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Ornette Coleman (c) Arne Reimer

Arne Reimer

Auf Hausbesuch bei Jazz-Legenden

Der Fotograf Arne Reimer besucht seit 2010 betagte amerikanische Jazzgrößen in ihrem Zuhause und hält sie in berührenden Porträts fest. Unter dem Titel „American Jazz Heroes“ sind so zwei Bildbände entstanden, die viel über den Jazz des 20. Jahrhunderts erzählen – und über den Überlebenswillen seiner letzten Protagonisten.

RONDO: Herr Reimer, wie sind Sie darauf gekommen, amerikanischen Jazz-Legenden Hausbesuche abzustatten?

Arne Reimer: Das entstand in Zusammenarbeit mit dem Verleger Axel Stinshoff. Ich hatte damals ein Stipendium in Amerika und fragte ihn, ob er nicht noch Bilder von Jazzmusikern braucht, von älteren vor allem, die man sonst nicht mehr antrifft in Europa. Daraus entstand die Idee, die alten Recken noch einmal aufzusuchen, bevor sie vielleicht bald nicht mehr da sind. Von vielen gibt es keine aktuellen Fotos.

RONDO: Wie schwierig war es, an die Musiker heranzukommen?

Reimer: Erst mal war es nicht einfach, sie überhaupt zu finden. Viele haben kein Management mehr, geschweige denn eine Homepage. Da muss man sich ein bisschen in der Jazzszene auskennen und herumfragen. Ich nenne das immer: investigativer Jazzjournalismus. Die meisten ließen es zu, dass ich sie zu Hause besuche. Da kommt man über die Gegenstände, die da herumliegen, ins Gespräch. Ich wurde eigentlich nie während meiner Besuche rausgeschmissen. Es sei denn, die Frau musste zum Arzt oder der Musiker war zu müde.

RONDO: Zuweilen wurden Sie von Ihren Interviewpartnern auch für Hilfsdienste missbraucht. Etwa Augentropfen verabreichen ...

Reimer: Man wird plötzlich zum Teil des Alltags dieser Musiker. Ich dachte da auch manchmal: Ich trage gerade einem der wichtigsten Freejazz- Drummer den Einkauf nach Hause! Carla Bley gab mir nach dem Gespräch noch Tomaten aus ihrem Garten mit. Das war ganz rührend.

RONDO: Beim Blick in die Wohnungen fällt auf: Die Lebensumstände der Legenden scheinen ja oft nicht die besten zu sein ...

Reimer: Stimmt. Es pendelt sich ein bisschen in der mittleren Mittelschicht ein, aber es gibt auch Extrembeispiele. Im neuen Buch wäre da etwa der gutbetuchte Hubert Laws, der zwei Häuser in Los Angeles hat; in einem durfte ich ihn besuchen, mit Swimmingpool und Tennisplatz hinterm Haus, das Tor öffnete sich wie bei einem Hollywood-Star. Das andere Extrem war der Schlagzeuger Charlie Persip, der kaum Möbel hatte.

RONDO: Wer hat Sie besonders beeindruckt?

Reimer: Horace Parlan. Den habe ich in Dänemark getroffen, wohin er 1973 ausgewandert ist. Vor einigen Jahren hat er seine Frau verloren und lebt jetzt in einem Pflegeheim. Er kann nicht mehr Klavier spielen, er ist erblindet und sitzt im Rollstuhl. Das sind drei Einschränkungen, die jeden von uns bedrücken würden. Mir hat imponiert, dass er dennoch diesen Lebenswillen und diese Lebensfreude hat. Dem geht es gut.

RONDO: Jazz ist ja auch eine Lebensbewältigungsmusik. Hilft das beim Älterwerden?

Reimer: Irgendwie schon. Im Jazz spiegelt die Musik deine Lebenserfahrung wider. Es ist ganz selten, dass ein junger Pianist so klingt wie ein alter. Gerade durch die Improvisation ist sehr viel Freiraum möglich. Das erinnert mich auch an die Fotografie. Ich muss mich auf diesen Moment einlassen, auf diese Menschen und deren Wohnungen, um am Ende das richtige Bild zu haben. Da ist sehr viel Improvisationskunst gefragt in dieser Situation. Weil man auch weiß, dass man unter Umständen nie mehr wiederkommen kann.

RONDO: Ist der Jazz bald tot, und Sie halten seine letzten Augenblicke fest?

Reimer: Ich finde es gefährlich, ein Trauerlied auf den Jazz zu singen. Das würde den jungen Jazzmusikern, die sich wirklich abrackern und interessante Musik machen, nicht gerecht werden. „American Jazz Heroes“ ist kein Abgesang, sondern ein Rückblick auf Leben und Werke dieser großartigen alten Männer und Frauen, die diese Musik geschaffen haben. Sie sollen noch einmal zelebriert werden in Wort und Bild, bevor es sie nicht mehr gibt.


Schlagzeuger, Fotograf, Coverkünstler

Arne Reimer wurde 1972 in Rendsburg geboren. Mit 18 begann der Schlagzeuger, Musiker zu fotografieren. Zu seinen ersten Aufnahmen gehörten Fotos von Ornette Coleman und David Murray bei den Hamburger Jazztagen 1990. Reimer studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und ab 2003 mit einem Fulbright-Stipendium in Boston. Der Fotograf arbeitet u. a. als Hochschuldozent und machte verschiedene Cover- und Porträtaufnahmen für Jazzlabels wie ECM.


Josef Engels, RONDO Ausgabe 4 / 2016



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