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(c) Roland Breitschuh/Warner

Blind gehört

Sophie Pacini: „Frech, ungestüm und nicht flach hingelegt“

Sophie Pacini erkennt im Blindtest alle Pianisten – nur ihre Fördererin Martha Argerich nicht. Der deutschitalienischen Pianistin, geboren 1991 in München, gelang mit ihren frühen Chopin- und Schumann- Alben (bei CAvi) ein so großer Überraschungserfolg, dass sie nun von Warner Classics unter Vertrag genommen wurde (aktuell mit Beethoven und Liszt). Unverwechselbar der weiche Anschlag und ein sonnig gleißender Diskant. Bei Sophie Pacini handelt es sich um eine der aufregendsten und wie sich zeigt: auch klügsten Pianistinnen der jungen Generation.

(Während der ersten Takte:) Na, das Stück ist schon mal klar. Bei dem Pianisten, glaube ich, handelt es sich um Friedrich Gulda. Die Aufnahme habe ich kürzlich gehört. Ich dachte, ich selber sei schon auf einer schnellen Fährte bei diesem Stück, und war überrascht über Guldas extrem hohe Geschwindigkeit – und darüber, welch klare Bögen er so entstehen lässt. Nicht ganz so detailliert, wie man vielleicht vorgehen könnte. Aber sehr temperamentvoll, mutig und keineswegs säuselig zu Beginn. Sondern mit Groll und voll innerer Unruhe. Man spürt das Vorwärtsdrängende, den Fortschrittsoptimismus seiner Zeit. Das alles finde ich sehr gut und passend.

Ludwig van Beethoven

Sonate Nr. 21 op. 53 „Waldstein“

Friedrich Gulda (1968-71)

Decca/Amadeo

Auch hier ist das Werk klar, ich habe meine Abschlussarbeit über die Neunte von Ludwig van Beethoven geschrieben. In dieser Aufnahme höre ich etwas sehr Bestimmtes, ja Unerbittliches. Wiederum geht jemand sehr zielstrebig geradeaus, hat es aber nicht nötig, dafür ein rasches Tempo anzuschlagen. Stattdessen gibt es eine große Weite in der Gestaltung, auch deswegen, weil die Bässe eine so große Rolle spielen. Bernstein ist das nicht, trotz aller Plastizität. Man ahnt hier schon im 1. Satz, wie die Geschichte im 4. Satz ausgehen wird. Auch Karajan ist das, glaube ich, eher nicht. Bei ihm wären die Geigen dominanter. Giulini vielleicht? Was, doch Karajan?! Da hat er sich aber stark verändert hinterher. Und zwar, ehrlich gesagt, nicht unbedingt zum Besseren. Vielleicht ein bisschen so wie bei Alfred Brendel? Beim späten Karajan hört man sehr stark den mahnenden Imperativ. Hier nicht! Das ist im Gegenteil noch sehr ungestüm. Große Klasse! Die meisten Orchester- Aufnahmen, die ich liebe, stammen übrigens von Bernstein, Carlos Kleiber und von Giulini. Schumann zum Beispiel würde ich immer mit Bernstein empfehlen. Und bei der Neunten von Beethoven? Da hat Bernstein ein bisschen mehr Ur-Chaos drin als Karajan.

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 9, 1. Satz

Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan (1962)

DG

Das finde ich sehr, sehr schön. Ich weiß, dass diese Arie aus der „Zauberflöte“ als extrem schwierig gilt, weil sie sehr langsam zu singen ist, ohne dass der melodische Fluss dabei stocken darf. Es darf aber auch nicht zu zerbrechlich klingen, und das tut es hier auch nicht. Man hört die Hoffnung Paminas, und dabei bleibt das Ganze sehr schön geerdet. Die hohen Töne klingen, als ob sie von oben kämen, wie eingeflüstert vom Himmel. Wunderbar! Es ist nicht Edith Mathis, aber ein bisschen erinnert es mich an sie. Irmgard Seefried? Ich habe den Namen nur einmal gehört. Tolle Sängerin.

Wolfgang Amadeus Mozart

Arie „Ach, ich fühl’s“ aus: „Die Zauberflöte“

Irmgard Seefried, Orchester der Wiener Staatsoper, Herbert Böhm (1944)

Das ist eine ältere, also eine Mono-Aufnahme des 2. Scherzos von Frédéric Chopin. Es ist nicht Arturo Benedetti Michelangeli, der ein anderes Tempo gewählt hätte. Für Horowitz war die Stelle da eben zu dolce gespielt, er hat mehr Schärfe im Klang. Ich höre hier etwas Wehmütiges, Verletzliches – auch deswegen, weil die Pause am Anfang kaum existiert. Man hört große Dramatik. Der Pianist geht sehr fordernd und zugleich ausgesprochen kantabel vor. Ich schwanke zwischen Arthur Rubinstein und Alfred Cortot. Aber Cortot dürfte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr so technisch sauber gespielt haben. Also haben wir es wohl mit Rubinstein zu tun. Sehr gesunder Ton! Da zerfließt nichts und säuselt auch nichts. Kantig, eruptiv und dabei sehr ehrlich! Rubinstein kriegt es hin, noch bei einem harten Anschlag den Eindruck von Wärme und Weichheit zu erzeugen. Was für eine schöne Aufnahme!

