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Anne Sofie von Otter (c) Ewa-Marie Rundquist

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Alte Musik-Fex René Jacobs (70), seit bald einem Vierteljahrhundert eine feste Bank der Berliner Staatsoper (immer im Januar, wenn Barenboim auf Tournee ist), will bei Opern kürzer treten. „Ich stelle fest, dass fünf neue Produktionen innerhalb eines Jahres zu viel für mich sind“, sagte er dem Berliner „tip“. Außerdem wolle er mehr Zeit für geistliche Musik. „Zu viel Oper ist Sünde!“, so Jacobs. „Da braucht man ab und zu ein schönes Oratorium, damit Gott die Sünde wieder vergibt.“
Bassbariton Ildebrando d’Arcangelo (47), antwortet auf die Frage, was es bedeute, eine erotische Stimme zu haben: „Es bedeutet, dass man es jedes Mal … anders macht. Wie beim Sex.“ – Bei seinem ersten Gesangswettbewerb habe Sesto Bruscantini, ein großer Bariton früherer Jahrzehnte, zu ihm gesagt: „Du hast gewonnen, weil du es jedes Mal anders gesungen hast.“ Genau das sei seitdem auch seine „Vorstellung von Erotik“.
Die schwedische Mezzo-Sopranistin Anne- Sofie von Otter hatte kein Problem damit, sich vor Jahren in Martin Kušejs Inszenierung von Strawinskis „The Rake’s Progress“ einen Plastik-Penis umzuschnallen. „Es hat mir eingeleuchtet“, sagte die Sängerin in Schweden. Ausziehen würde sie sich auf der Bühne nicht. Aber für Ideen wie jene vom Türken- Baba als drag artist sei sie durchaus zugänglich. „Und es war schließlich nicht mein eigener Penis!“
Der russische Opernregisseur Kirill Serebrennikov („American Lulu“) hat eingeräumt, es sei naiv gewesen, für einen Film über Tschaikowski in Russland die Homosexualität des Komponisten im Vorfeld zu thematisieren. „Ich war dumm genug“, so Serebrennikov, „die Sache offen mit dem russischen Kulturminister zu diskutieren“. Kurz danach war das Projekt gestorben (vorerst). Bei Vorstellungen in dem von ihm geleiteten Gogol Center in Moskau würden inzwischen „Wachleute“ gebraucht, „um Gewalt während jener Aufführungen zu verhindern, bei denen ich Regisseur bin. Das ist der Preis dafür“, so Serebrennikov, „dass wir hoffentlich ein Zentrum der Meinungsfreiheit in unserem Land sind.“
Wagner-Tenor Peter Seiffert (63) singt in Klosterneuburg, wo er lebt, „in kleinerem Rahmen“ auch Chansons. „Das macht viel Arbeit“, so Seiffert. Und ergänzt: „Ich hätte auch gern Schlager gesungen!“ Er habe noch Mischa Spoliansky persönlich kennengelernt und den Operettenkomponisten Nico Dostal. Dessen Frau, die Operetten-Diva Lillie Claus, war sogar Trauzeugin, als er und seine erste Ehefrau Lucia Popp († 1993) heirateten. Warum hat er es nicht gemacht? „Ich habe mich nicht getraut“, so Seiffert. Macht nichts, er sei ohnehin „ein Typ, der gern Züge abfahren“ lässt. „Ich mache gerne Blödsinn, fahre gern Fahrrad und lege keinen Wert darauf, dass die Welt ausflippt, nur weil ich den Raum betrete.“ Als er 30 wurde, habe er sich gesagt: ‚Mit Mitte Fünfzig höre ich auf.’ Da sei er jetzt schon viele, viele Jahre drüber.
Auf die Frage, warum er nach Jahren eines bürgerlich geordneten Erscheinungsbildes neuerdings die Haare wachsen lässt und geradezu hippiemäßig aussieht, hat Geiger Christian Tetzlaff klare Worte gefunden: „Meine Freundin mag’s lieber so.“ Er habe erst spät eine gewisse Freiheit entwickelt, „die ich früher nicht hatte“, so Tetzlaff. Jetzt gehe es ihm ständig „um das Verbotene, Unerlaubte und Gewagte“. Die Komponisten hätten nur wenig aufschreiben können. „Künstlerische Freiheit setzt da ein, wo man zwischen den Noten liest und dies dann, vielleicht unerwartet, ans Publikum versendet.“ Ihm gehe es auch „nicht um Unterhaltung. Sondern schon fast eher – um das Seelsorgerische“. Dabei sei er selber „völlig ungläubig“.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2017



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