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(c) Robin de Puy

Lavinia Meijer

Die Glass-Harfe

Seit den 1960er Jahren prägt er die Neue Musik mit seiner ganz eigenen Ästhetik. Zum 80. Geburtstag widmet die Harfenistin Philip Glass ein Doppelalbum.

Als kürzlich Bob Dylan der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, war die Überraschung groß. Etliche empörten sich aber auch, dass ein Musiker, noch dazu ausgerechnet einer aus der Pop-Sparte diesen höchsten Literaturpreis für seine lakonischen Songtexte kassiert. Dann kam die Meldung, dass Philip Glass den 2016 Tribune Literary Award in Chicago erhält. Noch ein ehrwürdiger, hoch angesehener Literaturpreis für einen Musiker. Einen Komponisten, der zwar eher der E-Sparte der Musikindustrie zuzurechnen ist. Der aber mit seiner Nähe zur Gebrauchsmusik, zum Film und mit seiner Ausprägung des Minimalismus oft als kommerziell oder esoterisch, mitunter auch als bloß banal gescholten wurde.
Wie Bob Dylan (75) ist Glass mit seinen 80 Jahren, die er am 31. Januar vollendet, in einem unanfechtbaren Alter und mit seiner Kunst präsenter denn je. Aber was sollen uns die Literaturpreise für Musiker eigentlich sagen? Preisen sie nur zufällig gleich zwei Mal hintereinander Mehrfachbegabungen? Sind dies nur die Vorreiter einer Strömung, die Genreund Klassifizierungsgrenzen endgültig schleift? Drücken die Preise aus, dass der künstlerische Einfluss dieser Musiker weit über die Musik hinausreicht?
Philip Glass ist ohne Zweifel eine wichtige Figur, die nicht nur die Neue Musik des 20. Jahrhunderts geprägt hat, sondern sie auch in gewisser Weise überboten, bzw. kraftin ihrer lange Zeit aufrecht erhaltenen Hermetik überwunden hat. Was von vielen begrüßt und von anderen verteufelt wurde. Philip Glass gilt als Minimalist, obwohl er sich später von dem Begriff vehement distanziert hat, da dieses Etikett allenfalls für die Anfänge seiner kompositorischen Entwicklung zutreffe. Populär aber wurde er eben als Minimalist, als Schöpfer sogartig repetitiver, atmosphärisch dichter Musik, die mit schillernden Klangfarben lockt und in ihrer mal gedehnten, mal gestauchten Zeitregie den einen nervt, den anderen süchtig macht. Glass’ Klangsprache hat die Entwicklung der Filmmusik ähnlich stark beeinflusst wie Richard Wagner mit seiner Leitmotivik. Glass komponierte auch selbst Filmmusik, 1983 für „Koyaanisqatsi“ und 2002 für den Film „The Hours“ – die Partitur wurde für einen Grammy nominiert.