Frédéric Chopin

Scherzo Nr. 2

Artur Rubinstein (1959)

RCA/Sony

Schön ist, dass das Thema in der Oboe nicht stehenbleibt, sondern weiterfließt, wie wenn sich im Wasser eine Welle fortsetzt. (Überlegt.) Martha Argerich ist das nicht. Sie würde bei dieser Phrase impulsiver, kaskadenhafter agieren. Und affektiver. Es erinnert mich ein bisschen an Claudio Arrau, der auch dieses Impulsive hat. Was, doch Martha Argerich?! Ich fasse es nicht! Ich habe sie mit dem Schumann-Konzert oft live gehört in den letzten Jahren, sie spielt es heute ganz anders. Mag sein, dass man hier den Einfluss von Mstislaw Rostropowitsch hört. Die Interpretation erinnert mich an die Art, wie er das Cello-Konzert von Schumann spielte. Ich weiß, wie sehr Martha ihn schätzte. Da, hören Sie! Da hält sie sich stark zurück, das würde sie heute viel offensiver angehen. Ich glaube, bei Martha hängt sehr viel davon ab, mit wem sie zusammenspielt. Sie ist in Wirklichkeit durchaus beeinflussbar. Dass sie dabei immer unverwechselbar sie selber geblieben ist, daran merkt man schon ihren Rang.

Robert Schumann

Klavierkonzert a-Moll, 1. Satz

Martha Argerich, National Symphony Orchestra, Mstislaw Rostropowitsch (1978)

DG

Ich denke, das ist György Cziffra. Frech, ungestüm und nicht flach hingelegt. Es klingt, als wenn er es aus dem Flügel buchstäblich herausreißen würde. Mit einer speziellen Eigendynamik, unnachahmlich. Cziffra wird von heutigen Pianisten etwas von oben herab angesehen, wegen der vielen Freiheiten, die er sich nahm. Er operiert sehr effektbewusst, ohne viel Rücksicht auf Noten-Verluste. Und doch ist sein Spiel von großer pianistischer Perfektion. Sehr authentisch. Ich glaube, er hat nicht viel schneiden lassen, sondern bei Studioaufnahmen mehr oder weniger durchgespielt. Er war, mit einem Wort: sehr unakademisch und ehrlich. Er trug die Tastatur auf der Zunge! Schade, dass er von manchen als indiskutabel angesehen wird. Er war, schätze ich, nicht unakademischer als Liszt selber. Nicht sehr werktreu, aber das war Liszt wohl auch nicht. Cziffra traut sich. Darin sollten wir uns wieder mehr an ihm orientieren.

Franz Liszt

Ungarische Rhapsodie Nr. 6

György Cziffra (1956)

Erato/Warner

„Im wunderschönen Monat Mai“, aber mal nicht von Fritz Wunderlich gesungen, den ich bei mir auf dem iPod habe. Eher fällt mir Dietrich Fischer- Dieskau dazu ein. Diesen Sänger hier kenne ich aber nicht. Er singt sehr kunstvoll, sehr diszipliniert und gepflegt. Der Pianist ist ganz erstaunlich. Er ahnt vorher, wo es hingeht, und singt mit, ohne dem Sänger in die Quere zu kommen. Das ist sogar wesentlich besser als bei Wunderlichs Begleiter (Hubert Giesen, Anm. d. Red.). Ist das kein deutscher Sänger? – Matthias Goerne?! Ich hätte ihn nie erkannt.

Robert Schumann

„Im wunderschönen Monat Mai“ aus: „Dichterliebe“

Matthias Goerne, Vladimir Ashkenazy (1997)

Decca

(Strahlt übers ganze Gesicht.) Das ist jemand, der sehr frisch und energisch an Mozart herangeht, es gefällt mir sehr. Erinnert mich an Clara Haskil. Es ist ähnlich modern und vorwärts drängend wie bei Guldas Beethoven. Noch wichtiger: Man muss lachen, wenn man zuhört, denn man merkt den Schalk, der Mozart im Nacken saß. Die Aufnahme hat Humor, und das ist eine ganz schwer zu treffende Eigenschaft. Da! Es streckt jemand die Zunge heraus. Großartig ist das. – Sogar am Mozarteum in Salzburg wurde uns gesagt, man müsse Mozart mit Samthandschuhen anfassen. Das hier ist das Gegenteil davon. Lili Kraus? Den Namen habe ich kaum je gehört. Das ist genau der Mozart, wie er mir vorschwebt: frei von jeder Barriere, frei von Besserwissertum und gar nicht altbacken. Danke für diese Entdeckung! Die Aufnahme muss ich haben.

Wolfgang Amadeus Mozart

Sonate Nr. 13 B-Dur KV 333

Lili Kraus (1967/68)

Sony

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven, Franz Liszt

Klaviersonate Nr. 21 „Waldstein“, Ungarische Rhapsodie Nr. 6 u.a.

Sophie Pacini

Warner Classics

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2016



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