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Palau de la Música (c) flickr.com/Paulo Valdivieso

Musikstadt

Barcelona

Nicht nur Party, Palmen und Kreuzfahrer- Station: Das stolze, schöne Barcelona will sich stärker als Kulturstadt etablieren.

Das Tuch ist edel, die Pelze sind zu beinahe jeder Jahreszeit viele, die Friseure der Stadt hatten Arbeit und die Juweliere haben gut verkauft. Selbst für einen gewöhnlichen Montag wirkt das Publikum im Gran Teatre del Liceu nach wie vor ausgesprochen hochpreisig. Der weltberühmte Sangestempel in Barcelona ist prallvoll. Das erstaunt und beruhigt zugleich.
Denn mögen die nach Unabhängigkeit strebenden Katalanen auch gern als die Preußen Spaniens bespottet werden, die Wirtschaftskrise, die das ganze Land nun seit Jahren beutelt, ist auch hier längst nicht überwunden. Selbst, wenn man in der attraktiven Mittelmeermetropole weiterhin zufrieden auf steigende Touristenzahlen blicken kann. Auch das Liceu als kulturell internationale Speerspitze der stolzen Stadt hat finanziell bluten müssen. Orchester und Chor wurden abgespeckt, es gab Gehaltskürzungen, weniger Premieren, nicht mehr so viele teure Goldkehlen wie früher. Die Deutsche Christa Scheppelmann, die vor kurzem die künstlerische Direktion übernommen hat, steht vor keiner leichten Aufgabe.
Aber immer noch ist es ein besonderes Theater. Es ist die Wagner- Hochburg, wo am 31. Dezember 1913, noch vor Ablauf der Schutzfrist, „Parsifal“ außerhalb von Bayreuth gespielt wurde. Und es ist ein Tempel des Belcanto, in dem besonders die katalanischen Sänger Montserrat Caballé, José Carreras und Giacomo Aragall gefeiert wurden, aber aktuell auch Edita Gruberova, Diana Damrau und Juan Diego Flórez. Das Liceu ist eine Herzensangelegenheit, die jeden Taxifahrer bewegt wie sonst nur in Wien, wo jeder Droschkenkutscher zu berichten weiß, dass der Tenor XY gestern an der Staatsoper sein hohes C geschmissen hat.
So war es eine nationale Tragödie, als sich das altersschwache, zundertrockene Liceu am 31. Januar 1994 binnen Stunden mittels eines überspringenden Schweißerfunkens in einen TrümKonzertmerhaufen verwandelt hatte. Übrigens zum dritten Mal in seiner nun 169-jährigen Geschichte. Am nächsten Tag stand nicht nur Montserrat Caballé weinend zwischen ausgeglühter Asche, ein Land heulte mit. Sein vokaler Gralstempel, wo es dem unausrottbaren Wagner-Virus frönte, hatte sich unversehens in ein Walhall nach dem Weltenende verwandelt. Deshalb plädierte man energisch für sofortigen Wiederaufbau. Der war nach vergleichsweise kurzen fünf Jahren abgeschlossen.

Phönix aus der Asche

Früher wurden die Dekorationen durch einen Buchladen in das quer zum Prachtboulevard Ramblas stehende Riesentheater mit der bescheidenen Fassade getragen. Den gibt es jetzt nicht mehr – wie 89 andere Nachbarn. Die wurden ausbezahlt, was über ein Jahr zähe Verhandlungen und 100 Millionen Mark Auslöse bedeutete. Wo ein Hotel und Wohnungen waren, wo mit Spruchbändern gegen den Abriss gekämpft wurde, da erheben sich längst ein riesiges Bühnenhaus mit Seiten- und Unterbühne, deren Fundamente 56 Meter tief unter den Grundwasser- und den Meeresspiegel greifen, sowie nach oben ein Probensaal auf dem Dach. Die Außenfassaden sind zeitgemäß nüchtern aus Travertin, Glas und Stahl. So geben sich, hat man die schnörkelverliebte Eingangshalle durchschritten, auch die Logenumgänge und das Foyer unter dem Auditorium.
Aber noch immer muss man am asymmetrischen Haupteingang scharf linksbiegen, denn das Theater wurde über Eck gebaut. Und zum Glück blieb auch an der rechten Fassadenseite der Privatclub der früheren Besitzer erhalten, ein Interieurjuwel in vollendetem mediterranen Jugendstil. Nur auf Einladung und mit Krawatte ist dort der Besuch erlaubt. Das übrige Liceu-Innere ist (bis auf den Foyer-Spiegelsaal) neu und doch altvertraut. Ein festliches Theater, wie es sein soll. Mit höchstem Komfort. Auch die alten Logenbesitzer, deren Privateigentum das Theater bis in die achtziger Jahre war, sind wieder da: als eine gewichtige Gruppe der von 7000 auf 15.000 gesteigerten Abonnenten.
In einem ziemlich einmaligen Akt wollen der Oper und anderen Kultureinrichtungen jetzt freilich noch weitere Privatleute helfen. „Barcelona global“, ein Zusammenschluss von Wirtschaftsleuten und vermögenden Bürgern, möchte etwas tun, damit vor allem der Qualitätstourismus für Barcelona noch weiter angekurbelt wird. Die Infrastruktur – der ausgebaute Flughafen, schöne Hotels, gute Restaurants, Meer, nahe Strände und viel Sonne – ist reichlich vorhanden. Und so haben Bosse und Trendsetter, darunter etwa auch der Vorsitzende einer großen Brauerei, der praktischerweise auch noch im Board von diversen Kulturinstitutionen sitzt, sich zusammengefunden und die Initiative „Barcelona obertura“ gegründet, wo die Musikmacher vor Ort besser verknüpft sind. Man plant jetzt auf längere Sicht gemeinsam, versucht jahreszeitliche Schwerpunkte und Minifestivals zu kreieren.

