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Robin Ticciati (c) Marco Borggreve

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Als „einer der prägenden Opernkomponisten seiner Generation“ wird der aus Aachen stammende Anno Schreier (*1979) vom Theater an der Wien angepriesen. Geht’s auch eine Nummer kleiner? Schreiers „Stadt der Blinden“ (nach dem Roman von José Saramago) war 2011 in Zürich ein Anerkennungserfolg. Danach hieß es: zurück ins Glied der deutschen Opernprovinz. Für „Hamlet“ hat man immerhin Christof Loy als Uraufführungs-Regisseur gewonnen, sein Lebenspartner Thomas Jonigk („Du sollst mir Enkel schenken“) hat die Familiengeschichte neu recherchiert. Die superbe Besetzung mit André Schuen (Hamlet), Bo Skovhus (Claudius), Marlis Petersen (Gertrud) und Jochen Kowalski als moderierendem Vater- Geist liefert Bedingungen, bei denen man sagen darf: So schlimm kann’s gar nicht werden … Vor Blümchentapete auf schwarzem Sofa: eine respektable Sache. „Achtung: Achtungserfolg!“ könnte als Warnung eigentlich über den meisten Uraufführungen heute stehen.
Im Café Imperial, der guten Stube klassischer Stippvisiten-Künstler, denken wir über künstlerische Lebenspartnerschaften nach. Viele Schauspielerinnen fanden ihre besten Regisseure in ihren Ehemännern (Marianne Hoppe in Gustaf Gründgens, Joana Maria Gorvin in Jürgen Fehling, Elisabeth Trissenaar in Hans Neuenfels etc.). Hinter vielen Dirigenten und Sängern steht eine starke Ehefrau, auch wenn man sie nicht immer bemerkt. So bei Riccardo Muti (Wiener Philharmoniker, Musikverein, 27., 29., 30.10.), ebenso bei Riccardo Chailly, Mariss Jansons, Bernard Haitink und Plácido Domingo (als Macbeth ab 11.11. am Theater an der Wien). Sogar echte Musikerehen scheinen gut zu funktionieren. Der französische Oboist François Leleux (6., 8.11., Musikverein, Tonkünstler) ist im wirklichen Leben mit der Geigerin Lisa Batiashvili verheiratet. Dirigent Semyon Bychkov (18., 20.11., Musikverein, mit Concertgebouw) mit der schönen Klavier-Schwester Marielle Labèque. Viele Musiker ziehen es indes vor, nicht gemeinsam aufzutreten. Auch wenn längere Fernbeziehungsphasen, wie sie Solistenleben mit sich bringen, schon oft zu Trennungen geführt haben (z. B. zwischen Jonas Kaufmann und seiner Frau Margarete Joswig). Beobachter in Bayreuth vermuteten sogar hinter der Absage von Andris Nelsons beim diesjährigen „Parsifal“ eine Krise zwischen ihm und seiner Frau, der Sopranistin Kristīne Opolais. Heikle Themen! Einige Künstler-Paare gehen irgendwann dazu über, sich vorzugsweise im Doppelpack engagieren zu lassen, so die Wahl-Wienerin Anna Netrebko und ihr Mann Yusif Eyvazov. Marc Minkowski dirigiert die neue „Armide“ von Gluck an der Wiener Staatsoper (ab 16.10.), die Inszenierung besorgt der ihm privat verbundene Ivan Alexandre. Sogar ein scheinbarer Solitär wie der Alte Musik-Guru René Jacobs, der im Theater an der Wien Salieris „Falstaff“ leitet (ab 12.10.), ist persönlich erreichbar nur über seine Ehefrau.
Man sollte freilich nicht alles mit Ehen und Partnerschaften erklären. Robin Ticciati, frisch von einem Bandscheibenvorfall genesen, dirigiert ganz selbständig im Konzerthaus die Wiener Symphoniker (25., 27.10.). Teodor Currentzis, offiziell unverpartnert, bleibt so oder so: ein superber Musiker (Konzerthaus, 4., 5.10.). Auch die Familie von Vladimir Jurowski, der mit dem Swetlanov-Orchester aus Moskau gastiert (Konzerthaus, 17.10.), verharrt ganz still in Berlin, egal wo der Papa den Stab schwingt. Und wer die Freundin des derzeit überpräsenten, aber in Bestverfassung agierenden Daniil Trifonov ist (Konzerthaus, 11.10.), will ich gar nicht so genau wissen. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2016



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Rondo 5/2016 Zu den Fraunholzer-Zugaben Wenn ihr journalistischer Tausendsassa fürs musikalisch moderat Diverse, Fraunholzer, ins Palavern kommt, dann steht B-Phils erste Klarinette wieder (oder immer noch) in Unterhosen da, obwohl Ottensamer längst im feschen KonzertFrack auch keinen Vergleich zu scheuen braucht, so wie ein Pahud u.a.m.. Dies ist mittlerweile im Netz der 'Digital-Concert-Hall' der Berliner Phil. visuell wie auch akustisch superb und jederzeit abrufbar. Fraunholzers Reportage über seine Hörsitzung mit einer der "aufregendsten und klügsten" jungen Pianistinnen, zeigt ebenso seine saloppe Manier im Blindtest/text, denn die nette Pianistin (gleissender Diskant-?) er-kennt jedenfalls nicht nur Argerich, sondern auch eine Lili Kraus bei Mozart nicht, für Jüngere der musikalischen Zunft offenbar auch so ein ästhetisches Niemandsland wie Karajans epochaler 60er Beethoven-Zyklus. Erstaunlich in Zeiten totaler digitaler Reproduzierbarkeit. Demnächst ev. mal eine Session mit der gleichsam so talentierten Wunderland-Ott im Wiener 'Imperial'- Wohnzimmer musischer Gemüte - meine allerdings, smartphone und Ohrclips tuns auch. Schöne Grüße, gemi-b


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