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(c) Stephan Boehme

Franco Fagioli

Zu Gast bei Rossini

Der Countertenor tummelte sich bislang überwiegend im Barock-Fach. Nun hat er ein Album mit Rossini-Arien aufgenommen.

Als die historische Aufführungspraxis sich zu etablieren begann, waren die Countertenöre noch Exoten. Diese erste Generation der falsettierenden Männerstimmen klang noch häufig gequält, in Sachen Intonation bedenklich und technisch wenig ausgereift. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Im Gegenteil. Aus dem früher misstrauisch beäugten Stimmphänomen ist ein Hype geworden. Derzeit kann sogar von einer regelrechten Countertenor- Schwemme gesprochen werden, denn heute singen die Herren perfekt, werden verehrt wie Pop-Stars, und manche von ihnen inszenieren ihre Auftritte auch höchst glamourös.
Die Krone des Virtuosen mit dem weitesten Stimmumfang im Kreise der hoch singenden Vokal-Artisten gebührt Franco Fagioli. Der Countertenor besitzt ein unverwechselbares Timbre, man erkennt seine Stimme nach wenigen Tönen an der dunklen, fast gutturalen Farbe in der Mittellage, der kraftvoll kernigen Tiefe – die an Marilyn Horne erinnert! – und der angstfreien, leuchtenden Höhe.
Seinen internationalen Durchbruch erlebte Fagioli 2012 mit einer Aufführungsserie und anschließender Einspielung der höllisch anspruchsvollen Partie des Arbace aus Leonardo Vincis „Artaserse“. Den eigentlich als unsingbar geltenden Part meisterte Fagioli mit traumwandlerischer Leichtigkeit. Seither ist er nicht mehr aufzuhalten.

In höchsten Tönen

Franco Fagiolis Werdegang ist ungewöhnlich, denn die ersten Schritte seiner musikaliCounschen Ausbildung absolvierte er in Südamerika, weit weg von der Alte-Musik-Szene. Fagioli stammt aus der argentinischen Provinz. Das Opernleben in Argentinien spielt sich fast ausschließlich in der Metropole Buenos Aires ab, und das klassische Konzertangebot ist bei weitem nicht so ausgebaut wie in Europa. Doch die Musikliebe der Argentinier ist groß. Auch Fagioli stammt aus einem Elternhaus, das sich für Musik interessierte, wenn auch nicht mit professioneller Ambition. Der Sohn aber fing früh an.
„Als ich Kind war, habe ich in Chören im Sopran gesungen und auch schon als Solist. Mit elf Jahren sang ich den ersten Knaben in der ‚Zauberflöte‘. Das hat sich mir tief abgespeichert.“ Dennoch blieb der Gesang zunächst Nebensache, denn Fagioli studierte zwar Musik, aber im Hauptfach Klavier. „Ich habe nie aufgehört, zu singen. Aber nur zum Spaß.“ Das Klavierstudium brachte ihn zur Korrepetition. Er begleitete Chöre bei den Proben und sang selbst noch gelegentlich mit. Der Stimmbruch ging fast spurlos an ihm vorüber. „Ich habe immer weiter mit den hohen Tönen gespielt. Und eines Tages sagte ich mir: Das klingt gut und fühlt sich auch gut an. Aber, was ist das nur?“
In der Opern-Diaspora Argentinien war auch die Alte-Musik-Tradition Europas weit weg. Fagioli wusste lange Zeit nicht, was er zum Spaß tat, denn niemand sagte ihm, dass er einen lupenreinen Countertenor besitzt. Schließlich entdeckte er es selbst, als er mit seinem Chor Pergolesis „Stabat Mater“ einstudieren sollte und sich dafür eine aktuelle Einspielung besorgte. Als er die Aufnahme hörte, stutzte er. „
Ich hörte eine Sopranstimme und eine zweite, tiefere Stimme mit einem merkwürdigen Klang. Und dann las ich das Booklet. Alt: James Bowman! Das ist ja ein Mann! Und der singt wie ich, wenn ich hohe Töne singe. In diesem Moment entdeckte ich, dass das, was ich zum Spaß mache, eine richtige Stimme ist.“
In seiner Heimatstadt San Miguel de Tucumán nahm er nun neben dem Klavier- auch ein Gesangsstudium auf. Seine erste Lehrerin war Sopranistin, die noch nie einen Countertenor unterrichtet hatte. Später ging Fagioli nach Buenos Aires, wo er an der Opern-Akademie des Teatro Colón weiter studierte, diesmal bei einem Bariton. Kein Star-Lehrer, keine internationalen Meisterkurse. Wie erklärt sich diese einzigartige Stimme? „Es ist Naturstimme plus Technik: Ich habe eine Stimme, aber ich musste hart arbeiten, um sie zu entwickeln und das ganze Register zu beherrschen. Ich habe das mit der italienischen Technik gelernt, der Belcanto-Technik.“