Einziger Konzertsaal im UNESCO-Welterbe

Schließlich sind 40 Prozent der Touristen Barcelona-Wiederholungstäter. Der Hafen ist einer der beliebtesten Startpunkte für Mittelmehrkreuzfahrten, und sehr viele der Schiffsbesteiger bleiben vorher noch bis zu drei Tage vor Ort. Und die sollen nachhaltig auf das reichhaltige Konzert-und Opernangebot hingewiesen werden. Neben dem Liceu, nicht weit entfernt in der Altstadt, gibt es mit dem üppig Jugendstil-verzierten Palau de la Música Catalana den einzigen als UNESCOWeltkulturerbe ausgezeichneten Konzertsaal, wo alle berühmten Namen auftreten.
Der mit vielerlei Skulpturen geschmückte Palau mit seiner ungewöhnlichen Glas-, Keramik- und Eisenarchitektur wurde von Lluís Domènech i Montaner, einem der wichtigsten Repräsentanten des Modernisme, von 1905 bis 1908 gebaut – als Sitz des katalanischen Volkschors Orfeó Català, dessen Probensaal noch heute im Erdgeschoss hinter der Bar liegt. Finanziert wurde er von Textilindustriellen und Musikliebhabern – wie 60 Jahre zuvor schon das Gran Teatre del Liceu. Alban Bergs Violinkonzert wurde hier 1936 uraufgeführt.
Und in einem der schicken Neubauviertel ist das Zentrum des neuen Stadtentwicklungsprojektes an den Plaça de les Glòries, an der sich die drei Achsen der Stadt treffen, das moderne L’Auditori, Spielort vieler Klassiksterne. Es wurde von Rafael Moneo entworfen und 1999 eröffnet. Er besitzt drei Säle und beherbergt die Musikhochschule sowie das Musikmuseum. Zudem ist er das Heim des umtriebigen städtischen Sinfonieorchesters, dem Orquestra Simfònica de Barcelona i Nacional de Catalunya, dem gegenwärtig der Japaner Kazushi Ono vorsteht.
Das gastiert zudem im Sommer gern auch im atmosphärischen Nachbau eines griechischen Theaters am nahe dem Meer gelegenen Kulturhügel Montjuic, wo diverse Museen warten, vom Nationalpalast mit seinen uralten, aus den Kirchen von Pyrenäen-Dörfern geborgenen Fresken, bis zur Juan Miró gewidmeten Institution, einem von der Weltausstellung 1929 übrig gebliebenen Spanischen Kunstdorf und dem Nachbau des Mies van der Rohe-Pavillons von damals.

Mekka für Gamben-Fans

Unweit von Barcelona hat übrigens auch die Plattenfirma Alia Vox ihren Sitz. Das 1998 vom Darmsaiten-Guru und Gambisten Jordi Savall (selbstredend auch Katalane) gegründete Alte-Musik- Label ist die exklusive Produktions- und Verlagsfirma aller neuer Einspielungen von Hespèrion XXI, La Capella Reial de Catalunya, Le Concert des Nations – den Gruppen von Savall und seiner verstorbenen Frau Montserrat Figueras. Über 80 Titel verzeichnet der Katalog, und vor allem mit dickleibigen Konzeptbüchern- und Alben macht man in letzter Zeit Furore.
Kein Wunder also, dass Barcelona mehr sein will als nur mediterrane Sehnsuchtsstadt oder Partymetropole. Barcelona – und damit Katalonien – möchte als Kulturziel ernstgenommen werden. Gerade für Oper und Konzert. Daran wird noch zu arbeiten und zu optimieren sein. Aber viele Voraussetzungen sind bereits da. Oder kommen vorbei, wie beispielsweise im Mai die Wiener Philharmoniker, die eigens im Rahmen einer exklusiven Kreuzfahrt auf der „Mein Schiff 3“ an Land gingen und im Palau spielten. Und im Juni übrigens schon wieder, diesmal im Rahmen einer ganz „normalen“ Tournee unter Daniele Gatti. Die Wiener gleich mehrfach in der Stadt: Damit können selbst alteingeführte Musikmetropolen nicht aufwarten.

www.liceubarcelona.cat
www.palaumusica.cat/en
www.auditori.cat


Ein Blick auf die Bühnen

Im Liceu mit seinem Stagione-Spielplan gibt es diese Saison Verdis „Troubadour“, „Rigoletto“ und „Macbeth“ in der Inszenierung von Christof Loy, Mozarts „Nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“, Wagners „Fliegenden Holländer“ in der Basel/Berliner Philipp-Stölzl-Zurichtung, Donizettis „Regimentstochter“ mit Javier Camarena, „Elektra“ von Strauss in der weitgereisten Patrice-Chereau-Version, Massenets „Werther“ und „Quartett“ von Luca Francesconi. In den Sinfoniekonzerten des Auditori sind Gil Shaham, Jean-Yves Thibaudet, Daniil Trifonov, Thomas Hampson und Baiba Skride als Gastkünstler zu erleben, Cecilia Bartoli, Gustavo Dudamel und das London Symphony Orchestra gastieren unter anderem im Palau.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2016



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