Das fragile Konzert der Obertöne

Die jüngere Musiker-Generation, die sich um alte Glaubensfragen wenig schert, geht inzwischen an Philip Glass ganz unvoreingenommen heran. Wie etwa die 33-jährige koreanisch-niederländische Harfenistin Lavinia Meijer, die vor fünf Jahren Philip Glass für sich entdeckte. Immer schon hat Meijer sich auf zeitgenössische Musik konzentriert und flirtet auch gerne mit Jazz und Elektronik. Aber der Minimalismus war Neuland für sie, als sie Glass erstmals persönlich traf.
Die Begegnung kam zustande durch gemeinsame Freunde, Glass hörte von Meijers experimentierfreudigen Projekten und wurde neugierig. „Als wir uns trafen, war meine erste Frage: Was willst Du von mir hören? Und er sagte: Schau’ Dir mal die ‚Metamorphosen‘ für Klavier an. Das tat ich und merkte sofort, dass sich für mich eine neue Dimension auftat. Seine Musik fordert eine ganz andere Form von Konzentration wegen ihrer langen Spannungsbögen. Und innerhalb dieser Spannung muss man mit sehr wenig Material arbeiten. Es ist eine sehr fragile Struktur. Die Bedeutung jedes einzelnen Tons wurde mir bewusst und vor allem seine Beziehung zu dem davor und danach! Diese zerbrechlichen Beziehungen der Klänge untereinander unter Kontrolle zu bringen, ist sehr schwer.“
Lavinia Meijer machte sich nach der Begegnung mit Feuereifer daran, Glass’ Partituren für die Harfe zu bearbeiten. Die erste Frucht dieser Auseinandersetzung war 2012 das Album „Metamorphosis/The Hours“. Inzwischen war aus der Bekanntschaft Freundschaft geworden, und Meijer begann mit der Bearbeitung von Glass‘ „Etudes“. Drei Jahre ist das her. Den letzten Anstoß dazu gab ein Live- Erlebnis: „Ich habe ihn in Kalifornien seine Etüden selbst spielen gehört und mich dann endgültig total in diese Stücke verliebt.“
Rechtzeitig zum runden Geburtstag ist nun „The Glass Effekt“ erschienen, das Meijers Bearbeitungen von zehn seiner insgesamt 20 „Etudes“ beinhaltet, die Glass im Zeitraum von 20 Jahren komponierte. Auf der zweiten CD sind neben weiteren Glass-Bearbeitungen aber auch Werke von Zeitgenossen wir Bryce Dessner zu hören, die mehr oder weniger von Glass beeinflusst waren und sind.
Meijers Bearbeitungen der „Etudes“ ziehen sofort in den Bann, denn sie lassen das von allerhand altbackenen Klischees umrankte Instrument Harfe überraschend neu klingen. Meijer bearbeitet die Harfe vor allem bei den schnellen Repetitionen ausgesprochen kraftvoll und perkussiv, zugleich aber ergeben sich klangliche Nebeneffekte, die sowohl das Instrument als auch Glass’ Musik selbst um eine Dimension erweitern. „Seine Musik hat mir für die Harfe eine neue Klangwelt und ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Es liegt ja an der Eigenart des Instruments, dass jede Saite noch weiter schwingt und mit dieser Schwingung den nächsten Ton beeinflusst und außerdem noch Obertöne aktiviert. Das heißt, es entsteht ein sehr komplexer Sound.“
Vor allem bei den schnellen Sätzen der „Etudes“ ahnt man, welch eine technische Herausforderung es sein muss, dieses pochende Pulsieren auf der Harfe zu verwirklichen. „Die Repetitionen sind sehr schnell und energetisch. Die Exaktheit des rhythmischen Pulsierens und der kleinen Verschiebungen sind entscheidend, aber eine Harfe ist eben kein Klavier, ich drücke keine Taste, sondern muss zupfen, die Saiten regelrecht ausquetschen. Es dauerte ein Jahr, bevor ich das beherrschte. Ich brauchte wirklich ganz neue Muskeln dafür! Ich nenne sie nun meine Glass-Muskeln.“
Im April dieses Jahres schließlich flog Meijer nach New York. „Ich spielte ihm in seinem Wohnzimmer meine Bearbeitungen vor. Er war beeindruckt, denn er hatte nicht erwartet, dass es überhaupt möglich sei, diese schwierigen Stücke für Harfe zu transkribieren. Wir haben gemeinsam nur wenig verändert, noch mehr weggelassen, um es transparenter zu machen.“ Lavinia Meijer hat Glass’ Vertrauen und Placet für weitere Bearbeitungen. „Er sagt, dass er meinen Transkriptionen ganz neue Einsichten in seine eigene Musik verdankt. Wir inspirieren uns gegenseitig.“

Neu erschienen:

The Glass Effect (Glass: Etüden, Dessner, Muhly, Arnalds u.a.)

Lavinia Meijer

Sony

Philip Glass

Einstein On The Beach (DVD oder Bluray)

Robert Wilson, Philip Glass Ensemble, Riesman

Opus Arte/Naxos

Erscheint Mitte Dezember:

Philip Glass – The Complete Sony Recordings (24 CDs)

Sony

Erscheint Ende Januar:

„Plays Philip Glass“

Víkingur Ólafsson

DG/Universal


Hoch das Glass

Zum 80. Geburtstag am 31. Januar 2017 kommt in der New Yorker Carnegie Hall Philip Glass’ 11. Sinfonie zur Uraufführung, Dennis Russell Davies steht am Pult des Bruckner Orchesters Linz. In London wird sein Ehrentag im Barbican gefeiert mit einem ganzen Wochenende, darunter dem „BBC Total Immersion Day“ mit dem BBC Symphony Orchestra einem reinen Glass-Programm unter der Leitung von Marin Alsop. Pünktlich ist bei Naxos gerade Bob Wilsons legendäre Inszenierung von „Einstein On The Beach“ auf DVD und Bluray erschienen. Das Werk kommt auch am Opernhaus Dortmund am 23.4. zur Premiere, in der Regie von Kay Voges. Unter den CD-Neuerscheinungen finden sich Lavinia Meijers „The Glass Effect“, das DG-Debütalbum des isländischen Pianisten Víkingur Ólafsson mit einer Hommage, sowie eine große 24-CD-Box: „The Complete Sony Recordings“.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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