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(c) Martin Walz

Internationales Liedzentrum Heidelberg

Sängerliebe

Das Lied fristet eine Randexistenz. Unzeitgemäß und bieder – so lauten die Vorwürfe. In Heidelberg holt man jetzt zum Befreiungsschlag aus.

Große Gefühle auf der Bühne, hitzige Diskussionen bei den Zuhörern. Kalt gelassen hat „Das LIED“ niemanden. Der Wettbewerb mit dem minimalistischen Namen war ein großartiger Auftakt, nicht nur für das diesjährige Festival „Heidelberger Frühling“, sondern auch für dessen „Internationales Liedzentrum“. Auch wenn man Quasthoff, dem Initiator des Gesangswettbewerbs „Das LIED“ die künstlerische Einstellung „Le Lied, c`est moi!“ attestieren möchte, hat er mit seiner Initiative, die nun Berlin verlassen und sich ins „Internationale Liedzentrum“ eingegliedert hat, einer strauchelnden Kunstform die rettende Hand entgegenstreckt. Das ist - pars pro toto - auch der Anspruch des gesamten Liedzentrums. Als Bestandteil des „Heidelberger Frühlings“ kann das Vorhaben Liedzentrum auf dessen umtriebige Verantwortliche zählen. Das eigens gegründete „Netzwerk Lied“ ist der Motor dieses groß angelegten Vorhabens. Nicht nur namhafte Künstler wie Joyce DiDonato gehören dazu, sondern vor allem internationale Institutionen, um „neue Ideen nicht nur zu diskutieren, sondern ihrer Umsetzung eine Plattform in der ganzen Welt zu geben“, wie der Intendant des „Heidelberger Frühlings“, Thorsten Schmidt verrät. Die wachsende Zahl von Partnern umfasst unter anderem die Londoner Wigmore Hall, das Goethe-Institut und die Internationale Hugo-Wolf- Akademie in Stuttgart.
Unter dem Schirm des Liedzentrums tummeln sich neben dem Wettbewerb „Das Lied“ auch die Liedakademie Thomas Hampsons, das in den „Frühling“ integrierte Liedfestival „Neuland.Lied“ und das „Lied. Lab“ (die Punkte zwischen den Wörtern sollen offenbar für Progressivität stehen). Letzteres bietet eine Plattform zum interdisziplinären Herumschrauben an der Kunstform: Bildhauer, Tänzer, Videokünstler – alle dürfen sich mit dem Lied beschäftigen und sollen im Idealfall seinen Standpunkt neu definieren. Dabei ist es Thorsten Schmidt wichtig, das Kunstlied mit seinen modernen Verwandten zu konfrontieren – und seien sie auch noch so entfernt. „Wenn wir die Jugendlichen vor uns haben, ist es wichtig, auch ihre Musik ernst zu nehmen“, so Schmidt, „wir möchten aus dem Schubladendenken herauskommen und z. B. Singer- Songwriter auf Augenhöhe mit Schumann und Eichendorff betrachten.“
Dem Kunstlied muss definitiv geholfen werden, denn es steckt in einer Krise – und das schon länger. Trotz jüngerer Heilsbringer wie Christian Gerhaher und Ian Bostridge fristet es im Konzertleben ein Schattendasein. Weshalb nur? Ist das musikalische Format einfach nicht penetrant genug, um Film- und Videospiel- Soundtracks zu überbieten? Andererseits: Nie war die Konsumhaltung von Hörern auf eine so reduzierte Zeitspanne geeicht wie heute. Eine Zeitspanne, wie sie die meisten Lieder ohnehin aufweisen. Zugegeben, ein bisschen schwirrt einem der Kopf angesichts der vielen Baustellen, die das Liedzentrum öffnet. Andererseits ist diese Armada von Projekten vielleicht der einzig richtige Weg, um dieser wundervollen Gattung wieder zu mehr Ansehen zu verhelfen. „Neuland. Lied“ ist schon länger fester Bestandteil des Heidelberger Frühlingsprogramms, und der Gesangswettbewerb scheint in der altehrwürdigen Stadt am Neckar seinen idealen Platz gefunden zu haben. Vielleicht bahnt sich irgendwo zwischen putzigen Gässchen und der majestätischen Schlossruine Heidelbergs tatsächlich ein Comeback des Liedes an.

www.heidelberger-fruehling.de/liedzentrum

Konrad Bott, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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