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(c) Thomas Aurin

Genial fauler Zauber: Charles Gounods „Faust“

Stuttgart, Staatstheater

In Deutschland hielt man früher Charles Gounods mit Weihrauch durchwehte und Himbeersirup übergossene Grand-Soap-Opéra für so peinlich, dass man sie hinter dem unverfänglichen Titel „Margarethe“ versteckte. Frank Castorf aber verpflanzt diesen „Faust“ für die Stuttgarter Oper auf den Pariser Boulevard, im Team mit Aleksandar Denic (detailfummeliger Drehbühnenirrgarten) und Adriana Braga Peretzki (tolle Trashkostüme).
Im hellleuchtenden Bistro nimmt die in einem Pigalle-Revuetheater als Bauchtänzerin engagierte Margarethe Platz. Und am Ende sitzt die Blondine wieder da. Sie hat ihr Kind getötet, den Geliebten an den Teufel verloren und genug von all dem Erlösungsmelodiemist, der um sie herum flötet. Entschlossen kippt sie sich ein Gläschen Barbiturat-Tablettchen ins Blubberwasser. Ein wenig sarkastische Botschaften hat Castorf doch, Algerienkrieg und so, Kolonialismus, böser Rassismus. Während der einen Voodoo- Laden betreibende Mephisto (konzentriert bassröhrend: Adam Palka) sich nach blonden Frauen verzehrt.
Die Leinwand für die Livevideo-Einblendungen lässt sich an einem Laternenpfahl mitschwenken. Darunter liegt die Metrostation Stalingrad. Gretchen (naiv wie raffiniert mit kompaktem Sopran singend: Mandy Fredrich) wohnt in der Bohème-Mansarde. Ihre farbige lesbische Verehrerin Siebel (mezzoschmeichelnd: Josy Santos), die Rimbaud- und Verlaine-Fragmente rezitiert, schläft darunter in einer Metzgerei. Zum als dramatische Melo-Action inszenierten Sterben des starrkonservativen Bruders Valentin (grob wie genüsslich: Gezim Myshketa) geht es in eine Telefonzelle. Über allem thront ein Turm von Notre-Dame, vor dem es der differenzierende, rhythmisch pikante Marc Soustrot besonders wohlig wabern lässt. Atalla Ayan mit seinem honigleuchtenden Timbre setzt diesem „Faust“ in der Titelrolle die Vokalkrone auf. Castorf genießt sichtlich den faulen Zauber der sämig-süffigen, meisterlich modellierten Partitur. Er lässt es relaxed laufen, hebt den linkspädagogischen Zeigefinger und freut sich über die manipulative Kraft dieses eben doch unsterblichen Werkes.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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