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(c) Sasha Gusov

Boris Giltburg

„Mich reizt vor allem die Dunkelheit!“

Der Pianist hat Schostakowitschs Klavierkonzerte aufgenommen – und um eine eigene Bearbeitung des 8. Streichquartetts ergänzt.

Wer aus erster Hand etwas über die Schlüsselmomente eines reisenden Konzertpianisten wissen will, sollte Boris Giltburgs Essay „The pitfalls and perks of playing a concert hall piano“ lesen, der nicht etwa in einem Fachmagazin, sondern im ehrwürdigen „Guardian“ (Februar 2015) erschienen ist. Der Pianist beschreibt darin äußerst geistreich die alltägliche Begegnung mit dem großen Unbekannten: dem Flügel, der im Konzertsaal auf seinen Spieler wartet. Er schildert das erste, scheue Herantasten des Musikers an das fremde Instrument, während stets ein stolzer Repräsentant des Saals erwartungsvoll daneben steht. Er beschreibt den kurzen oder manchmal auch langen, mühsamen Weg der Annäherung und schließlich den alles entscheidenden Moment, wenn das Instrument sich abends im gefüllten Saal wiederum ganz anders anfühlt. Es ist ein literarischer Text, Giltburg schreibt lebendig, mit sprühendem Esprit und poetischen Untertönen. Ist der israelische Pianist mit russischen Wurzeln eine Doppelbegabung wie Robert Schumann, oder sogar ein heimlicher Schriftsteller?
„Nein, dazu fehlt mir das Talent“, behauptet Giltburg im Interview, das er unbedingt auf Deutsch führen will. Deutsch hat er angeblich gelernt, um Schubert-Lieder besser zu verstehen. „Stimmt, aber nicht nur Schubert-Lieder, ich habe zwar die drei Schubert-Zyklen gespielt, aber auch Brahms, Schumann, Mahler und Wolf. Lieder sind überhaupt meine Lieblings-Kammermusik, und ich liebe die deutsche Sprache.“
Giltburg spricht nicht weniger als sechs Sprachen, er schreibt öfters für Magazine, fütdatert einen eigenen Blog und wenn er nicht Pianist wäre, könnte er sich vorstellen, hauptberuflich Literatur zu übersetzen – was er nebenher auch noch gelegentlich betreibt. Obwohl er seit seiner frühen Kindheit in Israel lebt, ist seine Muttersprache und damit die Sprache, in der er denkt, Russisch. „Zuhause haben wir immer Russisch gesprochen. Ich bin sehr dafür dankbar, denn Russisch ist eine reiche und schöne Sprache. Aber auch eine schwierige Sprache – so wie Deutsch. Ich bin froh, dass ich Deutsch kann. Kafka oder Rilke auf Deutsch lesen zu können, ist einfach großartig!“

Intellektuelle Pranke

Giltburg wurde in eine Musikerfamilie hinein geboren, aber seinen Wunsch, Klavier spielen zu lernen, musste er sich erst ertrotzen: „Meine Mutter wollte nicht, mit der Begründung, dass wir schon zu viele Pianisten in der Familie hätten. Aber ich war so stur, dass sie nachgegeben hat. Da war ich fünf Jahre alt. Für mich schien es nur natürlich zu sein, denn wenn da schon ein Klavier steht, dann will ich es spielen lernen.“
Den Versuch, Geige zu lernen, brach Giltburg nach drei Monaten ab, aber „in das Klavier war ich immer verliebt!“ Kindliche Prägungen waren eine Aufnahme von Mozarts ADur- Konzert mit Rubinstein, Platten von Glenn Gould und Bach’sche Vokalmusik. „Vor allem die Kantaten und Motetten, und dann habe ich immer mitgesungen, Motetten-Karaoke war das …“
Seit das Multi-Talent Giltburg 2013 den Königin- Elisabeth-Preis in Brüssel gewann, tourt der Pianist weltweit und kassiert durchweg glänzende Kritiken. Aber immer noch gilt er als Geheimtipp. Das könnte sich nun schnell ändern, denn seine neue Schostakowitsch-Einspielung mit Vasily Petrenko und dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra ist absolut bezwingend gelungen. Denn Giltburg glückt so etwas wie die Quadratur des Kreises: Er nutzt seine intellektuelle Pranke zur messerscharfen Analyse und präpariert gnadenlos Hohn, Spott, Sarkasmus und Schostakowitschs bewusst platzierte Banalitäten heraus. Schärfer kann man das nicht machen. Zugleich stürzt er sich entschieden in die düsteren emotionalen Abgründe, lotet furchtlos Tiefen und Untiefen aus, scheut sich nicht vor heroischen Aufschwüngen und Brutalitäten und reißt mit durch Brillanz und Furor.
Welche der vielen Seiten Schostakowitschs fasziniert ihn dabei am meisten? „Mich reizt vor allem die Dunkelheit, die man in seiner Musik findet. Besonders in seinen späteren Werken. Diese rohe Kraft! Das ist Musik, die einen zittern lässt. Schostakowitschs Dunkelheit ist fast monochromatisch – die ganz späten Werke klingen halb tot, wie erstarrt, als ob man sieht, was nach dem Tod auf der anderen Seite liegt.“

