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Kastraten

Who-is-who der hohen Töne

Countertenöre lieben Kastraten: Die Konkurrenz ist vorbildlich.

Als um 1600 die Oper entstand, sicherten sich die Kastraten gleich die Hauptrollen: Ihre Stimmen, die durch Kastration bewahrte Knabenstimme mit Resonanz und Technik eines erwachsenen Virtuosen, machten sie zu Idealbesetzungen für Götter. Doch auch als jugendliche Helden waren sie glaubwürdig – nicht zuletzt, weil der Stimmbruch damals später einsetzte als heute. Ihre Androgynität öffnete den Kastraten auch die Türen für Frauenrollen. Ihre Herrschaft endete erst im 19. Jahrhundert, als das Kindeswohl über die musikalischen Bedürfnisse von Päpsten und Opernbesuchern siegte. Mit der Aufführungspraxis übernahmen Countertenöre das Erbe der Kastraten. Beim Falsett letzt, weil der Stimmbruch damals später einsetzte als heute. Ihre Androgynität öffnete den Kastraten auch die Türen für Frauenrollen. Ihre Herrschaft endete erst im 19. Jahrhundert, als das Kindeswohl über die musikalischen Bedürfnisse von Päpsten und Opernbesuchern siegte. Mit der Aufführungspraxis übernahmen Countertenöre das Erbe der Kastraten. Beim Falsettgesang schwingen nur die äußeren Ränder der Stimmbänder. Ein befriedigender Ersatz? Nun ja, im Barock ersetzte man den fehlenden „Primo uomo“ stets mit einer Sängerin. Doch heutzutage gibt es Altisten und Sopranisten mit fabelhafter Gesangstechnik, die in die Rollen der Kastraten schlüpfen.

Leonardo Vinci

Artaserse

Valer Barna-Sabadus, Diego Fasolis, Concerto Köln

EMI/Virgin

Carlo Broschi (1705–1782), gen. Farinelli

Wer er war: Der legendäre Sopran- Kastrat gilt bis heute als ungekrönter König seines Stimmfachs. Hoch virtuos in Koloraturen wie Verzierungen, intelligent, mit einem schier endlosen Atem und suggestiv in der Gestaltung deckte er von Caesar bis Cleopatra alle denkbaren Rollen ab.

Um sein Erbe bemühen sich: Unter anderen haben Arno Raunig, Jörg Waschinsky und Angelo Manzotti ganze Farinelli- Alben herausgebracht; außerdem wurde für Gérard Corbiaus Film „Farinelli“ die Stimme des Counters Derek Lee Ragin mit jener der Sopranistin Ewa Małas- Godlewska elektronisch gemixt.

Überzeugende Nachfolger: Keine. Farinellis Arie „Son qual nave“ verwandelt jeden Mann, der aus ihren halsbrecherischen Koloraturen Musik zu machen versucht, in eine Florence Foster Jenkins. Auch der Farinelli-Verschnitt für Corbiaus Film scheitert, weil er nicht berücksichtigt, dass es das knabenhafte Timbre war, das die Kastratenstimmen einzigartig machte. Nur einige wenige Sänger sind in der Lage, Teilaspekte von Farinellis Kunst wiederzubeleben – so etwa Valer Barna-Sabadus, der mit seinem hohen, aber dennoch sanften Counter selbst Frauenrollen überzeugend darzustellen weiß. Die Zeitgenossen des Kastraten würden aber dennoch mit ihrem berühmten Bonmot kontern: „Ein Gott, ein Farinelli“.

Nicola Grimaldi Francesco Bernardi (1686–1758), gen. Senesino

Wer er war: Mit einem vergleichsweise kleinen Stimmumfang aber zugleich einem riesigen Ausdrucksspektrum war er Händels Allzweckwaffe, wobei ihn die Rolle des Helden besser kleidete als die des Liebhabers. Zu den Rollen, die für ihn geschrieben wurden, gehören Händels Giulio Cesare und Radamisto.

Um sein Erbe bemühen sich: Wegen ihrer weisen Beschränkung auf das Wesentliche gehören Senesinos Rollen zu den dankbarsten Countertenorpartien überhaupt und werden von fast allen namhaften Countertenören gesungen.

Überzeugende Nachfolger: Unter den jüngeren Sensesino-Fans verdient David Hansen besondere Beachtung: Sein durchdringender, heller, gleichmäßiger und feuriger Vortrag deckt sich mit den Qualitäten von Senesinos Gesang. Ein wenig enttäuschend ist dagegen Andreas Scholl, der Händels Giulio Cesare zwar mit der überragenden Technik, aber nicht mit dem Feuer eines Senesino singt.

Giovanni Maria Bernardino (1700–1760), gen. Carestini

Wer er war: Carestini begann seine Laufbahn als Soprankastrat, wechselte aber später in die Altlage und galt in der Meinung von Johann Joachim Quantz als „einer der schönsten, stärksten und tiefsten“ Sänger dieses Faches. Intelligent, gutaussehend, schauspielerisch begabt und mit einer perfekten Technik ausgestattet, war er einer der führenden Sänger in der stilistischen Umbruchzeit zwischen Händel und frühem Gluck.

Um sein Erbe bemühen sich: Mit seinem Album „Carestini The Story Of A Castrato“ hat sich Philippe Jaroussky in die Fußstapfen des großen Sängers begeben.

Überzeugende Nachfolger: Für den jungen Carestini ist der intelligente, bühnenpräsente, technisch brillante, stilistisch versierte Jaroussky tatsächlich eine hervorragende Besetzung. Bleibt zu hoffen, dass seine Stimme ebenfalls so gut altert wie die seines Idols.

Giacchino Conti (1714–1761), gen. Il Gizziello

Wer er war: Conti wurde von Händel dazu ausersehen, gegen die Konkurrenz von Farinelli anzusingen. Wegen seiner ausgesprochen hohen Sopranstimme, die bis zum hohen C reichte, bewegen sich seine Partien an die Grenze dessen, was von Countertenören noch überzeugend dargestellt werden kann.

Um sein Erbe bemühen sich: Zu den wichtigsten Sängern, die um Contis Nachfolge buhlen, gehören Max Emanuel Cencic, der mit der Rolle des Valentiniano in Glucks Ezio eine Conti-Partie glaubwürdig bewältigte (Einspielung mit Alan Curtis). Ihm zur Seite steht Franco Fagioli, der mit Arsace in Leonardo Vincis Artaserse eine weitere bedeutende Conti-Partie sang (Einspielung mit Diego Fasolis).

Überzeugende Nachfolger: Während Cencic mit der ausgeglicheneren Stimme punkten kann, begeistert Fasolis durch die Stärke seiner Spitzentöne und kommt Conti wohl auch in seiner Neigung zum Lyrisch-Pathetischen näher.

Gaetano Majorano (1710–1783), gen. Caffarelli

Wer er war: Kapriziösen Charakters und nicht ganz so brillant wie Farinelli oder Giziello, muss Caffarelli mit seiner Gesangskunst nicht minder inspirierend gewirkt haben auf seine Kollegen, denn für ihn schrieb Händel die berühmte Arie „Ombra mai fu“.

Um sein Erbe bemühen sich: Alle Countertenöre, die „Ombra mai fu“ in ihrem Repertoire haben.

Überzeugende Nachfolger: Dank seiner Höhe und seiner gestalterischen Flexibilität zwischen Virtuosität und innigem Ausdruck ist Max Emanuel Cencic einer der ersten Anwärter auf das Erbe Caffarellis.

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 5 / 2012



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