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Blind gehört

Daniel Behle

„Im Kritisieren war ich schon immer gut,“ sagt Daniel Behle lachend.

Ich wusste, was mir gefällt und was nicht. Aber ich kenne nicht so viel Repertoire – ich bin ja ein Späteinsteiger.“ Der gebürtige Hamburger studierte erst Posaune und Komposition, ehe er mit Mitte zwanzig seine Gesangsstimme entdeckte. Heute, mit 37 Jahren, wird der Tenor als Shooting Star des Liedgesangs gefeiert. Doch darauf will sich der frisch gebackene Vater einer Tochter nicht ausruhen. Mit Humperdincks „Königskindern“ an der Frankfurter Oper eröffnet er sich gerade das jugendlich- dramatische Fach, für die kommenden Jahre stehen Mozart- und Strauss-Rollendebüts in Zürich, Dresden und München an.

Daniel Behle: Der Interpret gefällt mir sehr. So zu singen ist ein bisschen verloren gegangen. Er hat eine schöne Vokalbehandlung, er singt sehr textverständlich, phrasiert schön und mischt auch sehr schön, wenn er hoch geht. Man müsste ein breiteres Spektrum an Liedern hören, um zu beurteilen, ob das eine Attitüde ist oder ob er variieren kann. Man kann an alten Aufnahmen schwer das Volumen einer Stimme beurteilen, aber ich kann hören, dass es eine sehr tragfähige Stimme ist. (Breit’ über mein Haupt ...) Ah, Strauss. Auch schön gesungen. Es klingt fast, als hätte er Schnupfen – das ist ein guter Ansatz für dieses Lied. Aber hier, bei diesem hohen, langen Ton auf „klar“, hätte ich mir „den Löwen“ gewünscht, also dass er den Unterbauch dazufärbt. Oper, Lied und überhaupt alles singt man idealerweise erst mal mit der „Platte“, wie wir das nennen, in Höhe der Nebenhöhlen, auf die von oben der Klang tropft. Das ist der Strahl, der die Stimme trägt. Und dann kannst du dir überlegen, wie weit du diesen Strahl mit Gewichten, also mit dem Körper verbreitern und färben willst. Es ist eine Frage der Technik, ob und wie weit man das kann. Es gibt natürlich auch Sänger, die direkt aus dem Körper arbeiten, aber das ist, als würde man einen Laster quer über die Autobahn schieben – viel zu anstrengend. Dagegen gibt es Sänger, die nur mit Strahlkraft und ohne Unterleib singen – dann wird’s für meine Begriffe etwas farblos. Diese Sänger begeistern die Leute eher live als auf CD. Eine Mischung dieser beiden Extreme ist meiner Meinung nach die beste Lösung.

Richard Strauss

Heimkehr op. 15/5, Breit’ über mein Haupt dein schwarzes Haar op. 19/2

Anton Dermota, Richard Strauss

Brillant

Er spielt sehr schön! Ich spiele gar nicht mehr. Manchmal vermisse ich das Ensemblespiel, aber das Instrument hat seine Grenzen. Dass ich Posaune studiert habe, hat sich aus der Gemeinschaft im Jugendorchester und aus dem Mangel an Alternativen entwickelt. Ich war schon überzeugt von der Posaune, aber ich wollte immer etwas Eigenes entwickeln und nicht nur Vorgegebenes repetieren. Deshalb habe ich ja auch Komposition studiert. Und erst als meine Mutter, die ja Sängerin ist, meine Stimme „entdeckt“ und intensiv mit mir gearbeitet hat, bin ich plötzlich viel tiefer in die Musik eingestiegen als jemals auf der Posaune. Ab da war der Weg für mich klar.

