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(c) Mats Bäcker

Movimentos Festwochen

Jetzt wird’s ernst

„Freiheit“, das Motto der 15. Movimentos-Festwochen in der Wolfsburger Autostadt, es könnte aktueller und brennender nicht sein.

Nein, man muss nichts beschönigen, VW und auch die Autostadt Wolfsburg haben nicht eben ein leichtes Jahr hinter sich. Um so stärker wirkt deshalb als Zeichen des Vierrad-Themenparks am Mittellandkanal, am kulturellen Engagement festzuhalten, das weit über die nähere Region hinaus strahlt. Und so finden auch dieses Jahr wieder, zum nunmehr 15. Mal, die Movimentos Festwochen der Autostadt vom 21. April bis 21. Mai 2017 statt. Künstler aus aller Welt sind dafür in das alte Kraftwerk sowie in Kulturräume der Städte Wolfsburg und Braunschweig für die insgesamt 50 Veranstaltungen eingeladen.
Nicht mehr dabei ist Maria Schneider, die Kreativdirektorin der Autostadt, die die Institution wie ihr Festival nach außen hin stark geprägt hat, die aber nach so langer Zeit zu neuen Ufern und Herausforderungen aufbrechen wollte. Für sie hat das bewährte Team um den Künstlerischen Direktor Bernd Kauffmann übernommen. Für das Tanzprogramm ist Jürgen Wilke federführend, für die Lesungen Gerd Ahrends, für die Klassikkonzerte Felix Schmidt. Aber nicht nur erwachsene Kultur- und Tanzbegeisterte kommen in den Genuss hochkarätiger Veranstaltungen und vielfältiger Workshop-Angebote. Für Kinder und Jugendliche bietet die Movimentos Akademie zudem eine Tanzklasse und die „Movimentos Akademie tanzwärts“, sowie Workshops, in denen sie in verschiedene künstlerische Berufe hineinschnuppern können. Die Teilnehmer der Tanzklassen erarbeiten jeweils eigene Performances, die sie am Eröffnungswochenende auf die Bühne bringen.
Seit einigen Jahren arbeitet Movimentos mit Motti. Dieses Jahr ist für Bernd Kauffmann das Thema „Freiheit“ in den Mittelpunkt gerückt: „Kaum ein Begriff ist so sehr mit Sehnsucht und Hoffnung, aber auch mit Enttäuschung und Entsetzen verbunden. In der Gegenwart belegen die Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten, aber auch die Entwicklungen in Europa und in anderen Teilen der Welt, wie religiöse und andere Freiheiten mit Füßen getreten werden und wie das gestiegene Bedürfnis nach Sicherheit auch die Freiheit einzuschränken beginnt.“ Kauffmann fährt fort: „Die Freiheit ist ein Ideal, das in diesem Jahr als übergreifendes Thema auf vielfältige Weise im Programm der Movimentos gespiegelt, gebrochen, variiert und befragt wird.“
Und auch Otto F. Wachs, der Geschäftsführer der Autostadt, bekennt sich zur freiwilligen Verpflichtung des Konzerns: „Wir feiern in diesem Jahr mit der 15. Ausgabe ein kleines Jubiläum. Die Festwochen haben sich zu einem kulturellen Anker für die Menschen in der Region entwickelt. Unser diesjähriges Thema ‚Freiheit‘ ist in Wahrheit die Basis unseres Zusammenlebens. Denn Meinungsfreiheit ist die Voraussetzung für unser demokratisches Verständnis und den kulturellen Austausch.“

Defilee internationaler Kompanien

Im Fokus stehen auch dieses Movimentos- Mal wieder die mehrtägigen internationalen Tanzgastspiele, mit denen man sich in Deutschland längst als einer der wichtigsten Präsentatoren für die bedeutendsten Kompanien etabliert hat. Viele Produktionen wurden koproduziert, manche sogar als Uraufführung in Niedersachsen gezeigt.
Den Auftakt 2017 macht vom 20.-23. April der franko-albanische Choreograf Angelin Preljocaj mit der Deutschlandpremiere „La fresque“, nach der chinesischen Sage „Das Wandgemälde“. Die erzählt von der übernatürlichen Kraft der Malerei und der Möglichkeit, durch sie in eine Dimension der Illusion eintreten zu können. Die Choreografie übersetzt das Märchen in unsere Zeit und verwendet es als eine Metapher für den Übergang: Die Malerei, stellvertretend für alle Künste, steht dabei symbolisch für die Beziehungen zwischen der Realität und ihrer Repräsentation in der Kunst, aber auch in zeitgenössischen virtuellen Welten.
Das berühmte Nederlands Dans Theater ist vom 27.-30. April mit gleich vier Arbeiten vertreten. Sie wurden choreografiert von seinem Leiter Paul Lightfoot, seiner Partnerin Sol León, dem angesagten Deutschen Marco Goecke sowie von Sharon Eyal & Gai Behar. Das NDT wurde 1959 in Den Haag gegründet und gehört seither mit mehr als 600 Choreografien zu den Vorreitern des zeitgenössischen Tanzes.
Aus Israel kommt die Vertigo Dance Company, die zum ersten Mal im Wolfsburger Kraftwerk vom 4.-7. Mai gastiert. Sie zeigt „Yama“ von Noa Wertheim, die gemeinsam mit Adi Sha‘al die Truppe 1992 in Jerusalem gegründet hat. Yama – in Ivrit „See“ – verwebt Wertheims Tanzsprache mit Elementen des israelischen Volkstanzes.
Der Spanier „Israel Galván“ führt vom 10.-13. Mai „Fiesta“ auf. Für manche ist er ein Enfant terrible, für andere eine Ikone der Avantgarde: In jedem Fall hat Galván die traditionellen Formen des Flamencos dekonstruiert, um sie durch individuelle Elemente zu erweitern und neu zusammenzufügen.
Zum Movimentos-Höhepunkt 2017 könnte freilich der hier schon oft aufgetretene Sidi Larbi Cherkaoui werden. Der zeigt zum Finale vom 18.-20. Mai mit den Tänzern der GöteborgsOperans Danskompani und seiner eigenen Eastman-Gruppe die aufeinander bezogenen Stücke „Noetic“ und „Icon“, bei denen er mit dem bildenden Künstler Antony Gormley und den Materialien Stahlbänder sowie 3,5 Tonnen Lehm arbeitet.

www.movimentos.de


Und sonst noch?

Movimentos ist natürlich mehr als Tanz. So sind bei Lesungen und Schauspielgastspielen so berühmte Darsteller und Rezitatoren wie Margarita Broich, Maria Schrader, Samuel Finzi und Wolfram Koch, Corinna Harfouch, Peter Simonischeck, Dagmar Manzel, Anna Thalbach, Maren Kroymann, Philipp Hochmair, Claudia Michelsen, Sylvester Groth, Klaus-Maria Brandauer und Manfred Zapatka zu erleben. Neben diversen Jazzformationen treten in den Klassik-Matineen und Soireen das Minetti Quartett, Novus String Quartet, das Vision String Quartet und das Quatuor Voce auf. Nils Mönkemeyer und William Youn sowie das Sharon Kam Trio ergänzen das hochkarätige Angebot.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2017



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