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(c) Sylvain Norget

China Moses

Hybrid-Sängerin

Modern, swingend, zeitlos spirituell: China Moses, die Tochter von Dee Dee Bridgewater, findet auf „Nightintales“ zu sich selbst.

Liest China Moses etwa heimlich die CD-Kritiken von Rondo? Sieht fast so aus. Die Besprechung ihres Albums „Crazy Blues“, einer Verbeugung vor neun großen Damen des Jazz, Pop und Blues, endete 2013 mit den Worten: „Ihr Meisterstück in Sachen Sängerinnen-Hommage hat China Moses abgelegt. Jetzt ist es an der Zeit, selbst Geschichte zu schreiben.“
Gesagt, getan. Mit „Nightintales“ beschreitet die 39-Jährige, die in ihrer französischen Wahlheimat große Erfolge als R&B-Sternchen, MTV-Ansagerin und Radiomoderatorin feiern konnte, selbstbewusst einen neuen Weg. Keine Coverversionen. Und auch keine ergebenen Grußadressen mehr an schwer bewunderte Vorgängerinnen wie Dinah Washington (mit „This One‘s For Dinah“ hatte Moses 2009 ihr respektables Debüt als jazzaffine Sängerin gefeiert) – auf ihrem neuen Album hat die Sängerin sämtliche Stücke selbst geschrieben, unterstützt von dem britischen Produzenten Anthony Marshall.
Und die Sachen klingen gut. Modern, aber nicht modisch. Mit satten NuSoul-Grooves, in denen sich der Swing wie selbstverständlich einnistet. Dazu eine Vokalistin, der man den Spaß im Studio anhört, kichernd, neckend, lockend, aber auch sehr reif im Umgang mit den eigenen stimmlichen Mitteln.
„Ich bin ein Spätzünder“, entschuldigt sich China Moses lächelnd im Interview, „es gibt Leute, die wissen schon von klein auf, wer sie sind und was sie werden wollen. Bei mir war das nie der Fall.“ Das sah ihre Mutter, die berühmte Jazzsängerin Dee Dee Bridgewater, ganz anders: Die wusste laut Moses schon früh, dass ihr quirliger Spross unbedingt auf die Bühne muss. „Ich verspürte eigentlich keinen Wunsch danach, eine Bühnenkünstlerin zu sein. Ich wollte Songs schreiben, produzieren, Regie führen, Redakteurin sein – kurz, die Jobs im Hintergrund machen“, erzählt die in Los Angeles geborene und in Frankreich aufgewachsene Tochter des Theater-, Film- und Fernsehregisseurs Gilbert Moses.
Dass sie nun zu sich selbst gefunden hat, verdankt Moses ihrem Produzenten. Anthony Marshall, der in der Vergangenheit mit Popund Soul-Künstlern wie Nelly Furtado oder Craig David zusammenarbeitete, machte ihr klar, dass sie ganz ihrer musikalischen und kulturellen Herkunft vertrauen solle. Und brachte sie mit Begleitmusikern zusammen, deren Wurzeln in der Kirche liegen. „Die britischen Musiker auf dem Album haben alle einen Gospel-Background“, bemerkt Moses, „das fehlt den Jazz-Cats in Paris. Es gibt da Dinge, die kannst du nicht spielen, wenn du nicht diese Kirchenerfahrung hast.“
Trotz dieses Rückgriffs auf das archaische Erbe des Jazz birgt „Nightintales“ aber auch viel Heutiges. Das bestätigt die Sängerin und Songwriterin. Ein Stück wie „Watch Out“ sei beispielsweise der Versuch, 60 Jahre Musikgeschichte in zweieinhalb Minuten unterzubringen: „Es fängt an mit Swing aus den 30ern und endet mit einem HipHop-Beat. Wir wollten zeigen, dass das eigentlich das gleiche Ding ist“, so Moses. Das sei nun mal kennzeichnend für die neue Generation von Musikern, die wie Kamasi Washington gleichermaßen im Idiom eines Charles Mingus wie in dem des Rap bewandert sei, gibt die Sängerin zu verstehen. „Wir sind Hybride.“
Und die Mutter? Die ist glücklich, dass die Tochter ihre Bestimmung gefunden hat. „Du hast dich gefunden. Endlich“, sagte Dee Dee Bridgewater, nachdem ihr China Moses das neue Album vorgespielt hatte.

Neu erschienen:

Nightintales

China Moses

MPS/Edel

Josef Engels, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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