Johannes Brahms

Denn es gehet dem Menschen ... aus: Vier ernste Gesänge

Stefan Schulz, Tomoko Sawano

BIS

Das ist Gedda, eine frühe Aufnahme. Ich verstehe ihn manchmal nicht. Hier höre ich ein Vibrato, bei dem man das Gefühl hat, der Ton schwingt nicht frei, sondern festgehalten. Das schafft mir kein Wohlempfinden, wenn der Luftstrom nicht frei fließt. Vieles von ihm ist wirklich sensationell gut, er ist einer meiner drei Helden neben Wunderlich und Björling. Aber es gibt Aufnahmen von ihm, da wirkt er etwas müde. Können wir noch ein anderes Stück hören? (Nicolai: „Horch, die Lerche singt im Hain“) Ah, diese Stelle hier ist wunderschön, aber hier pusht er den feinen sotto-voce-Ansatz etwas und so bleibt es irgendwie gefangen. Gedda ist sicher ein intellektueller Sänger, so wie ich wohl auch, und man kann sich seine Leichtigkeit schnell verbauen, wenn man zu viel denkt. Wunderlich dagegen hat sicher auch viel an seiner Stimme gearbeitet, aber er hat es immer geschafft, eine Natürlichkeit in den Ton zu bringen, er hat aus dem Moment heraus gesungen. Er hatte wahrscheinlich die beste Technik von allen. Bei Gedda klingt es hier, als hätte er über jeden Ton nachgedacht.

Wolfgang Amadeus Mozart

Dalla sua pace, aus Don Giovanni

Nicolai Gedda, Orchestre de la Societé des Concerts du Conservatoire, André Cluytens

EMI Classics

Es tut mir jetzt noch leid, dass ich diese Aufnahme nicht machen konnte. Die Anfrage kam zu kurzfristig. Das war noch vor der „Zauberflöte“, aber nach der Brockespassion, glaube ich. Ich finde die Arbeit mit René Jacobs immer großartig. Er beschäftigt sich so intensiv mit einem Werk, er gibt allem so ein Fundament und eine Reflexion, dass er dir alles erklären kann. Oh, man kann mit ihm gut diskutieren, allerdings hat er am Ende meistens Recht. Wenn man mit ihm arbeitet, dann arbeitet man an seinem Projekt mit, man setzt seine Vision um. Aber alle machen das gerne mit, weil er so eine Autorität hat, und weil man weiß, man macht etwas Besonderes, man lernt dabei. Ich schätze ihn sehr. Leider musste ich ihm für sein aktuelles Projekt wieder absagen, da ich unbedingt „Die Königskinder“ in Frankfurt machen wollte. Das ist für mich stimmlich ein sehr wichtiger nächster Schritt.

Joseph Haydn

Die Schöpfung

Maximilian Schmitt, Freiburger Barockorchester, René Jacobs

harmonia mundi

Sehr schön. Das ist kein Opernsänger, vermute ich, so wie er darauf bedacht ist, die ganz feinen Nuancen auszuleuchten. Schön phrasiert, gut die Linien verbunden, auch die Power ist da, wenn er will. Wenn ich meckern darf: Es klingt ein bisschen aristokratisch. Aber es klingt erfüllt, und er weiß, was er singt. Das ist ein schönes Stück, ich kenne es nicht. Ich hätte zu kritisieren, dass ich nicht viel Text verstanden habe. (Wir hören in mehrere Lieder hinein.) Sehr schön, aber ich würde mir mehr Textverständlichkeit wünschen, ohne bei den Konsonanten künstlich zu werden. Wie er das hier als Kantilene und ohne Kanten singt, da fehlt mir was. Aber er hat einen sehr guten Begleiter. Ein guter Begleiter macht einen guten Liederabend aus. Er schafft dem Sänger das Bett, um vielleicht eine Sternstunde zu schaffen. Als Begleiter braucht man sehr viel Sensibilität, nicht steif der Linie zu folgen, wenn man so ein leichtes Finden spürt und es nicht total übereinander ist, wird es richtig spannend.

Franz Schubert

Lied eines Schiffers an die Dioskuren

Ian Bostridge, Julius Drake

EMI

Tauber? Das hat einfach was! Für die Operette braucht man die beste Gesangstechnik, aber leider wird sie oft so schlecht gesungen. Die Knospenarie in der „Lustigen Witwe“ zum Beispiel ist eine Hammer-Nummer, da musst du zwar gegen die dicke Instrumentierung die Nonchalance bewahren, aber wenn man sie so fein im Detail arbeitet und zum Beispiel wie einen Mozart phrasiert und vor allem in ihrer musikalischen Substanz ernst nimmt, dann kann Operette toll sein!

Franz Léhar

Lippen schweigen, aus: Die lustige Witwe

Richard Tauber (Texte), Odeon-Künstlerorchester, Erich Wolfgang Korngold

EMI Classics

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 5 / 2012



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