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Macht Laune: Klassische Musik wieder im Aufwind? (c) klimkin/pixabay.com

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Schon Champions-League?

Wer hätte das gedacht. Die klassischen Konzerte und Musiktheateraufführungen haben in der Spielzeit 2015/16 stolze 18,2 Millionen Besucher angelockt. Hört sich für sich genommen schon imposant an. Doch ein Vergleichswert bringt erst richtig Würze in diese Zahl. Im gleichen Zeitraum hat die 1. Fußball-Bundesliga gerade einmal 13,2 Millionen Fans bzw. Radaubrüder angelockt – was unter dem Strich fünf Millionen weniger Besucher macht! Klar. Jede Statistik muss man stets mit Vorsicht genießen. Schließlich hat einerseits nicht jeder Bundesliga-Club so eine treue Fangemeinde wie etwa der BVB, der bei den Heimspielen eine volle Hütte von 80.000 Anhängern hat. Und überhaupt kommt eine Bundesliga-Saison auf gerade mal 34 Spieltage. Darüber kann man auf der Klassik-Seite wirklich leise schmunzeln. Denn wie die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) gerade auf ihrer Jahrespressekonferenz über ihren Generalsekretär Gerald Mertens mitteilen ließ, ist die Zahl der klassischen Konzertveranstaltungen 2015/2016 auf einen Rekord von 13.801 gestiegen. Was einen Anstieg von zehn Prozent im Vergleich zur letzten Umfrage macht. Doch was auch hier erst einmal beeindruckt, muss ebenfalls relativiert werden. Wie nämlich kann es sein, dass mehr Konzerte hinten rauskommen, wenn die Anzahl der öffentlich finanzierten Konzert-, Theater-, Kammer- und Rundfunkorchester seit der ersten Erfassung 1992 von 168 auf 130 verringert wurde? Die Antwort dafür hat Mertens mit einer eigentlich weiteren freudigen Botschaft gleich mitgeliefert. „Mit rund 5.100 musikpädagogischen Veranstaltungen haben die Orchester ihr Engagement um mehr als 20 Prozent gesteigert. Damit tun sie enorm viel für das junge Publikum von heute“, so Mertens. Aha. Die stolze Gesamtzahl an Konzertveranstaltungen scheint sich nicht zuletzt all der „Education“-Konzerte für Kleinkinder oder Schulen zu verdanken.
Trotzdem liegt Mertens nicht ganz falsch, wenn er eine „Trendwende im Klassikbereich“ diagnostiziert. Denn wenn es sich bei den jetzt vorgestellten Zahlen nicht um Fake- oder gar Fake-Fake-News handelt, scheinen alle Kulturpessimisten mit ihrem Lamento über den Niedergang der Klassikszene unrecht gehabt zu haben. So soll der Anteil der 20- bis 29-jährigen Konzert-Besucher tatsächlich aktuell höher sein die Gruppe von 50 bis 59 Jahren. Mit verantwortlich für den Klassik-Boom sind natürlich auch die neuen Konzerthäuser, die von Bochum bis Berlin gerade entstanden sind. In Dresden steht zudem der Kulturpalast vor der Wiedereröffnung. Und was sich in Hamburg derzeit abspielt, ist der schlichte Wahnsinn: im Rekordtempo sind die Elbphilharmonie-Konzerte über Wochen und Monate ausverkauft.
Auf die faule Haut zu legen und sich nur im Erfolg zu sonnen, wäre aber genau das Falsche. Denn allein in der Schule ist das Fach „Musik“ eine Katastrophe: 80 Prozent des Schulunterrichts findet fachfremd statt oder fällt ganz aus. Dass es aber um den Nachwuchs dennoch nicht schlecht, sondern im Gegenteil blendend bestellt ist, bewiesen gerade junge Musiker beim Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds. Mit ihrem Talent konnten sich die Top-Streicher von morgen um ein Meisterinstrument als Leihgabe bewerben. Und nicht zuletzt den Namen vom 13-jährigen Jakow Pavlenko aus Oldenburg muss man sich wohl merken. Immerhin riss er Publikum und die hochkarätig besetzte Jury aus den Stühlen und darf ab sofort eine Violine von Stefano Scarampella (Mantua) spielen.

Guido Fischer



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