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Brachte Partituren unprätentiös zum Leuchten: Sir Neville Marriner (c) ICA Artists

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Musikalischer Hausfreund

Es gibt ganz wenige Musiker, die man durchaus bewundert. Doch noch rarer sind Musiker gesät, zu denen man gar eine Art freundschaftliches Vertrauensverhältnis zu besitzen vermeint. Man hat sie nie persönlich kennengelernt. Dennoch wussten sie mit ihrer Art des Musizierens einem immer dann so etwas wie einen sicheren Hafen zu geben, wenn man von dem ganzem Firlefanz um die einzig wahre Interpretation mal Ruhe haben und sich auf den von keinerlei Eitelkeiten gestörten Genuss von Musik fokussieren wollte. Genau das garantierte Sir Neville Marriner. Obwohl im Alte Musik-Land England geboren, ging er zwar den entgegengesetzten Weg zu den historischen Aufführungspraktikern, wie sie in den 1950er Jahren erstmals groß rauskamen. Wenn Marriner sich aber ans Pult der von ihm gegründeten Orchester stellte – und da natürlich vor allem bei der legendären, seit 1958 bestehenden Academy of St. Martin in the Fields –, da passiert etwas, das Gerhard R. Koch vor zwei Jahren in der FAZ zum 90. Geburtstag auf den Punkt brachte: „Es spricht allein die Musik.“ Marriner konzentrierte sich auf die gesamte sinnliche Bandbreite all der guten alten Meisterwerke, ohne dafür aber das Notenbild zu verbiegen. „Ich kann Unperfektes in Intonation und Artikulation nicht ertragen“, so Marriner einmal (diesen Satz hatte er übrigens im Zusammenhang einer eher kritischen Betrachtung seines ehemaligen Academy-Musikers Christopher Hogwood fallengelassen, der bekanntermaßen das Konkurrenz-Ensemble Academy of Ancient Music gegründet hatte).
Der musikalische Atem, der bei aller Sorgsamkeit das Nonplusultra blieb, wurde so zum Markenzeichen eines Musikers, der dieses auch dann beherzigte, wenn er sich im Aufnahmestudio in einen wahren Workaholic verwandelte. Viele hunderte Schallplatten hat der 1924 im ostenglischen Lincoln geborene Dirigent aufgenommen. Und es dürfte wohl keine Schallplatten- bzw. CD-Sammlung ohne mindestens eine seiner Einspielungen existieren. Zu den Highlights zählen da unbedingt die Mozart-Klavierkonzerte mit Alfred Brendel, sein unwiderstehlicher Einsatz für die British Connection um Elgar sowie auch so manche seiner spärlichen Ausflüge ins Opernhaus, darunter die „Rossini-Ouvertüren“ sowie – wieder Mozart – die Gesamtaufnahme von „Così fan tutte“ mit u.a. Anne Sofie von Otter und Karita Mattila. Doch der jetzt im stolzen Alter von 92 verstorbene Sir war nicht nur Garant für unzählige, auch in tausenden Konzerten gebotene großartige Musikstunden. Marriner gehörte zu den absoluten Topsellern in der Branche. Mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ löste er 1970 mit seiner Academy of St. Martin in the Fields erst den Boom rund um diesen Barockevergreen aus. Der von ihnen eingespielte Soundtrack für Miloš Formans „Amadeus“-Streifen ging über 6 Millionen Mal über die Ladentheke. Und ebenfalls die Aufnahme von Mozarts Klarinettenkonzert für „Jenseits von Afrika“ machte den Namen „Marriner“ bei Nicht-Klassikfans bekannt.
Im Laufe seines langen Künstlerlebens hat der einstige Dirigentenschüler von Pierre Monteux neben seinen zahllosen Gastdirigaten immer wieder weitere Chefposten angenommen. So leitete er das Los Angeles Chamber Orchestras, des Minnesota Orchestra und ab 1986 des Stuttgarter Radiosinfonieorchester. Nun ist dieser Dirigent, der nie ans Aufhören gedacht hat, wenige Tage nach einem Konzert in Padua überraschend verstorben. Er fehlt schon jetzt.

Guido Fischer



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