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(c) Robert Ascroft/Sony Classical

Lang Lang

Ein Chinese in New York

Ein klingendes Gedicht, das Licht und Schatten der Stadt ausdrückt, so will das neue New-York- Album von Lang Lang gehört werden.

Kein „Englishman“, wie bei Sting, sondern ein Chinese in New York. Wenn es dabei um Klassik geht, dann kann es sich eigentlich nur um Lang Lang handeln. Und so ist es auch. Auf seinem letzten Album hat der Pianist seine Hommage an Paris dargebracht, freilich mehr was den Aufnahmeort betraf: Das Studio stand an der Seine, und für die DVD begab man sich in den Spiegelsaal von Versailles. Das Repertoire aber war Solomusik von Frédéric Chopin und Peter Tschaikowski.
Diesmal ist es genau umgekehrt. Die Aufnahmesitzungen fanden in London, Manchester und Ungarn, aber eben auch in Los Angeles, Boston, Nashville, ja und sogar in New York statt. Und wie bei einem Popalbum üblich, werden sich dabei nicht alle Beteiligten persönlich begegnet sein. Aber was zählt, ist schließlich der Spirit, das Ergebnis. Und das kann sich hören lassen. „New York Rhapsody“ ist wirklich ein schön schlendernder, nie hektisch werdender Spaziergang durch die Stadt, die niemals schläft, wo man als Bewohner wie Besucher schnell dem „New York state of mind“ verfällt, und von der es so schön in einer anderen Stadthymne heißt: „If I can make it there, I’ll make it anywhere. It’s up to you, New York!“
Lang Lang, der hier neben Peking seinen zweiten Wohnsitz hat, erzählt die Entstehung des Albums so: „Ich musste dieses Album machen – als Hommage an New York – die Stadt, die die Entwicklung der Musik in den letzten 100 Jahren mehr beeinflusst hat als jede an dere. Die Stadt, die mich mehr inspiriert und bereichert hat, als ich in Worte fassen kann. Die Stadt, die mein zweites Zuhause geworden ist. Die Stadt in der meine Stiftung sitzt. Die Stadt, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der klassischen Musik Zuflucht bot, als Europa begann, sich selbst zu vernichten. Die Stadt, die klassische Musik in dieses wunderbare Chaos von neuen Klängen und Stilen verwandelt hat.“
Dann führt der Turbotastentänzer aus: „Gerswhins ‚Rhapsody In Blue‘ war so etwas wie der Start-, Dreh- und Angelpunkt für dieses mich sehr begeisternde Projekt. Ich habe sie sehr oft mit meinem wirklich guten Freund Herbie Hancock in der Fassung für zwei Klaviere gespielt, wir grooven ähnlich und doch verschieden, es macht immer wieder großen Spaß, sich von seinem untrüglichen, stets überraschenden Rhythmusgefühl mitreißen und tragen zu lassen.“ Auch das London Symphony Orchestra und John Axelrod haben in den legendären Abbey Road Studio durchaus Manhattan-Atmosphäre aufkommen lassen.
„Das weitere Repertoire habe ich mit dem grandiosen Produzenten Larry Klein nach langen und intensiven Gesprächen gemeinsam ausgewählt“, so Lang Lang. „Wir wollten Musik, welche die Stadt in allen ihren Facetten repräsentiert, die ihre Energie und ihre Klänge einfängt und widerspiegelt. Wir hatten eine wirklich lange Liste. Manche davon waren für mich von Anfang an gesetzt, wie zum Beispiel Alicia Keys, die ich wirklich sehr liebe, oder auch Musik von Aaron Copland. Aber auch Larry hat mich mit unglaublich toller Musik bekannt gemacht. Echt nur die beste schaffte es dann auch auf das Album.“

Night and Day

Und so gibt es nun Musik für jede Tages- und Nachtzeit auf dem Album, und auch für jede Stimmung, nicht zu radikal, nie verstörend. „New York ist aggressiv genug“, lacht Lang Lang. Und dann berichtet er, was ihn mit der Stadt so eng verbindet: „Ich kam in den späten Neunzigern nach Amerika, studierte am Curtis Institute in Philadelphia, das ist ja wie eine Familie. Und der große, lockende Moloch war nur eineinhalb Stunden entfernt. Natürlich hat mich das magisch angezogen, und ich bin sehr oft hingefahren. 2007 habe ich dann beschlossen, mich hier auch niederzulassen und im September bin ich hingezogen – definitiv die schönste New York-Jahreszeit.“
Was sind hier seine Lieblingsplätze? „Das ist einfach: die Carnegie Hall, der Central Park, in den ich dauernd gehe, auch weil ich nicht weit weg davon wohne. Der Meat Packing District und TriBeCa, um am Abend Freunde zu treffen. Das Museum of Modern Art und das Metropolitan Museum, vor allem aber – mein Appartement.“
Produzent Larry Klein, der eigentlich sein ganzes Leben in Los Angeles verbracht hat und den Herbie Hancock mit Lang Lang zusammengespannt hat, erklärt den Produktionsprozess so: „Um die Ideen zu vermitteln, die mir zum Projekt im Kopf herumgingen, wollte ich zunächst eine Reihe von Musikbeispielen entwickeln. Ich sprach meinen guten Freund Billy Childs an, der nicht nur ein unglaublich talentierter Arrangeur und Komponist ist, sondern immer auch hartnäckig auf der Suche nach neuen Ideen. Und Christopher O’Riley, den eigenwilligen, brillanten Pianisten und musikalischen Denker. Als ich Lang Lang die Ergebnisse dieser Vorarbeiten zeigte, setzte er sich nicht nur ans Klavier und spielte diese in meinen Augen außerordentlich schwierige Musik fehlerlos vom Blatt – er war auch mit dem Ansatz in jeder Hinsicht einverstanden. Wir hatten die musikalische Sprache für unser Album gefunden.
Dieses Album sollte ausgewogen und zeitlos die einzigartige Rolle porträtieren, die New York City im letzten Jahrhundert für die Entwicklung der Musik gespielt hat. Es sollte keine hyperromantisierende Darstellung werden, wie wir sie gewohnt sind. Sondern ein klingendes Gedicht, das Licht und Schatten der Stadt ausdrückt, ihre Poesie und ihre Tragik, die besondere Kombination verschiedener Elemente, die über Jahrhunderte Helden wie Narren angezogen hat.“
Das ist zweifelsfrei mit „New York Rhapsody“ gelungen.

Erscheint am 16.9.:

New York Rhapsody

Lang Lang, Jason Isbell, Herbie Hancock, Lisa Fisher, Madeleine Peyroux, Lindsey Stirling, Alicia Keys, Lou Reed


Copland und „Dirty Boulevard“

Erst war es ein Konzert im Rose Theatre in der Reihe „Jazz At The Lincoln Center“, in dem Lang Lang sein „New York Rhapsody“-Projekt mit Gaststars wie Rufus Wainwright ausprobierte (das wird noch auf DVD nachgereicht). Jetzt folgt das perfekt arrangierte Album, das vom Jazz-Age bis zu HipHop reicht, den Broadway heraufklimpert und auch mit dem Post- Punk eines Lou Reed sehr witzig auf dem Dirty Boulevard flirtet. Anfang und Ende bilden ruhige Copland-Nummern, in der Mitte steht Gershwin. Jason Isbell, Andrea Day, Kandace Springs, Lisa Fischer, Jeffrey Wright und Madeleine Peyroux steuern Vokals bei, die Youtube-Geigerin Lindsey Stirling spielt Danny Elfmans „Spider-Man“-Theme. Und immer und überall klingt Lang Lang durch.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2016



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