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Philippe Jordan (c) Johannes Ifkovits

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Der Wiener Operette, je länger sie dauerte, gelangen immer verwegenere Reime: „Wie die Frau nur blasen kann“, heißt es in „Bruder Straubinger“ von Edmund Eysler, „die bläst besser als ein Mann./ Wenn sie mehr als blasen kann,/ dann schau’n wir sie an.“ – Wer dieses erstaunliche Werk erleben will, muss sich ins Stadttheater der Wiener Neustadt aufmachen. Dort ist der Vorsitzende der Johann Strauß-Gesellschaft (dessen Vorgänger Eysler bis zu seinem Tod 1949 war) gleich selbst in der Titelrolle der Verwechslungskomödie zu bewundern. Peter Widholz verzieht bei jeder Gemütsbewegung grimassierend sein Gesicht oder springt zur Seite (wie ein Schüler Meyerholds). Uniformierte Mitglieder der Gardemusik Wien musizieren marschgerecht. So bewundert man Rudimente eines Altwiener Stegreif- und Pawlatschen-Theaters, die wir für mausetot gehalten hätten. Erstaunlich. Erschütternd. Köstlich!
Im Café Imperial, der musikalischsten Tortenstube Wiens, denken wir heute nach über: „Wie man Karriere macht ohne sich anzustrengen“. Das Musical mit diesem Titel – von Frank Loesser („Guys and Dolls“), mit Robert Meyer und Julia Koci – läuft an der Wiener Volksoper (ab 25.2.). Es geht um ein uramerikanisches Thema: Erfolg ohne Aufwand. Da fragt sich, welcher große Musiker wohl nach diesem Grundsatz verfahren wäre? Nun, Franz Welser-Möst (16., 18., 19., 21.2.) und Andris Nelsons (18., 19., 21., 23.3., jeweils Musikverein) sind beides Gast-Dirigenten der Wiener Philharmoniker, die in Amerika ohne großen Vorlauf bedeutende Stellen antraten. Aber als Vorbilder europäischen Bienenfleißes! Dass beim Berufsstand des Dirigenten grundsätzlich der Eindruck erweckt wird, diese Menschen wüssten vor Arbeit nicht ein noch aus, macht misstrauisch. „Dirigieren kann jeder, Musikmachen nicht“, befand Arturo Toscanini und gab damit für die Vielzahl von Nullen und Hochstaplern unter den Dirigenten eine erschöpfende Erklärung. Als leuchtendes Gegenbeispiel kann der Chef der Wiener Symphoniker, Philippe Jordan, gelten. Er macht derzeit vor keiner Repertoire-Herausforderung halt, darunter Bachs „Johannes-Passion“ (Konzerthaus, 4.3.) und ein halber Beethoven-Zyklus (Musikverein, 25./26.2., 8.-10.3.). Eine Sängerin wie Anna Netrebko, die im Februar vier Mal die Leonore im „Trovatore“ singt, eine ihrer besten Rollen (5., 9., 12., 15.2.), bekennt sich offen dazu, wenig zu singen und noch weniger zu lernen. Die Partie der Elsa im „Lohengrin“ stellte sie kürzlich mit dem Argument in Frage, sie könne sich keinen deutschen Text merken. Bedenke: Wer strebert (also: büffelt), der lernt auch. Viele Sänger touren mit einer Mini-Mini-Auswahl von Rollen dauerhaft um die Welt. Im Theater an der Wien erlebt im Februar Werner Egks romantische Faulenzer- Oper „Peer Gynt“ eine Wiederauferstehung (ab 17.2., Regie: Peter Konwitschny). Der Held hat beruflichen Erfolg dank Sklavenhandel; nicht gerade die Königsdisziplin bürgerlichen Aufschwungs. Auch „Elisabetta, Regina d’Inghilterra“, Titelheldin einer unbekannten Rossini-Oper (Theater an der Wien, ab 17.3., Leitung: Jean- Christophe Spinosi), wurde bedeutend durch Erstgeburt und Thron- Rangfolge. Sind denn nicht irgendwo echte Fleißbomben im Musikbusiness verborgen? Doch! Im wunderbaren Ehrbar Saal in der Mühlgasse kann man am 28.2. den ehemaligen Cellisten des Alban Berg Quartetts, Valentin Erben, dabei beobachten, wie er im verdienten Ruhestand noch einmal eine Solo-Karriere startet: mit Bachs Cello-Suiten. Wir haben doch noch einen Helden der Arbeit gefunden. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2017



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