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Der Westen

Händel an der Leine

Ob im schnuckeligen Eifel- Städtchen Heimbach, am Kölner Rhein oder in der herrlichen Rheingau-Region – der Klassik-Westen ist mit seinen Festivals erneut mehr als nur eine Reise wert.

Noch ein Jahr – dann feiern 2018 die Wittener Tage für neue Kammermusik ihr 50-jähriges Bestehen. Doch dass man sich bis zum heutigen Tag quasi ständig erneuert hat, ist nicht zuletzt dem Künstlerischen Leiter Harry Vogt zu verdanken. Ohne musikalische und gattungsspezifische Scheuklappen stellt er Frühjahr für Frühjahr und mitten im Ruhrgebiet ein Wochenend-Programm zusammen, bei dem die Kammermusik auch per Musiktheater oder Video ohren- und eben auch augenöffnend upgedatet wird. Dementsprechend hat Vogt auch für die 49. Ausgabe (5. – 7. Mai) wieder zahlreiche Kompositionsaufträge vergeben. Mehr als 20 Ur- und Erstaufführungen stehen so in den Startlöchern. Und der Bogen reicht da von junggebliebenen Altmeistern wie Brian Ferneyhough und Harrison Birtwistle über den tschechischen Shooting-Star Ondřej Adámek bis hin zu Christopher Trapani und Timothy McCormack. Und natürlich ist in Witten auch wieder die erste Interpretenriege für Neue Musik anwesend, darunter das Ensemble Modern, das Arditti Quartet sowie das WDR Sinfonieorchester Köln als wohl treuester Teilnehmer dieses Festivals.
Selbstverständlich ist das Rundfunkorchester ebenfalls beim diesjährigen Kölner Musikfestival „Acht Brücken“ dabei (28. April – 7. Mai). Die 7. Ausgabe steht in diesem Jahr unter dem Motto „Ton. Satz. Laut“ und beleuchtet demnach das Mischungsverhältnis von Musik und Sprache. Unter den rund 50 Veranstaltungen, die sich ganz auf die Klänge des 20. und 21. Jahrhunderts fokussieren, finden sich Konzerte mit Kölns GMD François-Xavier Roth, der mit seinem Gürzenich-Orchester die französische Moderne mit Werken von Debussy, Ravel sowie des aktuellen „Komponisten für Köln“ Philippe Manoury beleuchtet. Von Witten kommt das Ensemble Modern rüber, um ein abendfüllendes Vokal- und Orchesterwerk von Manfred Trojahn aus der Taufe zu heben und zudem mit Komponist Helmut Lachenmann einen Ausschnitt aus dessen Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ zu präsentieren. Und während der südkoreanischen Komponistin und Ligeti-Schülerin Unsuk Chin ein umfangreiches Klangporträt gewidmet ist, gibt sich sogar die Berliner Noise-Kultband „Einstürzende Neubeuten“ mit jenem „Greatest Hits“-Programm die Ehre, mit dem man erst kürzlich auch in der Hamburger Elbphilharmonie beschallt hat.
In musikalisch ganzen anderen, intimeren Sphären bewegt sich hingegen das Kammermusikfestival „Spannungen“, das sein Gründervater, der großartige Pianist Lars Vogt im idyllischen Eifel-Städtchen Heimbach auf die Beine stellt. Und wie in all den Jahren zuvor, sollte man sich rasch um die Karten bemühen. Denn kaum ist das Programm veröffentlicht, ist dieses einwöchige Spitzentreffen erstklassiger Musiker im Nu ausverkauft (18. – 25. Juni).
Stehen bei „Spannungen“ kammermusikalische Abenteuerreisen quer durch vier Jahrhunderte im Mittelpunkt, verrät das Dortmunder Musikfestival „Klangvokal“ (28. Mai – 25. Juni) bereits im Titel seinen musikalischen Schwerpunkt. Diesmal schaut man ganz besonders über den musikalischen Tellerrand hinaus. „Grenzenlos“ lautet das diesjährige Motto. Und tatsächlich reicht das Spektrum von der italienischen Barockoper über Bach-Motetten und Weltmusik bis hin zu Schlagern und Filmsongs, mit denen diesmal die deutsche Sopran-Queen Simone Kermes gastiert. Doch nicht nur musikalisch kann man bei Klangvokal exklusiv hierfür maßgeschneiderte Programme erleben. Auch die gute alte Oper präsentiert sich in einem nicht alltäglichen Look. So ist Händels „Acis und Galatea“ in einer szenischen Fassung für Puppen- bzw. Marionettentheater zu erleben. Ausgeheckt hat dieses Spektakel für Groß und Klein die aus Prag stammende Puppenspieler-Truppe „Buchty a loutky“. Musikalisches Leben hauchen den kunstvoll geschnitzten Sängern und Sängerinnen hingegen Vokalisten und Instrumentalisten aus Fleisch und Blut vom Ensemble Collegium Marianum ein. Barockoper auf etwas andere Art bieten zudem das französische Ensemble Les Accents sowie das belgische Alte Musik-Team Vox Luminis. Während die Franzosen Antonio Vivaldis Opern-Pasticcio „Tamerlano“ von 1735 präsentieren, bei dem auch Musik von großen Vivaldi-Kollegen wie Johann Adolph Hasse erklingt, gastiert Vox Luminis mit der halbszenischen Einrichtung von Henry Purcells Semi-Oper „King Arthur“.
Zu musikalischen Landpartien laden schließlich erneut die Weilburger Schlosskonzerte ein (3. Juni – 5. August). Und von Pianist Alexander Krichel über den Teufelstrompeter Reinhold Friedrich und ein Allstar- Klaviertrio um Geigerin Julia Fischer bis hin zum Bandoneon-Prinzen Juanjo Mosalini sorgen erstklassige musikalische Charakterköpfe für einen ähnlich wohligen Aufenthalt, wie ihn schon Goethe genießen konnte. Immerhin verbeugte er sich einmal vor der ehemaligen Residenzstadt mit den Worten: „So grüße ich Weilburg – Perle an der Lahn.“

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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