Abgesang auf die Kastraten

Kein Wunder also, dass Fagiolis Barock-Koloraturen ein bisschen klingen, als hätten Nicola Porpora oder Leonardo Vinci bereits gewusst, was Gioacchino Rossini viel später komponieren würde. Fagiolis Koloraturen glänzen und haben dramatischen Biss. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er vom Barock-Repertoire über Mozart und Gluck auch bei Rossini landen würde. Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen barocken Koloraturen und den Koloraturen Rossinis?
„Ich betrachte Rossini als einen Sohn des Barock. Die Barock-Koloratur hat allerdings eine klarere Identität als besonderes musikalisches Werkzeug. Barocke Koloraturen sind an sich vor allem ein Moment des technischen Könnens. Und neben dem Ausdruck von Emotion und Pathos sind sie doch sehr eng verbunden mit dem individuellen Können des Sängers, für den sie geschrieben waren! Im Laufe des 19. Jahrhunderts hat sich die Koloratur aus meiner Sicht mehr in die Richtung entwickelt, die Rolle zu charakterisieren, Emotionen und Gefühle gewissermaßen zu kolorieren.“
Vom Barock bis in die Rossini-Zeit haben auch die Geschlechteridentitäten auf der Bühne einen großen Wandel erfahren. Im Barock konnten Kastraten sowohl männliche wie weibliche Rollen singen. Rossini komponierte für männliche Figuren zwar ebenfalls auch hoch liegende Partien, aber in der Ausführung waren diese Rollen für Mezzosopranistinnen gedacht, als so genannte Hosenrollen. Wenn Fagioli nun diese Mezzo-Rollen singt, ist das sozusagen ein doppelter Rollentausch: Ein Mann singt für Frauen komponierte Rollen, die wiederum Männer darstellten. Fagioli sieht in diesem Aberwitz eine zwingende Logik: „Rossini folgte eindeutig der barocken Operntradition und Theatralik mit ihren Helden- und Liebhaber-Rollen für hohe Stimmen. Kastraten galten zwar zu Rossinis Zeit schon als altmodisch, überholt und sogar inzwischen verboten. Rossini hat diese Tradition aber dennoch fortgesetzt und weiterhin die gewisse Distanz und Melancholie geschätzt, heroische Männerrollen für hohe Stimmen zu schreiben. Und da es keine Kastraten mehr gab, hat er eben hohe Partien für Männer-Figuren geschrieben, die dann von Frauen gesungen wurden. Das ist wunderbar, und ich hoffe, dass wir mehr und mehr von Rossini entdecken und aufführen.“

Erscheint Ende September:

Rossini

Franco Fagioli, Armonia Atenea, George Petrou

DG/Universal


Hochgestimmte Identitätsfindung

Am 30. September erscheint die Einspielung mit 18 Arien von Gioacchino Rossini mit dem Orchester Armonia Atenea unter der Leitung von George Petrou. Neben Arien aus „Tancredi“ und „Semiramide“ sind Raritäten zu hören aus „Matilde di Shabran“, „Adelaide di Borgogna“, „Eduardo e Cristina“ und „Demetrio e Polibio“, Rossinis Opernerstling. Die Altistin Adelaide Malanotte sang darin Rossinis erste Hosenrolle und ein Jahr später die Titelpartie des Tancredi, mit dessen sensationellem Erfolg Rossini 1813 der Durchbruch gelang. Neben Herrscherfiguren sind es häufig Figuren, die nicht um ihre Herkunft wissen und auf der fiebrigen Suche nach ihrer Identität sind, denen Rossini die hohen Stimmen verlieh.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 4 / 2016



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