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(c) Felix Broede/DG

Murray Perahia

Zeit für Bach

Nach einer längeren Auszeit meldet sich der Pianist zurück – wieder mit Bach, aber diesmal bei neuem Label.

Das Außergewöhnliche am Pianisten Murray Perahia ist, dass er so wenig außergewöhnlich ist. Zumindest nach heutigen Vermarktungsmaßstäben, die längst auch für die gar nicht mehr so hehre Klassik gelten. Der 69 Jahre alte geborene New Yorker, der heute in einem der dörflicheren Stadtteile Londons lebt, kann keine spektakuläre Herkunft vorweisen – obwohl er aus seiner sephardischen Abstammung nie einen Hehl gemacht hat. Auch hat er kein aufregendes Dekolletee und auch keine gefährlichen Haustiere. Und er spielt meist nur Bach, Beethoven, Chopin, Mendelssohn und Schumann.
Außergewöhnlich und aufregend ist freilich Murray Perahias jüngste CD-Veröffentlichung, Bachs sogenannte Französische Suiten. Diese pädagogische Morgengabe für seine zweite Frau Anna Magdalena komponierte Bach zwischen1722 und 1724 in Köthen: elegant, kompakt, durchstilisiert, von mittelschwerem Anspruch. Dennoch springen sie einen beim Hören sofort an, lassen die Beine mitwippen, zaubern ein Lächeln aufs Gesicht.
Perahia spielt das ohne jede Doktrin, aber mit wundervoll leichtgewichtiger, scheinbar improvisierter Manier, wie von jeher wieder auf einem Flügel. Denn er glaubt, Bach hätte mit Freude zugegriffen, wenn er ein solches Instrument zur Verfügung gehabt hätte, statt der elendigen Tastenprovisorien seiner Epoche. Weil Perahia sofort losswingt, lässt er diese Musik sprechen: „Das war Tanzmusik, Musik die jeder verstand, die Bach nur kunstvoll variierte. Als Übung für den häuslichen Gebrauch, für seine Familie und Freunde. Das war noch nicht einmal Tafel- und Festmusik, wie viele seiner Konzerte aus der Köthener Zeit. Niemand schwieg da andächtig still. Und von einem Podium herab spielte man sie schon gar nicht.“
Murray Perahia hat ein hinreißendes Gefühl für Rhythmus, für kleinste Verzögerungen und Unregelmäßigkeiten, die den Notenfluss erst unterscheidbar machen, ihm Lebendigkeit und Spontaneität geben. „Gerade bei dieser Art Bach-Musik haben mich meine Chopin-Erfahrungen inspiriert, denn auch bei Chopin ist so gut wie jede Note in eine Tanzform gebracht, als Mazurka, Polonaise oder Walzer.“ Perahia überspitzt nichts, er ist kein Extremer und kein Exzentriker, er ist aber eben auch kein korrekter Langeweiler. Seine Interpretationen sind ausgeklügelt, wirken aber nie routinehaft, man meint die Freude am Spiel stets zu hören.

Der Glanz vergangener Tage

Und auch Bach hat Perahia wieder in seinem gegenwärtigen Lieblingsstudio aufgenommen, dem längst legendenhaft verklärten, feinste Fifties-Diskretion ausstrahlenden Sendesaal des ehemaligen DDR-Rundfunks in der Berliner Nalepastraße. Ein Foto früher Aufnahmesitzungen dort zierte übrigens auch die edle Kiste, mit der sein vorheriges Label Sony noch 2012 „The First Fourty Years“ feierte, die vier Jahrzehnte währende exklusive Zusammenarbeit mit dem ehemaligen CBS-Künstler. Wahrscheinlich dürfte Murray Perahia damals derjenige mit dem längsten Vertrag in der Firma gewesen sein. 67 CDs und 5 DVDs kamen so zusammen, darunter auch die berühmte Referenz-Gesamtaufnahme aller Mozart-Klavierkonzerte mit dem English Chamber Orchestra sowie seine preisgekrönten Aufnahmen mit Musik von Johann Sebastian Bach, Brahms und Chopin, ebenfalls weltweite Bestseller.
Doch das war es dann offenbar auch. Das Album, für das Perahia 2013 wieder mit seinem bewährten Tonmeister Andreas Neubronner zusammenarbeitete, erscheint nun drei Jahre später bei – der Deutschen Grammophon! Macht das Sinn? Bei der Grammophon sind gegenwärtig viele Verträge ausgelaufen, ein wenig perspektivlos setzt man auch hier auf immer mehr Crossover und kurzfristige Projekte. Und holt sich jetzt mal wieder die alten Männer, die Legenden woanders. Natürlich hofft man, mit dieser Verpflichtung an legendäre Coups anzuknüpfen, als man in den Achtzigern für viel Geld Vladimir Horrowitz und Peter Serkin von CBS weglockte. Wobei, in der Rückschau betrachtet, der wesentliche Teil ihres klingenden Erbes trotz aller Schlagzeilen dennoch bei der alten Firma entstand.
Und bei Perahia wird es nicht viel anders sein. Denn tatsächlich waren es leider auch die sich wiederholenden Zwangspausen, die ihn seit Jahren wirklich in die Schlagzeilen gebracht haben. Ein weltberühmter Pianist, der plötzlich verstummte, weil 1991 eine Hälfte seiner beiden Arbeitswerkzeuge nicht mehr richtig funktionierte. Ein banaler Schnitt mit einer scharfen Papierkante im rechten Daumen hatte sich entzündet. Die Hand versagte den Dienst. Es musste operiert, unter Schmerzen geübt, bzw. unter noch mehr Schmerzen ausgesetzt werden. Wie schon oft erzählt wurde, entwickelte sich die Zwangspause zum Schöpfungsmythos. Perahia beschäftigte sich in dieser Zeit mit Partituren, besonders viel mit Bach – und spielte diese dann ein, als es endlich wieder ging: gelöst, strahlend vor verinnerlichter Freude und, wie es schien, mit aller Zeit der Welt. Heute begreift er jeden hinderungsfreien Moment als Geschenk, denn die Einschränkungen kehren immer wieder zurück. Bei jeder CD-Einspielung, bei jedem Konzert tickt es innerlich also irgendwo.
Und trotzdem: Gerade bei Bach hätte er noch einige Lücken zu füllen. Es fehlen nicht nur die Inventionen und Toccaten, sondern auch die beiden Bücher des Wohltemperierten Klaviers …

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach

Die Französischen Suiten

Murray Perahia

DG/Universal


Zurück in die Zukunft

Aufbruchstimmung im Hause Murray Perahia wie bei der Deutschen Grammophon. „Der berühmte amerikanische Pianist wird Schlüsselwerke aus seinem Repertoire aufnehmen und Interpretationen verewigen, die über seine lange Karriere gereift sind“, ist man sich bei der Firma sicher. Und er selbst sieht das ähnlich: „Eine Aufnahme bietet die Chance, zu einer Komposition zurückzukehren – einen neuen emotionalen und gedanklichen Zugang zu ihr zu entdecken – und die Meisterwerke der Klavierliteratur in jedem Stadium der eigenen Entwicklung zu ergründen. Mich erneut der Musik von Bach, Beethoven, Mozart, Chopin und Brahms zu widmen, hat als Inspirationsquelle eine besondere Bedeutung für mich.“


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2016



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