Tagebuch der Endzeit

Ergänzt hat Giltburg die Einspielung der beiden fulminanten Klavierkonzerte mit eigenen Bearbeitungen des Walzers aus dem zweiten Streichquartett und dem gesamten 8. Streichquartett für Klavier. „Schostakowitsch war selbst ein sehr guter Pianist, aber ich finde, die Tiefe und emotionale Kraft der Sinfonien und der Streichquartette erreicht er in seinen Klavierkonzerten nicht. Deshalb wollte ich mich auch den Streichquartetten widmen, denn darin gibt es Stellen, die fast perkussiv geschrieben sind – die funktionieren sehr gut auf dem Klavier. Die Schwierigkeit sind die langen Linien der langsamen Sätze. Ich wollte für mich selbst und hoffentlich auch für andere einen Zugang finden zu diesen Streichquartetten. Sie sind ja so etwas wie das Tagebuch Schostakowitschs, etwas sehr Privates, Persönliches. Und es gibt keine überflüssige Note!“
Giltburgs Streichquartett-Bearbeitungen klingen bohrend intensiv, Schostakowitschs Partitur wurde hier gleichsam zum Skelett heruntergehungert, aber das Konzentrat stößt in ungeahnte Dunkelkammern vor. Die endzeitliche Stimmung erinnert stellenweise an Galina Ustwolskajas monolithisches Klavierwerk. Beeindruckend.
Man glaubt zu ahnen, dass Giltburg sich durch Bibliotheken wühlt, bevor er sich ein neues Werk erarbeitet. Wie geht er vor? „Ganz intuitiv. Die erste Sache ist immer, zum Klavier zu gehen. Zuerst Aufnahmen von Kollegen zu hören, kann gefährlich sein. Denn wenn man einen sehr guten Musiker hört, der überzeugend spielt, verrät man seine eigenen Ideen. Aber wenn man schon etwas Eigenes hat, kann es eine große Inspiration sein, einen Kollegen zu hören. Das ist dann wie ein Meinungsaustausch. Und was die Sekundärliteratur angeht: Das hängt ganz vom Komponisten ab. Für Schostakowitsch fand ich seine Briefe und Tagebücher sehr interessant. Aber ich glaube, am Ende liegt der Schwerpunkt doch nur in der Musik selbst. Ich verstehe eine Partitur als Blueprint – was der Komponist wirklich im Kopf hatte, wissen wir nicht. Hermann Hesse hat einmal sehr schön Partituren als ‚erstarrte Tonträume‘ beschrieben. Sie müssen wieder zum Leben erweckt werden. Das ist ein großer Teil der Arbeit – manchmal braucht man Jahre, um etwas zu verstehen und schaffen zu können, das echt und tief klingt.“

Neu erschienen:

Dmitri Schostakowitsch

Klavierkonzerte Nr. 1 & 2, Streichquartett Nr. 8 arr.

Boris Giltburg, Rhys Owens, Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko

Naxos


Von Moskau in die Elbphilharmonie

Boris Giltburg wurde 1984 in Moskau geboren. Anfang der 1990er Jahre wanderte seine Familie nach Israel aus, mit fünf Jahren erhielt Giltburg den ersten Klavierunterricht bei seiner Mutter und studierte in Tel Aviv bei Arie Vardi. 2013 gewann er den 1. Preis des Königin Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel und wurde zudem mit dem Preis des Flämischen Rundfunks ausgezeichnet. Es folgten internationale Engagements mit bedeutenden Orchestern, aber auch mit Soloprogrammen. Vom 6. bis 8. April ist er drei Mal im Musikforum Bochum mit Beethovens 2. Klavierkonzert zu hören, am 15. Mai tritt er mit einem Soloprogramm in der Elbphilharmonie auf und am 6. Juni in Dresden mit Kammermusik.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 1 / 2017



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