpiele Herrenhausen (1. – 28. Mai) bieten im imposanten Barockschloss Herrenhausen und seinem herrlichen Park vor den Toren Hannovers ein ausgesprochen experimentelles Programm. In diesem Jahr werden für 18 Produktionen, darunter fünf deutsche Erstaufführungen und Neuinszenierungen aus den Genres Musiktheater, Performance, Konzert und Installation, auch erstmals Aufführungsorte außerhalb des Schlosses eingeführt, darunter – als herber Kontrapunkt zur barocken Pracht – das Transporterwerk von Volkswagen Nutzfahrzeuge. Dort ist Heiner Goebbels legendärer Orchester-Zyklus „Surrogate Cities“ zu erleben.
Von höchster Aktualität ist die Tradition der Sommerlichen Musiktage Hitzacker (29. Juli – 6. August), denn dieses Festival verdankt sich dem großen Zustrom von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg, durch den sich die Einwohnerzahl des Städtchens an der Elbe verdoppelte. Unter ihnen befanden sich viele Musiker, die Konzerte initiierten und im Sommer 1946 die ersten Sommerlichen Musiktage veranstalteten. In seiner 72. Ausgabe bietet das älteste bundesdeutsche Kammermusikfestival exquisit komponierte Programme mit deutlichem Aspekt auf Neutönern des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts wie Henri Dutilleux und Tristan Murail. Es gastieren u. a. das Ensemble Resonanz, das Quatuor Ébène und das Parker Quartet. Die Londoner Komponistin Rebecca Saunders baut ihre Installation „Myriad“ auf und ist in weiteren Konzerten und Werkstattgesprächen in Hitzacker präsent.
Das Usedomer Musikfestival kreist in seiner 24. Ausgabe (23. September – 14. Oktober) an der Schwelle zum Herbst um den Länderschwerpunkt Dänemark. Auf der sonnenverwöhnten Insel eröffnen das Danish String Quartet und der NDR Chor das Festival, Gitte Hænning steuert Jazz, Blues und dänische Volkslieder bei. Eine Lesung mit Ulrich Noethen, begleitet von Hideyo Harada am Klavier, ruft Dänemarks berühmtes Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ ins Gedächtnis, und im Kraftwerk Peenemünde gastieren das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung des lettischen Dirigenten Andris Poga mit dem dänischen Violoncellisten Andreas Brantelid, sowie der US-amerikanisch-estnische Dirigent Kristjan Järvi und das Baltic Sea Philharmonic mit der Konzertshow „Waterworks“ – eine musikalische Reise von Dänemark bis an den Amazonas.

Regine Müller, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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