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(c) Burkhard Scheibe

Daniel Barenboim

Frisch verliebt

Derzeit dirigiert, begleitet und spielt Barenboim, als befände er sich in einem zweiten Frühling. Und das mehrheitlich mit Erfolg.

Dem Ehrgeizigen gehört die Welt. Daniel Barenboim, einer der großen Pianisten der Nachkriegszeit und seit fast 25 Jahren Chefdirigent der Berliner Staatsoper, hat sich nie auf sein Talent allein verlassen. Schon als seine Klavierkarriere noch im Zenit stand – nachzuhören auf Barenboims epochemachenden Mozart- und Beethoven-Klavieraufnahmen (Warner) –, dirigierte er nebenbei bereits Aufnahmen seines Idols Artur Rubinstein (der mit seinen Eltern befreundet war).
Ähnlich heute. Gerade denkt man, dass Barenboim das Klavier hinter sich gelassen hat, weil ihn die Lust am Üben weitgehend verließ, da überrascht er mit einer vorzüglichen Box mit Schubert-Sonaten. Als Orchester-, Festival- und Hochschul-Gründer, als Internet-Promoter und Dirigenten-Förderer sowie – nicht zuletzt – als gern streitbarer homo politicus ist er unschlagbar: genau das, was man im Deutschen einen „Hans Dampf in allen Gassen“ nennt. Naja, sein Spitzname „Daniel Düsentrieb“ kommt schließlich auch nicht von ungefähr.
Auch kein Kollege ist vor ihm sicher. Er hat Cecilia Bartoli und Anna Netrebko gefördert und Martha Argerich im großen Stil nach Berlin zurückgebracht. Mit Jacqueline du Pré war er verheiratet. Mit Elena Bashkirova hat er zwei Söhne (beide in der Musik tätig). Nur mit Lisa Batiashvili verbindet ihn eigentlich, so würde man denken, wenig. – Denkste! Regelmäßig gastierte die georgische Geigerin beim Staatsopern- Open Air auf dem Bebelplatz.

Bei Tragik lieber kälter

Auf der gegenwärtigen Höhe ihres Könnens erfüllt Batiashvili die Violinkonzerte von Sibelius und Tschaikowski mit staunenswerter Beseeltheit und Besonnenheit. Sie versucht keineswegs, die kalten Flächen bei Sibelius einzufetten, um waghalsig darauf auszuglitschen. Sondern wird lieber existenziell. Auch Barenboim reagiert auf die eigene Feststellung, dass gute Tschaikowski-Interpretationen heute selten geworden sind, mit konsequent großer Geste. Genauso, wie es die Russen tun, wird er bei tragischen Stellen nicht klanglich wärmer, sondern kälter. Hohe Schule!
Auch am Verhandlungsgeschick kann man einen Barenboim erkennen. Die „Deutsche Grammophon“ hat ihm doch glatt einen weiteren, integralen Bruckner-Zyklus abgekauft. Es ist Barenboims dritter (nach zweien mit dem Chicago Symphony Orchestra und den Berliner Philharmonikern). Einzelnes daraus hatte er sogar schon auf DVD und beim hauseigenen Label der Staatskapelle vorveröffentlicht. In einer Zeit, in der man für wichtige Bruckner-Zyklen zwischen 20 und 100 € zahlt, wählte die Firma für diese Neuaufnahme eine mittlere Preislage (um die 40 €) – genauso teuer wie der vom gleichen Haus verfügbare Karajan-Zyklus.
Der Vorzug der Neuaufnahme besteht in der hörbar jahrzehntelangen Arbeit mit den Partituren. Kontinuierlicher hat Barenboim dies mit keinem früheren Orchester realisiert. Typischerweise kommt es ihm nicht so sehr auf klangliche, sondern auf gedankliche Feinarbeit an. Das Paradox dieses Dirigenten besteht ja darin, dass er der intellektuellste, aber zugleich zupackendste Musiker von allen ist. Erst klärt er einen auf, dann packt er einen an der Gurgel. Oder umgekehrt? Als Summe der Arbeit eines Vierteljahrhunderts in Berlin jedenfalls kommt dem Zyklus durchaus dokumentarischer Wert zu.
Ob das auch für die dritte Neuveröffentlichung gilt, mit der Barenboim derzeit punktet, darf hingegen bezweifelt werden. Mit dem Titel „On My New Piano“ spielt Barenboim auf sein neues, von dem belgischen Klavierbauer Chris Maene speziell für ihn gebautes Instrument an. Der Nachbau wurde inspiriert durch einen Flügel aus dem Besitz von Franz Liszt, der in Siena aufbewahrt wird und dessen Klangtransparenz Barenboim frappierte. Der Klang ist trockener, etwas klirrender auch, etwa so wie man dies von historischen Instrumenten des 19. Jahrhunderts kennt. Technisch gesehen besteht der Unterschied darin, dass die Bass-Saiten des Flügels nicht diagonal über den Rahmen verspannt sind, sondern parallel dazu (wie der Rest der Register). „Ich habe mich verliebt“, so Barenboim lakonisch über sein neues Instrument, auf dem er fortan hauptsächlich konzertieren will.
Leider scheint die monogame Klavierbeziehung, die sich hier andeutet, den Solisten nicht sonderlich inspiriert zu haben. Zwar handelt es sich bei allen Werken – Scarlattis sattsam bekannte Sonaten K 9, 159 und 380, Beethovens „Variationen über ein eigenes Thema“ WoO 80, Chopins 1. Ballade, Liszts „Funérailles“, Mephisto-Walzer und eine „Parsifal“-Bearbeitung – um Werke, die Barenboim noch nie eingespielt hatte. Doch die Wiedergabe bleibt leicht unbeteiligt und neutral. Der Mehrwert des neuen Klaviers erschließt sich dem Laien kaum. Ist die geplante Treue am Ende doch nicht das beste Movens einer geglückten Klassik-Wiedergabe? Erst in der Fülle der verschiedenen, sich verschwendenden Aktivitäten Barenboims lässt sich der Rang dieses Musikers erkennen. Da freilich umso klarer.

Neu erschienen:

On My New Piano (Scarlatti, Beethoven, Chopin, Liszt)

Daniel Barenboim

DG/Universal

Neu erschienen:

Peter Iljitsch Tschaikowski, Jean Sibelius

Violinkonzerte

Daniel Barenboim, Lisa Batiashvili, Staatskapelle Berlin

DG/Universal

Erscheint Anfang Januar:

Anton Bruckner

Sinfonien Nr. 1 - 9 (9 CDs)

Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin

DG/Universal


Steile Karriere

Daniel Barenboim, geboren am 15. November 1942 als Sohn zweier Klavierlehrer, wuchs, wie er erzählte, in dem Gefühl auf, die ganze Welt bestehe aus Klavierschülern. Immer wenn es an der Tür klingelte, war einer draußen. 1952, zwei Jahre nach seinem Debüt in Buenos Aires, emigrierte die Familie nach Tel Aviv. 1954 wurde er als Wunderkind seinem Vorbild Wilhelm Furtwängler vorgestellt. Auf eine steile Pianistenkarriere folgte 1975 die erste Chefdirigentenstelle – als Nachfolger von Georg Solti beim Orchestre de Paris. Schon 1967 heiratete er die britische Jahrhundert-Cellistin Jacqueline du Pré. Mit seiner zweiten Ehefrau, der Pianistin Elena Bashkirova (früher verheiratet mit Gidon Kremer), lebt Barenboim in Berlin.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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