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Jazz-DVDs

Einer der berührendsten Musikerfilme der letzten Jahre erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem zur Aufnahmezeit 23-jährigen blinden weißen Pianisten Justin Kauflin und der 90-jährigen Trompetenlegende Clark Terry. Der schwer diabeteskranke Terry war dabei, sein Augenlicht zu verlieren. Aus der geteilten existenziellen Erfahrung erwuchs eine tiefe Verbundenheit. Wir erleben, wie Terry vom Krankenlager aus vorsingend die Jazzphrasierung seines jungen Freundes verfeinert. Weitere Erzählstränge sind die Lebensgeschichten der beiden anhand umfangreichen Archivmaterials. Weggefährten wie Quincy Jones kommen ausführlich zu Wort. Leider gibt es den englischsprachigen Film von Alan Hicks nur in einer niederländisch untertitelten Version („Keep on Keepin’ on“, RIL/Radius TWC).

Ein sensibles Porträt des blinden, schwarzen Saxofonisten Rahsaan Roland Kirk zeichnet Adam Kahan. Kirk spielte mehrere Instrumente gleichzeitig und wurde darob oft als Showman abgetan. Immer wieder wurde er auch als Esoteriker belächelt, der den Stimmen seiner Träume folgte, die ihn zum multiinstrumentalen Spiel gebracht hätten. „Three Cases Of The Three Sided Dream“ erfasst das Wesen Kirks mit profunden Zeitzeugeninterviews, und das Archivmaterial zeigt ihn als bewusst reflektierenden Künstler und Aktivisten (Arthaus, DVD und Blu-ray).

Dem Gralshüter der Jazztradition am New Yorker Lincoln Center, dem Trompeter Wynton Marsalis, widmet sich ein Film von Susan Shaw. 1996 erarbeitete Marsalis mit dem Lincoln Jazz Orchestra seine Suite „Blood On The Fields“. Der gleichnamige Film beobachtet die Proben und lässt den Jazztheoretiker Marsalis und seine Mitmusiker ausführlich zu Wort kommen. In einem zweiten Teil begleitet die Doku Marsalis in seine Heimatstadt New Orleans. Dort interpretiert er mit Mitgliedern seines Orchesters Jelly Roll Morton und Thelonious Monk (Arthaus, DVD und Blu-ray).

Ein vergnügliches Filmdokument ist „Lullaby Of Birdland – The Shearing Touch“ von Jill Marshall. Der blinde englische Pianist George Shearing erzählt im Plauderton eines humorvollen Gentlemans am heimischen Flügel seine Lebensgeschichte von den einfachen Anfängen in London bis zu seinem unglaublichen Erfolg in Amerika. Sein Quintett prägte dort mit dem Shearing Sound aus der parallel geführten Melodiestimme von Gitarre, Vibrafon und Blockakkorden am Klavier eine ganze Epoche. Das Quintett und die Befreiung von seinen Zwängen werden in ausführlichen Konzertausschnitten dokumentiert (Arthaus, DVD und Blu-ray).

Pianostar Michael Wollny ist mit seinem bezaubernden Nachtfahrten-Programm in intimer Fernseh-Aufzeichnung auf der CD & DVD Collector’s Edition „Klangspuren“ zu erleben. Zwischen live-DVD und live-CD liegt ein Jahr Entwicklung des neuen Trios mit Christian Weber am Kontrabass. (ACT/Edel).

Es ist immer erfrischend, sich auch in die Randbereiche des Jazz zu begeben. Das französische Chanson mit seiner jungen Powerfrau und Sängerin ZAZ, die immer wieder auf die frühe spezifisch französische Jazztradition zurückgreift, ist da ein besonderer Fall. Ausführlich ist das auf der Dokumentation ihrer Welttour 2015 zu erleben. Leider erfahren die Liedtexte keine Untertitelung („Sur la route“, DVD & CD, Warner).

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 4 / 2016



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