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(c) Vincent Pontet

Palazzetto Bru Zane

Schatzgräber der Romantik

Und wieder hat die rührige Stiftung aus den Archiven ein vergnügliches Erfolgswerk von gestern gehoben: Hérolds „Le pré aux clercs“.

Es ist mal wieder Zeit für einen Raritätentrip nach Frankreich. Erstaunlich, wie vielfältig dort inzwischen die Trüffelsuche in den diversen Operngenres geworden ist. Natürlich gibt das Barock – dank der vielen sehr guten Spezialensembles – nach wie vor den Ton an, doch auch das 19. Jahrhundert, sogar die Operette und ihre Vorformen werden wieder stärker beackert. Nicht zuletzt, weil die mit vergleichsweise wenig Geld operierende, aber dieses gezielt verteilende Stiftung Palazetto Bru Zane ihr segensreiches Wirken sehr fokussiert und mit meist sehr beachtlichen Ergebnissen entfaltet. Vor allem mit der Opéra comique in Paris arbeitet man mustergültig und effektiv zusammen. Zur Eröffnung des renovierten Hauses im Februar 2017 gibt es dort etwa „Fantasio“ von Jacques Offenbach, an dessen britischer Einspielung für das Opera-Rara-Label die Bru Zane Stiftung ebenfalls beteiligt war.
Jüngste Aufnahme-Frucht bei der Hausmarke, den immer herrlich haptisch in Buchform herausgegebenen Bänden bei „Ediciones Singulares“, ist nun „Le pré aux clercs“, eine 1832 uraufgeführte Opéra comique von Ferdinand Hérold. Die kam Anfang 2015 zum 300. Geburtstag der Institution Opéra comique dort neu heraus. Und wurde später dann eingespielt. Ende Oktober desselben Jahres zog die Produktion dann ebenso erfolgreich weiter zum irischen Wexford Opera Festival, wo man gern Raritäten pflegt.

Rhythmisch pikante Verliebtheit

Louis Joseph Ferdinand Hérold (1791 – 1833) kennt man eigentlich nur noch als Komponist der einst überaus kurkonzert-populären Ouvertüre zu „Zampa“ (die man auch schon an der Comique wiederbelebt hat) sowie als Bearbeiter der Ballettmusik für Frederick Ashtons raffinierten Rustikal-Klassiker „La fille mal gardée“. Doch „Le pré aux clercs“, dieses einstmals hier ungeheuer populäre Werk (1600 Aufführungen bis 1949!), das seinen Titel von einem im Mittelalter bekannten sozialen Treffpunkt am Seine-Ufer ableitet, der Schreiberwiese bei einem längst verschwundenen Kloster, offenbart nicht nur melodiöse Arien und spritzig-pikante Ensembles in bester gallischer Tradition. Es bedient sich zudem (unter Verwendung eines Romans von Prosper Merimée) des blutigen Mythos der Bartholomäusnacht, so wie vier Jahre später und ungleich folgenreicher auch Giacomo Meyerbeer in „Les Huguenots“.
Hérolds rhythmisch pikante, gern mit Crescendi arbeitende Musik erinnert an Rossini oder Weber, und sie zeigt die Ursprünglichkeit der französischen Romantik. Dass es hier nicht nur bei einer philologisch korrekten Klangausgrabung bleibt, dafür sorgt, stilistisch ungewohnt, der sonst als Barockguru geliebte Paul McCreesh am Pult des Gulbenkian Orchestra aus Lissabon. Das moussiert und bitzelt gar köstlich, modelliert aber auch gekonnt den bedrohlichen Hintergrund dieser leichtgewichtigen Verkleidungs- und Verliebtheitskomödie heraus. Eine wichtige Rolle nimmt dabei auch der bestens aufgelegte Chor accentus mit seinen jugendlich-vollen Stimmen ein. Und mit dem souverän höhensicheren Michael Spyres (Mergy) sowie der charmanten Sopranistin Marie-Eve Munger (Isabelle de Montal) gelingt am Ende dem tödlich gefährdeten Protestantenpaar die rettende Flucht. Zehn Jahre nach dem notorischen Religionsmassaker sind die Dinge eben doch etwas leichter, auch wenn man dauernd irgendwelchen blöden Duell-Regeln entgehen muss.
Dabei hilft den Liebenden auch Königin Margarete von Valois (mit royaler Stimmfülle: Marie Lenormand), die, unterstützt von dem temperamentvollen Buffo-Duo Nicette (Jael Azzaretti) und Girot (Christian Helmer), dafür sorgt, dass die diesmal nicht allzu düster gezeichneten Intriganten Emiliano Gonzalez Toro und Éric Huchet im rechten Moment abgelenkt werden.
Wieder wurden hier mit kluger Hand junge, vielversprechende Stimmen gecastet. Vokal herausragend ist aber wirklich Spyres. Erstaunlich, zu was für einer Vollhöhe er mit seinem dunkeltimbrierten Tenor fähig ist, wie stilistisch makellos der Amerikaner dieses bis vor kurzem in seiner speziellen Mischung aus Flexibilität und Dramatik kaum besetzbare, spezifisch französisch romantische Rollenfach auszufüllen weiß.

www.bru-zane.com

Neu erschienen:

Louis-Ferdinand Hérold

Le pré aux clercs

Marie-Eve Munger; Marie Lenormand, Jeanne Crousaud, Michael Spyres, Eric Huchet, Christian Helmer, Coro Gulbenkian, Orquestra Gulbenkian, Paul McCreesh

Editiones Singulares/Note 1


Grand Opéra en suite

Die Opern-Planungen des Palazzetto Bru Zane laufen auch für 2017 auf Hochtouren. Im Körbchen liegt zum Beispiel die Fortführung der Tourneeproduktion „Les chevaliers de la table ronde“ von Hervé. Ab April gibt es eine Kammerfassung von „Phèdre“ von Jean-Baptiste Lemoyne. Im Mai kommt an der Oper Leipzig von Charles Gounod „Cinq-Mars“ szenisch heraus, Anthony Pilavachi inszeniert. Im Juni zeigt in Paris die Grand Opéra „La reine de chypre“ von Jacques Froméntal Halévy unter Hervé Niquet. Und an der Opéra comique kommt schließlich szenisch „Le timbre d’argent“ von Camille Saint-Saëns mit dem Period-Orchester „Le Siècles“ unter François-Xavier Roth heraus.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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