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Der Süden

Tradition im Spiegel der Fremde

Europas dichteste Festivalregion lüftet dieses Jahr die allzu bajuwarisch-habsburgische Gemütlichkeit mit den Verlockungen der Ferne.

Wo ist bloß die gute, alte Dampfnudel geblieben?! Früher konnte man an keiner Heidelberger oder Mannheimer Bäckerei vorübergehen, ohne von den milchblassen, dicklichen Hefeklopsen angelacht zu werden. Vorbei! In welche heimische Region sie sich, gefüllt oder ungefüllt, auch immer zurückgezogen haben mögen: Die Bewahrung örtlichen Brauchtums scheint dringender denn je. Brauchen wir ein Dampfnudel-Festival im Süden?
Der Heidelberger Frühling (25. März – 29. April) hat sich mit seinem Thema „In der Fremde“ offensiv dem galoppierenden Dampfnudelverlust zugewandt. In Gestalt der „Vision für ein Miteinander“ hat man – mit Künstlern von Christian Gerhaher bis Uri Caine, Christina Pluhar bis Nicolai Znaider und Lisa Batiashvili – realisiert, dass die Klassik immer schon Tummelplatz des Fremden, kunstvoll Eingemeindeten war (und ist). Richtig so! Und lange schon. Sogar bei den Bayreuther Festspielen (25. Juli – 28. August) singt in diesem Jahr eine Russin die Kundry (Elena Pankratova), eine Amerikanerin die Brünnhilde (Catherine Foster) und ein Berliner Türke den 1. Gralsritter (Tansel Akzeybek).
Seit die „Internationale Orgelwoche Nürnberg“ (30. Juni – 9. Juli) unter Leitung von Folkert Uhde aus Berlin-Mitte steht, wird hier gleichfalls ein Aufbruch zu neuen Fronten praktiziert. Das Füssener Festival „Vielsaitig“ (30. August – 9. September) steht gar unter dem Motto „Staunen“. Worüber sollte man denn aus dem Häuschen geraten, wenn nicht über das Unerwartete, Andersartige von weit weg.
Selbst landschaftlich definierte Festivals wie die „Herrenchiemsee Festspiele“ (bei München) schwingen sich in diesem Jahr zu fremd-erhabenen Regionen hinauf: „Von Gott und Göttern – Barocke Wege“ (18. – 30. Juli). Bruckners Achte wird von einer Rumänin dirigiert (Ljubka Biagioni). Bekanntester Barock-Solist ist der kroatische Countertenor Max Emanuel Cencic.
Beim „Kissinger Sommer“ (16. Juni – 16. Juli) ruft der neue Intendant Tilman Schlömp unter dem Motto „1830 – Romantische Revolution“ zum Umbruch auf. Die Künstler – mit Patricia Kopatchinskaja, Nigel Kennedy, Franz Welser-Möst, Grigory Sokolov und Kent Nagano – sind international wie früher.
Die „Europäischen Wochen Passau“ (29. Juni – 6.August) laden sich Herbert Blomstedt, Christoph Spering, Sokolov und eine Fura dels Baus-Produktion der „Carmina Burana“ ein. „Musica Bayreuth“ (23. April – 4. Juni) bietet vom „Muttertagskonzert“ bis zu „Fuck you Wagner!“ Wechselbäder der Saisonalbegeisterung. Nirgends kann man hinsehen, wo man sich nicht am Differenten, Dampfnudelungemäßen reibt und freut.
Doch auch die Festivallandschaft hat ihre Verlustlisten. So fanden die „Carl Orff-Festspiele Andechs“ im Jahr 2015 zum letzten Mal statt. Im selben Jahr stellte auch das „Richard-Wagner-Festival Wels“ seine Arbeit ein. Wacker behaupten sich die Tutzinger Brahmstage am Starnberger See (15. – 29. Oktober); diesmal sogar schon im 20. Jahr. Die „Klosterkonzerte Maulbronn“ ziehen sich seit fast 50 Jahren über den ganzen Sommer (20. Mai – 24. September): zur Eröffnung mit der Uraufführung eines Luther-Oratoriums, später mit der Lautten Compagney Berlin, der Hamburger Ratsmusik, dem Ensemble Weser-Renaissance und anderen Grüßen des Protestantismus.

In ÖSTERREICH locken neben Connaisseur- Events in Graz (Styriarte), Linz (Brucknerhaus) und Lockenhaus (siehe Porträts) die üblichen, eingeführten Größen: allen voran die ausladenden Bregenzer Festspiele (19. Juli – 20. August), diesmal mit neuer „Carmen“ (Regie: Kasper Holten) sowie mit Rossinis seltener Seria-Oper „Mosè in Egitto“ (mit Mandy Fredrich, Regie: Lotte de Beer). Zwar gehört das Haydn-Festival Eisenstadt (24. August – 3. September) zu den zahlreichen österreichischen Festivals, dessen Auskommen uns mit Sorge erfüllt: Im Schloss hat man derzeit sogar Hausverbot und muss stattdessen nach Raiding, Halbturn und ins ungarische Schloss Eszterház Fertöd ausweichen. Stets einen Blick wert sind das Lehár-Festival von Bad Ischl (15. Juli – 3. September) und die Sommerarena- Saison in Baden bei Wien (23. Juni – 3.September, diesmal „Der Zarewitsch“ u. a.). Bei den gigantischen Seefestspielen Mörbisch (7. Juli – 19. August) feiert diesmal Intendantin Dagmar Schellenberger ihren Ausstand mit Zellers „Der Vogelhändler“. Und schon sind wir in der schönsten, österreichischsten Provinz angekommen? Nicht ganz. Nicht nur dass die Intendantin (und Darstellerin der Adelaide) stets einräumte, über einen „Berliner Migrationshintergrund“ zu verfügen; was in Österreich schon was bedeuten kann. Der in der Titelrolle aufgebotene Paul Schweinester verfügt über einen klangvollen deutschen Namen. Seine Karriere aber hat er in Paris und London gemacht. Merke: Wer in deutschsprachigen Landen groß rauskommen will, muss woanders gewesen sein. Das hat die Dampfnudel versäumt.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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