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(c) Simon Fowler

Julia Lezhneva

Power unterm Brokat

Die russische Sopranistin erweitert ihr Repertoire behutsam. Im April erscheint ihr neues Album: Arien des Berliner Hofkapellmeisters Carl Heinrich Graun.

Das Amsterdamer Muziekgebouw ist am Montagabend fast ausverkauft. Das Publikum jubelt schon, als Julia Lezhneva die Bühne betritt. Offenbar hat die russische Sopranistin hier eingefleischte Fans. Das Programm ist knapp konzipiert. Gerade einmal vierzig Minuten dauern die beiden Konzerthälften jeweils, in denen Lezhneva von Vivaldi bis Rossini, begleitet am Flügel von Mikhail Antonenko, einen flotten Querschnitt ihres Repertoires präsentiert. Am Ende gibt es Standing Ovations, aber die Fans begnügen sich mit einer Zugabe. Danach brechen die Amsterdamer eilig auf. Ein pragmatisches Völkchen halt. Beim Interview am folgenden Mittag spricht sie so leise, dass man glaubt, sie wolle die Stimme schonen. Schnell merkt man aber, dass es in ihrer extrem bescheidenen, beinahe scheuen Natur liegt, privat so zurückhaltend aufzutreten.
Was für ein Gegensatz zur Bühne: Dort ist Lezhneva augenblicklich ganz präsent. Sie bewegt sich wenig, hält die Arme leicht geöffnet vor dem Körper, ganz schlicht steht sie da. Kein großer Diven- Auftritt. „Als ich jung war, musste ich mich an das Auftreten erst mühsam gewöhnen. Inzwischen fällt es mit leichter, aber ich bin immer noch eigentlich schüchtern und nervös.“
Dabei scheint zur Nervosität kein Anlass gegeben: Vom ersten Ton an sitzt die Stimme der erst 27-Jährigen perfekt, klingt reich in der Mittellage, kristallklar in der Höhe und schnurrt aberwitzig gelenkig durch Koloraturen und Triller. Zugleich klingt sie größer als die der meisten ihrer Alte-Musik-Kolleginnen und besitzt einen berückenden Kuppelklang. Ihre satte Mittellage und sonore, nicht brustige Tiefe lassen die Frage nach ihrem wahren Stimmfach aufkommen. Ist da nicht viel mehr drin? „Das ist eine schwierige Frage! Meine Lehrer Dennis O’Neill und Kiri te Kanawa meinten, dass ich ein lyrischer Sopran bin. Im Moment konzentriere ich mich auf das Barockrepertoire, und da spielt sich viel in der Mittellage ab. Manchmal denke ich, dass ich vielleicht ein leichter Mezzo bin. Oder vielleicht werde ich auch ins Zwischenfach wechseln?“
Eine Agathe oder eine Senta traut man der Stimme mit ihrem zupackenden, edelmetallenen Charakter und der Stimmfarbe, die eindeutig nach Sopran klingt, durchaus zu. Zumal ruhige Legato-Passagen einen unendlichen Isolden-Atem offenbaren, der die Kräfte ahnen lässt, die noch ungeweckt in ihrer zierliche Person schlummern. Beim langsamen Satz von Mozarts „Exsultate, jubilate“- Motette klingt mindestens eine Gräfin Almaviva an. Die hat sie noch nicht gesungen, dafür aber die Fiordiligi, die natürlich ideal für den großen Ambitus und die quecksilbrige Beweglichkeit ihrer Stimme ist. Spitzentöne aber feiert Lezhneva kaum, sie sind für sie keine sich selbst genügenden Einzel-Ereignisse. „Ich bin eher mit der Charakterisierung beschäftigt, und damit, worum es in dem Stück geht“, sagt sie.

Opernsängerin, zum Spaß

Ihre Opernstimme entdeckte Lezhneva früh: „Ich war elf Jahre alt und sang im Chor. Mit einer Klassenkameradin versuchte ich im Spaß, eine typische Opernsängerin nachzuahmen. Das funktionierte gut, und als ich nach Hause kam, machte ich einfach weiter damit. Meine Mutter hörte das und war erstaunt. Das hatte niemand erwartet, denn es klang wie eine reife weibliche Stimme!“
Lezhnevas Stimmklang ist schwer zu verorten, der leicht gaumige, dunkel verschattete Beiklang, der so typisch ist für slawische Stimmen, geht ihr ganz ab. „Es müsste eigentlich slawisch klingen, denn ich bin ja Russin. Ich liebe aber den italienischen Sound. Und ich glaube, meine Art zu singen haben viel mehr die Dirigenten geprägt, die mir wichtig sind: Giovanni Antonini und Marc Minkowski. Dieser klare Stil und die Orientierung am Klang des Orchesters sind mir wichtig. Ich empfinde die Stimme als Teil des Orchesters.“
Bei der Frage nach Vorbildern zögert Lezhneva zunächst, nennt dann Maria Callas, Joan Sutherland, Emma Kirkby „die Pionierin!“ und natürlich Cecilia Bartoli, deren Vivaldi-CD die Teenagerin damals inspirierte. Aber dann fällt ein Name, der wirklich aufschlussreich ist und womöglich in Lezhnevas Zukunft weist: Irmgard Seefried. Der zugleich seraphisch und sinnlich klingende Sopran der Seefried hat tatsächlich Ähnlichkeit mit dem, was bei Lezhneva jetzt schon anklingt. Ihr Repertoire will sie behutsam erweitern: „Ich möchte mich erst einmal weiter in Richtung Kammermusik orientieren: Lied, französisches Repertoire, ich will viele Solo-Recitals singen. Und in Sachen Oper: Mozart und Rossini.“ Demnächst geht sie mit der Covent-Garden- Produktion von „Don Giovanni“ als Zerlina auf Tour, singen will sie später natürlich auch Donna Anna und Donna Elvira, „alle!“
Gerade hat sie Arien von Carl Heinrich Graun eingespielt und ist im April damit auf Tour: „Das ist wirklich aufregende Musik! Es gibt sehr schwierige Koloraturen, aber das Wichtigste sind für mich die langsamen Arien mit ihren tiefen Emotionen. Es ist sehr vokale Musik, man könnte sagen, zwischen Porpora und Bellini mit seinen langen Linien. Graun verlangt viel stilistische Erfahrung! Die Melodien sind sehr fein, fragil, denn sie haben etwas Improvisiertes und ihre Wendungen sind schwer vorauszusehen. Dennoch sind es echte Hits, Ohrwürmer, die man nicht mehr aus dem Kopf kriegt.“

Erscheint im April:

Carl Heinrich Graun

Graun (Opernarien)

Julia Lezhneva, Concerto Köln, Mikhail Antonenko

Decca/Universal


Spitzenton

Julia Lezhneva wurde 1989 auf der Insel Sachalin geboren. Ihre Eltern sind Geophysiker, in ihren jungen Jahren zog die Familie nach Moskau, wo die Sängerin noch immer lebt. Mit Sechzehn nahm sie an dem Gesangswettbewerb der russischen Mezzosopranistin Elena Obraztsova teil, die ihr riet, Rossini zu singen. 2008 machte Lezhneva am Moskauer Konservatorium ihr Diplom und ging nach Cardiff, wo sie bei Dennis O‘Neill studierte. Es folgten Studien in London bei Yvonne Kenny. Der internationale Durchbruch gelang 2010 unter Marc Minkowski in Salzburg, 2011 wurde sie zur „Nachwuchssängerin des Jahres“ der Fachzeitschrift Opernwelt gekürt, 2013 erhielt sie den ECHO Klassik als Nachwuchssängerin.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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