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Ganz schön Komische Oper: Antonello Manacorda wird nicht GMD (c) Nikolaj Lund/Sony Classical

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Berliner Köpfe

Ein verschmähter Dirigent, ein Dirigent vor dem Absprung und ein im stolzen Alter von 102 Jahren verstorbener Ex-Opernintendant – im Berliner Klassikbetrieb geht es allein in diesen Tagen mal wieder Schlag auf Schlag zu. Aber der Reihe nach. Auch auf den CD-Seiten des RONDO-Magazins wird regelmäßig in höchsten Tönen vom besonderen Beziehungsstatus zwischen der Kammerakademie Potsdam und ihrem Chef Antonello Manacorda berichtet. Und wer die Berliner Kulturseiten zuletzt aufmerksam verfolgt hat, der konnte einige Jubelhymnen über den Maestro auch als Operndirigenten lesen. So hat er gerade an der Komischen Oper erfolgreich die Premiere von Rossinis „Barbier“ geleitet. Gerade dieser Abend hätte daher das Orchester vom Opernhaus doch eigentlich umstimmen müssen. Doch Überraschung: obwohl man an der Komische Oper dringend einen neuen GMD sucht, hat man sich aus unerfindlichen Gründen gegen Manacorda entschieden – durchaus eine herbe Niederlage für Intendant Barrie Kosky, der den Italiener immerhin vorschlug. Wer nicht will, der hat eben schon. Immerhin hat sich für Manacorda eine andere Job-Option aufgetan. Denn ganz überraschend verzichtet Iván Fischer, seines Zeichens noch bis 2018 Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters, auf eine Vertragsverlängerung. „Nach Ablauf meines zweiten Vertrages möchte ich meine Dirigiertätigkeit reduzieren, da ich mehr Zeit zum Komponieren benötige“, so Fischer. Manacorda - übernehmen Sie!
Den jüngsten Trubel ums Berliner philharmonische Dirigentenkarussell hat natürlich auch Hans Pischner ebenfalls aufmerksam verfolgt. Nun ist er im Alter von 102 Jahren verstorben. Und wie schon bei den großen Feierlichkeiten, die ihm bereits vor zwei Jahren zum Hundertsten bereitet worden waren, muss man nun an diesen außergewöhnliche Persönlichkeit erinnern, ohne die nicht nur das Berliner Opernleben wohl in ganz anderen Bahnen verlaufen wäre. Denn während seiner Ära als Intendant der Staatsoper Unter den Linden, die immerhin von 1963 bis 1984 andauerte, gab er nicht nur damals jungen Sängern wie Peter Schreier, Theo Adam und Anna Tornowa-Sintow eine erste große Chance. Am Haus sorgten Harry Kupfer und Ruth Berghaus mit ihren Inszenierungen für internationales Aufsehen. Und während Pischner auch die Uraufführung von Opern etwa von Paul Dessau und Friedrich Schenker möglich machte, präsentierte er 1969 die immer noch missliebig beäugte Schostakowitsch-Oper „Die Nase“. Die Zeiten haben sich seitdem geändert. Vom Geist und Erbe Pischners können aber selbst seine prominentesten Nachfolger bis heute noch was lernen.

Guido Fischer



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