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Schnittmuster: Simon Rattle und die Masterfolie (c) Monika Rittershaus/Berliner Philharmoniker

Pasticcio

Ultradigital vs. Ultraanalog

Gerade erst – wir berichteten an dieser Stelle am 29. Oktober darüber – konnte der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) erfreuliche Zahlen vermelden. Die gute alte Schallplatte erfreut sich unaufhörlich steigender Beliebtheit: Im Zeitraum Januar - September 2016 konnte der Absatz um 50 Prozent auf 2,1 Millionen Vinyl-Alben gesteigert werden. Im Zuge der Schallplatten-Renaissance veröffentlichen dementsprechend viele Labels einige prominente Neueinspielungen gleich im Doppelpack – als CD und als Vinyl. Doch den absoluten Analog-Vogel haben jetzt die Berliner Philharmoniker gemeinsam mit ihrem Chefdirigenten Simon Rattle abgeschossen. Auf ihrem hauseigenen Label hat man die vier Brahms-Sinfonien nicht einfach in einer streng limitierten Vinyl-Edition veröffentlicht (eine CD-Edition davon wird es vorerst nicht geben). Der eigentliche Coup dieser 2014 entstandenen Live-Mitschnitte aus der Berliner Philharmonie besteht im „Vinyl-Direktschnitt-Verfahren“. Dieses Verfahren, bei dem der Ton im Moment der Aufführung direkt in eine Masterfolie geschnitten wird, steht für die größtmögliche analoge Aufnahmequalität und bietet somit eine beeindruckend klangliche Authentizität. Simon Rattle: „Im Vinyl-Direktschnitt aufzunehmen war gleichermaßen lohnend wie anstrengend. Eine Erfahrung, von der meine viel älteren Kollegen erzählten, wenn sie 78er Schallplatten einspielten. Die Verwendung nur eines Mikrophonpaares ergab das ehrlichste Klangbild unseres Orchesters, das ich jemals gehört habe. Die ‚Jetzt oder Nie‘-Situation zu wissen, dass die einzige Korrektur, die man machen kann, eine weitere komplette Aufführung bedeuten würde, rief bei allen Beteiligten eine leidenschaftliche Konzentration hervor, die in der Aufnahme greifbar wird. Möglicherweise hatten wir alle nach dieser Erfahrung ein paar neue graue Haare – aber das war es absolut wert!“
Dieser Aufwand spiegelt sich natürlich auch im Preis dieses 6-LP-Sets von 499,00 Euro wider. Mit einem winzigen Bruchteil davon kommt man dagegen erfahrungsgemäß aus, wenn man sich bei einem der unzähligen Musikportale einloggt, um sich Alben als MP3 herunterzuladen. Aber auch dieses Format spielt jetzt unter namhaftesten Klassik-Interpreten scheinbar nicht mehr die erste Geige. Bestes Beispiel dafür ist der kroatische Meisterpianist Ivo Pogorelich. Gerade hat er sich nach einer langen Pause von immerhin 18 Jahren wieder mit einer neuen Einspielung zurückgemeldet. Das reine Beethoven-Recital wird aber ausschließlich über die digitale Klassikplattform Idagio zu haben sein. Mit diesem eingeschlagenen Weg will sich Pogorelich vor allem an die jüngere Hörer-Generation wenden: „Dass junge Menschen den ganzen Tag auf Smartphones starren und mit Headsets sprechen, ist einerseits alarmierend. Andererseits entwickeln sie in der virtuellen Welt hervorragende Instinkte und folgen ihrer Intuition. Sie bilden so ein unvoreingenommenes, kompetentes Publikum und eine große Chance für die klassische Musik.“ Auch wenn Pogo damit Recht haben mag – irgendwann wird auch diese Generation garantiert mal die Ohren aus der rein digitalen Blase stecken - und überraschend feststellen, wie toll eigentlich das analoge Leben ist – sogar stilecht mit Schallplatte.

Guido Fischer



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