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(c) Gisela Schenker

Christiane Karg

Herznote

Mit „Parfum“ glückt der deutschen Sopranistin ihr bislang bestes Album.

Schwebend. Schwerelos. Dazu perfekte Diktion und ein frühlingsfrisch duftiges Timbre. Dies, kein Zweifel, ist die bislang beste Platte von Christiane Karg! – Das leuchtet auch ein. Die Laufbahn der Sopranistin aus dem mittelfränkischen Feuchtwangen (bei Ansbach) kam nicht sprunghaft in Gang. „Ich habe mich langsam an den Häusern hochgearbeitet“, sagt das langjährige, inzwischen flügge gewordene Ex-Mitglied der Oper Frankfurt.
Gute Sache. Für Sänger gibt es nichts Gefährlicheres als einen Karriere-Quantensprung von, sagen wir: Karlsruhe an die Met. Mit solchen Höhenflügen ist meist eine Entsicherung der eigenen Ansprüche verbunden – und der Eindruck, man könne alles. Die Bauchlandung folgt dann im Verborgenen. Nichts unauffälliger als ein rascher Absturz. Und nichts besser als ein zäher, durch Serpentinen hochzuckelnder Bimmelbahn-Anstieg. So wie bei ihr.
Dabei war es Christiane Karg, die vor Jahren das Konzept-Album neu erfand. Mit „Amoretti“ (2012), und jetzt ähnlich mit dem neuen Album „Parfum“, lieferte sie den Beweis, dass fein abgeschmeckte, dramaturgisch aufwendige Themen-Alben eine schöne, runde Sache ergeben können. Hier, bei „Parfum“, hat sie neben Ravel, Debussy, Koechlin und Duparc sogar einige frühe, französische Lieder von Benjamin Britten mit drauf. „Das Duftwasser, das zu allen diesen Werken passt, wäre leicht, floral und das Gegenteil von Moschus“, meint sie. Christiane Karg ist bekennender Parfum-Fan: „Gut eingeduftet, krieg’ ich gute Laune.“

Ein Sopran mit Charakter

Kühle Strahlkraft, eine rund und gut fokussierte Spitzenstimme zeichnet Karg aus; ohne jenen kleinen Zitronenspritzer, wie er für hohe Soprane à la Diana Damrau oder Natalie Dessay typisch ist. „Ich bin zwar ein hoher, aber kein ganz hoher Sopran“, so Karg. „Bei Pamina und Susanna fühle ich mich am wohlsten.“ Nicht aber bei der Königin der Nacht. „Ich weiß, dass man die Stimme nicht dahin trainieren kann, wo man sie gerne hätte. Man muss zufrieden sein mit dem, was man hat.“
Die älteste von drei Töchtern eines Konditormeisters begann mit Flöten- und Klavierunterricht; bezeichnet sich aber als „miserable Pianistin“. Deshalb entstehen ihre Programme nicht am Klavier, sondern am Buch (und bei der Recherche am Computer). Mit 14 Jahren startete sie eher spät mit dem Gesangsstudium, wurde am Salzburger Mozarteum von Wolfgang Holzmair ausgebildet.
Beim großen Mozart-Reigen der Salzburger Festspiele debütierte sie 2006 in frühen Werken, darunter „Apollo und Hyazinth“ und (im Jahr darauf) im „Schauspieldirektor“. Das war noch kein Durchbruch. Denn, wie Christiane Karg nüchtern feststellt: „In Salzburg braucht man eine Premiere und eine Titelpartie, um groß herauszukommen.“ Wichtiger war der Ighino in „Palestrina“ an der Bayerischen Staatsoper (2009). Auch keine Hauptrolle. Mit weiß geschminkter Hakennase sah sie aus wie frisch einem Hans Holbein-Gemälde entstiegen.
Seitdem hat sie sich konsequent als Sophie im „Rosenkavalier“ etabliert (letzteres in der Antwerpener Inszenierung von Christoph Waltz). Ihr Met-Debüt als Susanna steht im Dezember bevor. Von Ariodante bis Mélisande, von Cavallis „Calisto“ bis zur Blanche in „Les dialogues des carmelites“ reicht ihr Portfolio. Zierliche Gewächse. Aber bitte nicht zu neckisch! „Ich bin eigentlich für Adele in der ‚Fledermaus’ prädestiniert“, sagt sie. Das Kostüm, apricotfarben, sei auch sehr schön gewesen. Ansonsten war es: „die schlimmste Erfahrung!! Ich werde das nie wieder tun.“ Naivität sei nicht das Problem. „Aber der tiefere Charakter fehlt mir bei Adele, ich fühlte mich fehl am Platz.“ Hört man selten in solcher Ehrlichkeit.

Leicht und dennoch dringlich

Die Neigung zur Pariser Halbwelt eines Duparc, Koechlin oder Ravel basiert, sprachlich gesehen, bei ihr auf „Schulfranzösisch“. „Ich war Lateinerin“, so Karg im Blick auf ihr Hauptfach auf dem Gymnasium. Ist offenbar immer noch eine gute Basis! Auch die Bamberger Symphoniker unter David Afkham legen eine staunenswerte Verwandlung hin zum französisch Windigen, Changierenden und erotisch Charmierenden. (Das haben sie bei dem inzwischen nach Genf entfleuchten Jonathan Nott gelernt, der viel konnte.)
Unter Orchesterliedern findet man selten Deutungen, die so impressionistisch und dennoch triftig, dringend klingen. Hier verweht nichts. Hier bleibt aber auch nichts stehen und versackt. Die CD ist ein Beweis unerhörter Entwicklungsfähigkeit von Künstlern, die sich nicht selbst unter Druck setzen, sondern Zeit lassen, damit sich was entspinnt. Gegenwärtig denkt Christiane Karg über Strauss’ „Vier letzte Lieder“ nach; aber die will sie abseits, wo nicht jeder guckt, zur Aufführung bringen.
Und dann: mal sehen. Ihr Strauss-Fach soll ausgebaut werden; vielleicht mit Daphne, gewiss mit Zdenka in „Arabella“. Von Belcanto und derlei, womit man als lyrischer, hoher Sopran Geld verdienen kann, will sie nicht viel wissen. „Dafür kommen auch die Anfragen nicht.“ Als Künstler ist man halt immer auf das angewiesen, was einem angetragen wird. So schwebt sie lieber dahin. Man möchte mitschweben.

Neu erschienen:

Parfum (Orchesterlieder von Ravel, Debussy, Koechlin, Britten, Duparc)

Christiane Karg, Bamberger Symphoniker, David Afkham

Classics/Edel


Freundliche Übernahme

Französische Lieder sind seit Jahrzehnten nicht mehr die Domäne französischer Sänger. Fern die Zeiten, als Régine Crespin, Pierre Bernac und Gérard Souzay die Standards setzten. Später kamen die besten Sänger des französischen Lieds meist aus der englischsprachigen Welt: aus Cheltenham (Felicity Lott), aus Georgia (Jessye Norman) oder New Mexico (Susan Graham). Inzwischen verfügt die französische Tradition immerhin wieder über bekannte Opern-Namen, zum Beispiel Natalie Dessay, Sandrine Piau, Patricia Petibon und Marie-Nicole Lemieux (die aus Kanada stammt). Beim Lied haben sie sich eher zurückgehalten. Es ist die Chance für Französisch-Sänger auch aus Deutschland!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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